Europäische Aktien: Ist die Aktiendispersion mit einem Schlag zurück?

05.06.2018

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Entbrennt der Kampf um die Marktführerschaft in Europa neu? John Bennett, Leiter European Equities, lässt die ersten sechs Monate des Jahres Revue passieren. Dabei beleuchtet er einige Faktoren, die seine Einschätzung stützen, dass 2018 für die Rendite die richtige Titelauswahl entscheidender sein wird als die Sektorauswahl.

Wie schätzen Sie das erste Halbjahr 2018 ein?

Mit diversen Einschätzungen des Konsens konnte ich mich Anfang des Jahres überhaupt nicht anfreunden. Am Jahreswechsel herrschte allgemein die Einschätzung vor, dass sich die Dinge sehr gut entwickeln und Europa zum starken Wachstum in den USA und China aufgeschlossen hat. Alle Weichen für eine Teilnahme an der Wachstumsparty schienen gestellt. Der Blick auf die Geldmengenaggregate zeigte jedoch bereits, dass wir den Höhepunkt vermutlich überschritten hatten und es nicht besser werden würde.

Ich rechnete mit einem Führungswechsel an den Märkten, nachdem Growth-Aktien zehn Jahre lang Value-Aktien weit hinter sich gelassen und Small bzw. Mid Caps ihren großen Wettbewerbern den Rang abgelaufen hatten. Genau das meinte ich, als ich Anfang des Jahres über die „Die Rückkehr der Volatilität“ schrieb. Das sollte jedoch keineswegs heißen, dass wir aus meiner Sicht auf einen Konjunkturabschwung oder eine Rezession zusteuern. Aber ich hatte den Eindruck, dass die Konsensprognose eines global synchronen Wachstums auf die Probe gestellt werden würde. Einen ersten Vorgeschmack darauf haben wir ja bereits bekommen.

Wie sind Ihre Erwartungen mit Blick auf den Rest des Jahres?

Ich bin überzeugt, dass man sein Kapital in diesem Jahr nicht in einen Index investieren sollte, wenn man damit Geld verdienen will. 2018 wird kein Jahr, in dem passive Anlagen glänzen oder man wesentliche Entscheidungen zur Sektorallokation treffen sollte. Für mich ist 2018 das Jahr der Stockpicker. Ich glaube, die Aktiendispersion wird wieder eine wichtige Rolle spielen. Wir müssen uns daher aktiv entscheiden, welche Bank oder welches Pharmaunternehmen wir im Portfolio haben wollen. Auf welche Growth- oder Value-Aktie wollen wir setzen? Nur selten werden wir gefragt, welche Aktie wir nicht mögen. Dennoch geht es bei mindestens 90% unserer Anlageentscheidungen genau um diese Frage. Zu wissen, was man nicht mag, wird 2018 ebenso wichtig sein wie zu wissen, wofür man sich entscheidet.

Was ist die wichtigste strategische Entscheidung, die Sie in diesem Jahr getroffen haben?

Im Januar beschlossen wir, bei den europäischen Banken in unserem Portfolio Gewinne mitzunehmen und kehrten so zu unserer üblichen vergleichsweise geringen Allokation in diesem Sektor zurück. Unser Fokus liegt dabei auf regionalen und binnenorientierten Banken, die andere langweilig finden mögen. Aber wie bereits erläutert, steht für uns die Titel- und nicht die Sektorauswahl im Fokus. Zwei Gründe waren für unsere Anlageentscheidung ausschlaggebend: Der Motor der Weltwirtschaft brummt zwar, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er zu stottern beginnt. Zudem flacht sich die Renditekurve ab, was für Banken nichts Gutes verheißt. Der zweite Grund war sektorspezifischer Art. Bei Banken ist es wie mit vielen anderen Dingen: Je mehr wir mit Vertretern von Geldhäusern sprechen, je mehr wir uns mit Banken beschäftigen, umso deutlicher erkennen wir die disruptiven Folgen des technologischen Fortschritts. Und sie stellen eine echte Gefahr für die Zinsmargen dar – und zwar für die gesamte Bankenbranche.

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Glossar:

Geldmengenaggregate: Maßzahlen für die in der Wirtschaft eines Landes oder in einem Sektor zirkulierende Geldmenge.

Growth-Anlagen: Growth-Anleger suchen nach Unternehmen, die in der Lage sind, ihren Gewinne im Vergleich zum restlichen Markt überdurchschnittlich zu steigern. Dadurch steigt auch der Wert ihrer Aktien.

Value-Anlagen: Value-Anleger halten Ausschau nach Unternehmen, die ihrer Ansicht nach vom Markt unterbewertet werden und bei denen sie daher mit einem Kursanstieg rechnen, mit dem sich die Bewertungslücke schließt.

Volatilität: Ausmaß der positiven wie negativen Wertschwankungen eines Portfolios, Wertpapiers oder Index. Schwankt der Wert stark nach oben oder unten, spricht man von hoher Volatilität. Schwankt der Wert langsamer und nur geringfügig nach oben oder unten, spricht man von geringerer Volatilität.

Aktiendispersion: bezeichnet den Preisunterschied zwischen den besten und den schwächsten Aktien in einem Markt, Sektor oder Land. Eine hohe Aktiendispersion ermöglicht es einem Fondsmanager, seine Fähigkeiten bei der Auswahl unterbewerteter Qualitätsaktien unter Beweis zu stellen, statt zum Erzielen einer Performance auf allgemeine Markttrends zu vertrauen.

Renditekurve: ein Graf, der die Rendite festverzinslicher Wertpapiere wie z.B. Anleihen im Vergleich zu ihrer Restlaufzeit (der Zeit bis zur Rückzahlung der Anleihe) abbildet. Da mit zunehmender Laufzeit das Risiko steigt, haben Anleihen mit längerer Laufzeit höhere Zinsen, sodass die Renditekurve üblicherweise mit der Laufzeit ansteigt. Für eine sich abflachende Renditekurve kann es mehrere Gründe geben. Sie kann jedoch auch ein Hinweis darauf sein, dass der Wirtschaft schwierigere Zeiten bevorstehen.

Zinsmarge: bezeichnet die Spanne zwischen den Zinsen, die Banken für vergebene Kredite verlangen, und den Zinsen, die sie auf die Einlagen ihrer Kunden (wie z.B. Kontoinhaber) zahlen.



Die vorstehenden Einschätzungen sind die des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und können von denen anderer Personen/Teams bei Janus Henderson Investors abweichen. Die Bezugnahme auf einzelne Wertpapiere, Fonds, Sektoren oder Indizes in diesem Artikel stellt weder ein Angebot oder eine Aufforderung zu deren Erwerb oder Verkauf dar, noch ist sie Teil eines solchen Angebots oder einer solchen Aufforderung.

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