Schon seit einigen Monaten geht es für Aktien aus der Biotechnologiebranche stetig bergab. Gewisse Herausforderungen für den Sektor sind zwar nicht von der Hand zu weisen. Attraktive Bewertungen und ein hohes Tempo der medizinischen Innovation könnten es Anlegern aber schwer machen, Biotech-Aktien zu ignorieren, sagt Portfoliomanager Andy Acker.

Zentrale Erkenntnisse

  • Biotechnologieaktien standen in den letzten Monaten auf den Verkaufslisten der Anleger ganz weit oben. Schuld waren Ängste vor einer möglichen Gesundheitsreform und weltweiten Konjunkturabkühlung sowie Gegenwind aus anderer Richtung.
  • Aber seit dem Kursrückgang sind die Bewertungen attraktiver geworden. Zugleich steigt mit medizinischen Durchbrüchen die Zahl der neu eingeführten Produkte rasant an, was die Fusions- und Übernahmetätigkeit (M&A) belebt.
  • Das Zusammenspiel aus verlockenden Bewertungen und kontinuierlicher Innovation könnte helfen, das Wachstum der Branche unabhängig vom politischen oder wirtschaftlichen Umfeld anzukurbeln.

Schwankungen im Biotechnologiesektor sind nichts Ungewöhnliches, wie dieses Jahr einmal mehr anschaulich belegt. Nach einem Höhenflug um 30% Anfang des Jahres begann der S&P Biotechnology Select Industry Index am 5. April einen mehrere Monate anhaltenden Abstieg und gab im Oktober um mehr als 20% nach.1 Auslöser des Ausverkaufs war die vom Gesetzgeber in den USA in Angriff genommene Reform der Arzneimittelpreise sowie die Forderung möglicher Präsidentschaftskandidaten, das Gesundheitssystem grundlegend neu zu ordnen. Unsicherheit über das globale Wirtschaftswachstum und die Handelsspannungen schufen zudem ein risikoaverses Umfeld für die Finanzmärkte. Darunter litten insbesondere kleinere Biotech-Aktien, die zur Finanzierung auf die öffentlichen Märkte angewiesen sind. Erschwerend kamen enttäuschende Ergebnisse bei einigen hochkarätigen klinischen Studien hinzu, allen voran bei solchen zur Alzheimer-Krankheit. Kurz, das hohe Risiko-Ertragsprofil der Biotechnologie schien doch etwas zu sehr in Richtung Risiko zu tendieren.

Bewertungen verbessern sich, Pipelines sind gut gefüllt

Dies ist aber nicht das erste Mal, dass Biotech-Aktien schwächeln, und vermutlich auch nicht das letzte Mal. Aber für langfristig orientierte Anleger mit der entsprechenden Risikotoleranz bleiben die Fundamentaldaten der Branche so attraktiv wie eh und je. So hat die jüngste Talfahrt die Bewertungen attraktiver gemacht. Im S&P Biotechnology Select Industry Index sind sie so niedrig wie noch nie, wird er doch mit einem Abschlag von über 40% verglichen mit dem breiteren Markt gehandelt (siehe Grafik 1).

Grafik 1: Bewertungen von Biotech-Aktien (Forward-Kurs-Gewinnverhältnis (KGV)

Quelle: Bloomberg. Quartalsangaben vom 30. September 1992 bis 30. September 2019

Zugegeben, für den Rückgang der Bewertungsvielfachen einiger großer Biotech-Firmen gibt es gute Gründe. Schließlich laufen bei immer mehr von ihnen in Kürze Patente aus, so dass in den nächsten Jahren ein intensiver Wettbewerb durch Generika oder Biosimilars droht.

Aber es gibt auch Ausnahmen. AbbVies Blockbuster-Medikament zum Beispiel verliert 2023 seinen Patentschutz in den USA. Dies hatte einen Rückgang des Forward-KGV auf 6,8 in diesem Jahr zur Folge. Zur Erläuterung: Als Blockbuster wird ein Medikament bezeichnet, das einen Jahresumsatz von mindestens einer Milliarde USD generiert.2 Auf diesen Fall bereitet sich das Unternehmen jedoch akribisch vor. Unlängst erhielt es von der US-Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung für Rinvoq, ein oral verabreichtes Medikament gegen rheumatoide Arthritis, sowie für Skyrizi, ein vierteljährlich zu injizierendes Mittel gegen Schuppenflechte, das bei Patienten großen Anklang findet.

