Europa: Wenn Ungewissheit den Blick auf Chancen verstellt

30.01.2018

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Ende 2013 schrieb ich in einem Artikel, dass es auf den ersten Blick abwegig erscheine, zugunsten einer Anlage in europäische Aktien zu argumentieren. Im Anschluss daran legte ich dar, warum ich entgegen dem Trend europäische Aktien dennoch für eine interessante Anlageoption hielt. Zu diesem Zeitpunkt malten viele internationale Beobachter den Ausblick für die Region in düsteren Farben. Kein Wunder, denn die strukturellen Probleme Europas waren hinlänglich bekannt: ein geringes BIP-Wachstum, eine Fülle lästiger Vorschriften und hohe Steuern. Nun wird Angela Merkel nicht müde zu betonen, dass Europa 7 Prozent der Weltbevölkerung, 25 Prozent des globalen BIP und 50 Prozent der weltweiten Sozialausgaben auf sich vereint. Trotz aller Probleme gab es auch 2013 schon viele gut geführte und global führende europäische Unternehmen, die sich durch ihre vergleichsweise attraktive Bewertung als interessantes langfristiges Investment empfahlen.

Natürlich ist es eine Binsenweisheit, dass Europa nicht gerade die Heimat der Superstars aus Social Media und Internet ist. Genauso wahr ist aber auch, dass es zahlreiche andere Sektoren und hochspezialisierte Nischen gibt, die von europäischen Akteuren dominiert werden und sich durch lukrative Kapitalrenditen und hohe Eintrittshürden auszeichnen. Die Zukunftsaussichten dieser Unternehmen sind von der BIP-Entwicklung der Länder, in denen sie ansässig sind oder gegründet wurden, weitgehend unabhängig. Lassen Sie uns also einen Blick darauf werfen, wie es einigen der weniger bekannten Sterne am europäischen Himmel in den letzten Jahren ergangen ist.

„Made in Europe“ als Gütesiegel

Der Schweizer Spezialchemie-Anbieter Sika entwickelte ursprünglich Abdichtungssysteme für Tunnelbauwerke in den Schweizer Alpen, die auch heute noch in aller Welt zum Einsatz kommen, sei es in Israel bei der Durchtunnelung des Mount Carmel oder bei den U-Bahnstrecken in London, die 2018 in Betrieb gehen. Tunnelabdichtungen sind jedoch nur ein kleiner Teil des breit gefächerten Sika-Sortiments, das neben Kleb- und Dichtprodukten auch Lösungen für Bauwerksschutz und -sanierung umfasst. Jeder Architekt und Bauingenieur, der sich mit modernen Gebäuden oder Infrastrukturbauten befasst, kennt die Produkte der Schweizer Firma. Obwohl auf sie nur ein Bruchteil der Gesamtkosten eines Bauwerks entfällt, tragen die Produkte entscheidend dazu bei, die Baukosten zu senken und die Bauwerksleistung über die gesamte Lebensdauer hinweg zu verbessern. Nicht umsonst greifen Planer weltweit bei ihren Spezifikationen auf Sika-Produkte zurück – eine Loyalität, die dem Unternehmen einen gewissen Freiraum bei der Preisgestaltung gibt. Zu den überzeugten Sika-Anlegern gehört auch Microsoft-Gründer Bill Gates; sein Investment hat zwischen dem 31. Dezember 2013 und dem 31. Dezember 2017 mehr als 230 % an Wert gewonnen.

Auf die Frage nach dem absolut Lebensnotwendigen würden die meisten vermutlich antworten: Brot, Wasser, vielleicht noch das Internet. Kaum bekannt dürfte dagegen sein, dass unser Leben auch von Druckluft abhängt, denn sie kommt in zahllosen Dingen unseres täglichen Lebens zum Einsatz, darunter Autos, Lebensmittel, Pharmazeutika oder auch Baustoffe. Druckluft ist häufig das wichtigste Betriebsmittel einer modernen automatisierten Fertigung. Die schwedische Firma Atlas Copco beherrscht mit ihren Kompressoren diesen weniger bekannten und doch so wichtigen Markt. Ihre Produkte verkaufen sich trotz ihrer hohen Preise bestens, da sie deutlich energiesparender sind als Wettbewerbslösungen. Das spielt eine wichtige Rolle, denn 70 Prozent der über die gesamte Lebensdauer auflaufenden Kosten entfallen auf den Energieverbrauch. Die Kompressoren von Atlas Copco lassen sich mit einem Auto vergleichen, das mit derselben Menge Benzin sehr viel weiter fährt als die Konkurrenz. Dazu kommt, dass die Folgeerlöse aus Ersatzteilverkauf und Wartung ein Mehrfaches der Einnahmen aus dem ursprünglichen Produktverkauf ausmachen. Die jährlich wachsende Basis installierter Geräte sorgt also für eine stetigen Strom sehr lukrativer wiederkehrender Umsätze. Atlas Copco ist zwar bekannter als Sika, aber auch sein Kurs hat sich in den letzten vier Jahren verdoppelt (Stand 31. Dezember 2017).

Die Revolution des Retail-Marktes

Der Boom des Internethandels ist in aller Munde; weit weniger bekannt ist, was hinter den Kulissen dafür sorgt, dass die Anbieter ihre Produkte online an den Mann oder die Frau bringen können. Die Verlagerung des Einkaufs vom stationären Handel ins Internet hat enorme Auswirkungen auf die Logistikbranche, von der erwartet wird, dass sie die bestellten Produkte effizient und preisgünstig nach Hause liefert. Mehr Wettbewerb und transparentere Preise führen dazu, dass vermehrt Anstrengungen zur Senkung der Logistikkosten, z.B. durch automatisierte Kommissionierung und Sortierung, unternommen werden. Europa beheimatet einige Marktführer im Bereich der Lagertechnik, wie Kion oder Jungheinrich. Stellen Sie sich moderne Gabelhubwagen als eine Art Esel des Industriezeitalters vor: Sie sind schlauer als die traditionellen Lasttiere, werden mit Batterien betrieben und brauchen keine Arbeitspause. Angetrieben durch die starke Nachfrage, konnten die beiden Lagertechnikexperten ihren Börsenkurs in den vergangenen vier Jahren mehr als verdoppeln.

Ganz abgesehen von Bauwesen und Automatisierung sollte nicht vergessen werden, dass Europa zu den reichsten Regionen der Welt zählt. Es gibt zahlreiche exzellente, stabile und defensive Unternehmen, die mit dem Verkauf ihrer Produkte oder Dienstleistungen an gut situierte europäische Verbraucher exzellente Erträge erwirtschaften. Ein Beispiel ist die dänische Brauerei Royal Unibrew, die sich auf den Absatz margenstarker Biere und Softdrinks in Skandinavien und Italien spezialisiert hat. Als wir Royal Unibrew in unser Portfolio aufnahmen, war es deutlich schwächer bewertet als seine globale Konkurrenz aus dem Konsumgüter- und Markensektor. Mit seinem Fokus auf Kostenkontrolle und innovative Produkte wie Craft-Biere konnte Royal Unibrew seinen Kurs zwischen dem 31. Dezember 2013 und dem 31. Dezember 2017 um mehr als 250 Prozent nach oben hieven. Damit erzielte es eine deutlich bessere Kapitalrendite als besser bekannte internationale Brauereien und Spirituosenhersteller.

Eine langfristige Strategie für Europa

Ihren US-Pendants hinken die europäischen Indizes hinterher; gerade deshalb haben sie andererseits jedoch ein größeres Aufwärtspotenzial. Europa hat Jahre gebraucht, um die verheerenden Auswirkungen der Finanzkrise und der darauf folgenden europäischen Schuldenkrise zu bewältigen. Aber trotz widriger politischer und ökonomischer Umstände florieren viele Unternehmen auf dem alten Kontinent. Dank der besseren Wirtschaftslage konnte sich das Bruttoinlandsprodukt in Europa in den zurückliegenden Quartalen besser entwickeln als in den USA. Vor diesem Hintergrund haben wir uns zuletzt auf Unternehmen konzentriert, die in den vergangenen Jahren eine erfolgreiche Restrukturierung durchlaufen haben und unserer Meinung nach bestens aufgestellt sind, um vom aufgehellten Wirtschaftsklima zu profitieren.


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