Vertex Pharmaceuticals ist eine weitere Ausnahme von der Regel. Im Oktober bekam das 50 Milliarden Dollar schwere Biotech-Unternehmen die FDA-Zulassung für ein neues Medikament zur Behandlung von Mukoviszidose. Diese ganz neue Therapie verbessert den Pflegestandard für 90% der Mukoviszidose-Patienten und dürfte das Umsatzwachstum von Vertex kräftig in Schwung bringen.

Kleine und mittlere Biotech-Firmen als Innovationsmotor

Einige der aufregendsten medizinischen Durchbrüche – angefangen von lebensverändernden Gentherapien bis hin zu kleinmolekularen, zielgerichteten Therapien gegen Krebs – stammen derweil von kleinen und mittleren Biotech-Firmen. Viele von ihnen arbeiten immer noch an der Entwicklung ihrer Pipelines und haben daher kein verlässliches Ertragsprofil. Aus unserer Sicht könnten sie aber die nächsten Biotech-Riesen werden, während die aktuellen Marktschwankungen ihr Risiko-Ertragsprofil für Anleger verbessern.

Deshalb wundert es nicht, dass es in diesem Jahr in der Branche bereits zahlreiche Fusionen und Übernahmen (M&A) gab. Bis 31. Oktober wurden im Biotech-Sektor M&A-Transaktionen im Volumen von fast 190 Milliarden USD angekündigt. Damit ist 2019 auf dem besten Weg, den Vorjahresrekord von 221 Milliarden USD einzustellen. Viele der Akquisitionen erfolgen mit erheblichen Kursaufschlägen.

So gab beispielsweise Alexion Pharmaceuticals im Oktober Pläne zur Übernahme von Achillion Pharmaceuticals für einen Preis von 930 Millionen USD bekannt. Das entsprach einer Prämie auf den damaligen Kurs von rund 73%, die sogar noch steigen könnte, wenn bestimmte klinische und regulatorische Meilensteine erreicht werden. Achillion entwickelt orale kleinmolekulare Wirkstoffe gegen seltene Krankheiten, die mit dem Komplementsystem, einem Teil des angeborenen Immunsystems, zusammenhängen. Dazu gehören die paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH), eine lebensbedrohliche Blutkrankheit. Mit seiner Pipeline könnte Achillion helfen, das Produktangebot von Alexion zu erweitern und zu diversifizieren.

Grafik 2: M&A-Karussell in der Gesundheitsbranche dreht sich schneller (Gesamtvolumen)

 

Quelle: Bloomberg, Stand: 31. Oktober 2019

Dem Zusammenschluss von Alexion und Achillion muss die Handelskommission der Vereinigten Staaten (FTC) allerdings noch grünes Licht geben. Zuletzt hatte sie diverse Transaktionen mit Biotech-Firmen wegen kartellrechtlicher Bedenken blockiert. Diese regulatorische Unsicherheit hat den Druck auf Biotech-Aktien zwar verstärkt, aber auch für dieses Problem gibt es Lösungen.

Bristol-Myers Squibb beispielsweise hatte Anfang des Jahres angekündigt, Celgene für 74 Milliarden USD übernehmen zu wollen. Kürzlich verkaufte es deshalb wie von der FTC gefordert Otezla, sein Medikament gegen Schuppenflechte. Der Preis dafür lag sogar über den erwarteten 13,4 Milliarden USD, und mit dem Verkauf ist die Zustimmung der Aufsichtsbehörde wahrscheinlicher geworden. Zugleich haben sich auch die Aussichten für das fusionierte Unternehmen aufgehellt. So gab es bei Opdivo, der Immuntherapie von Bristol-Myers, unlängst positive Daten aus einer klinischen Studie zu vermelden, in der es als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung von Lungenkrebs eingesetzt wurde. Darüber hinaus kann Celgene mehrere wichtige Fortschritte in seiner Pipeline verbuchen, darunter bei Luspatercept, einem gemeinsam mit dem kleinen Biotech-Unternehmen Acceleron Pharma entwickelten Produkt. Luspatercept bietet enorme Vorteile bei der Behandlung chronischer Anämie im Zusammenhang mit myelodysplastischen Syndromen und Beta-Thalassämie, beides Bluterkrankungen. Das Medikament hat nach Meinung von Experten Blockbuster-Potenzial.

Wissenschaftliche Durchbrüche am laufenden Band

Trotz deutlich größerer Schwankungen ist die Bilanz der Biotech-Branche langfristig gesehen besser als die des S&P 500 Index. Das derzeit hohe Innovationstempo könnte die Kurse künftig auf Trab bringen. Seit 2017 hat die FDA mehr als 100 neue Therapien zugelassen, darunter auch die ersten beiden Gentherapien. Eine davon, Zolgensma, zielt auf die spinale Muskelatrophie ab, eine der häufigsten genetischen Ursachen für Kindersterblichkeit. In klinischen Studien erzielte die Behandlung mit dieser Gentherapie nie da gewesene Überlebensraten bei Säuglingen und eine schnelle Verbesserung der motorischen Funktionen.

Grafik 3: Biotech-Aktien schneiden seit Jahren überdurchschnittlich ab

Quelle: Bloomberg. Wöchentliche Daten vom 31. Dezember 1999 bis 25. Oktober 2019. Indizes indexiert auf 100 per 31. Dezember 1999. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist keine Garantie für künftige Erträge.

Zolgensma ist nur ein Beispiel für die zahlreichen medizinischen Durchbrüche der letzten Zeit. Allein im vergangenen Jahr erhielt fast die Hälfte der von der FDA zugelassenen Behandlungsmethoden den Orphan-Drug-Status3. Und mehr als ein Drittel stützte sich auf neuartige Wirkmechanismen (biochemische Prozesse im Körper, die von der Wirkung eines Medikaments betroffen sind), so ein Bericht des IQVIA Institute for Human Data Science. Aber damit nicht genug: Heute befinden sich 3.876 Immuntherapien weltweit in der Entwicklung – ein Anstieg um 91% seit 2017.4

Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass die aktuelle Flut an Forschung und Entwicklung zu erfolgreichen neuen Medikamenten führen wird. Aber die Daten legen nahe, dass die Innovationen Fahrt aufnehmen ungeachtet der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

 

1Bloomberg, Stand: 9. Oktober 2019, gemessen in US-Dollar.

2Bloomberg, Stand: 18. Oktober 2019. KGV basierend auf den geschätzten Gewinnen der nächsten 12 Monate.

3Zitat der FDA: „Das Orphan-Drug-Gesetz (ODA) sieht vor, dass auf Antrag eines Sponsors einem Medikament oder biologischen Produkt („Medikament“) zur Behandlung einer seltenen Krankheit oder Erkrankung ein Sonderstatus eingeräumt wird. Dieser Status wird als „Orphan Designation“ oder auch „Orphan-Status“ bezeichnet. Durch ihn hat der Sponsor des Medikaments Anspruch auf verschiedene Entwicklungsanreize gemäß dem ODA, darunter Steuergutschriften für die Durchführung qualifizierter klinischer Studien.“

4 „Immuno-Oncology Drug Development Goes Global“, Cancer Research Institute, 27. September 2019.

 

Der S&P 500® Health Care Index beinhaltet jene Unternehmen aus dem S&P 500 Index, die gemäß der GICS®-Klassifizierung dem Gesundheitssektor zugerechnet werden.

Der S&P Biotechnology Select Industry Index beinhaltet Aktien des S&P Total Market Index (TMI), die gemäß der GICS®-Klassifizierung dem Teilsektor Biotechnologie zugerechnet werden. Der S&P TMI wurde entwickelt, um den breiten Aktienmarkt, einschließlich große, mittlere, kleine und Kleinstunternehmen, abzubilden.