Daniel Graña, Portfoliomanager für Schwellenländeraktien geht davon aus, dass der Anfang vom Ende der Ordnung nach dem Kalten Krieg und der Aufstieg eines selbstbewussten Chinas enorme Auswirkungen auf die Anlagetätigkeit haben.

  Zentrale Erkenntnisse:

  • Angesichts einer erschöpften Globalisierung und der zu erwartenden Fragmentierung der Endmärkte ist Daniel Graña der Ansicht, dass der Handel voraussichtlich stärker lokalisiert und damit selbstverständlich weniger effizient sein wird als in einer globalisierten Welt.
  • Viele Unternehmen in Industrieländern werden möglicherweise den Zugang zum chinesischen Einflussbereich verlieren bzw. gezwungen sein, parallele Lieferketten aufzubauen.

Die Balkanisierung der Endmärkte wird für viele schmerzhaft sein, gleichzeitig aber auch recht mächtlig für Unternehmen, die Marktanteile von ausscheidenden US-Unternehmen gewinnen. 

Die Welt des weitgehend freien Verkehrs von Kapital, Menschen, Gütern und Technologie neigt sich ihrem Ende entgegen. Die Überzeugung, dass der Welthandel mehr ist als ein Nullsummenspiel, ist stark beschädigt. Die scheinbar unvermeidliche „Balkanisierung“ (Fragmentierung) der Endmärkte1 wird wahrscheinlich zu einer Lokalisierung führen, die selbstverständlich weniger effizient ist, als eine globalisierte Welt. Viele Unternehmen in Industrieländern werden möglicherweise den Zugang zum chinesischen Einflussbereich verlieren bzw. gezwungen sein, parallele Lieferketten aufzubauen. Ich erwarte, dass der Weg zu einer „bipolaren Welt“ von Volatilität und Überraschungen geprägt sein wird.

Hintergrund

Als China unter dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton in die Welthandelsorganisation (WTO) aufgenommen wurde, ging man davon aus, dass die wirtschaftliche Entwicklung, eine wachsende Mittelschicht und die Interaktionen mit der Außenwelt, allesamt Bestandteil der Globalisierung, China grundlegend verändern und schließlich die Demokratie fördern würden. Die großen Erfolgsgeschichten von Südkorea und Taiwan und selbst die kleineren beispielsweise in Chile und Mexiko, verzeichneten alle zunächst einen wirtschaftlichen Wandel unter der ein oder anderen Diktatur, bevor sie sich unweigerlich in Richtung Demokratie bewegten. Die WTO war praktisch ein trojanisches Pferd. Für viele war es unvorstellbar, dass der Pfad der wirtschaftlichen Entwicklung nicht letztendlich den Grundstein für Demokratie und eine allgemeine Akzeptanz der globalen Normen der Pax Americana2 schaffen würde.

Diese Annahme war jedoch falsch.

Wirtschaftlich könnte man argumentieren, dass China weder dem Buchstaben noch dem Geist des WTO-Beitrittsabkommens gefolgt ist. Chinesische Politiker schützten staatliche Unternehmen. Ausländisches geistiges Eigentum wurde angeblich zwangsweise übertragen oder gestohlen. Die enorme Verschuldung ebnete den Weg für einen Rückgang der Kapitalkosten auf nahe Null und half damit zahlreichen chinesischen Unternehmen, sich ein größeres Stück vom Weltmarktkuchen zu sichern. Mit Hilfe zollfremder Schranken (zum Beispiel der Großen Chinesischen Firewall) im Rahmen seiner Industriepolitik brachte China nationale Champions in kritischen Bereichen hervor. Das Reich der Mitte hatte offensichtlich ein anderes Rezept für Größe gefunden.

Computer plate and flag of China red yellow star

Die Demokratie konnte niemals Fuß fassen. Staatspräsident Xi Jinping genießt in jüngster Zeit mit seinen Bemühungen zur Bekämpfung von Korruption und seinem Kurswechsel in Richtung einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung (geringeres Wachstum und weniger Umweltschäden) in seiner Heimat große Beliebtheit. Die Kommunistische Partei Chinas (KPC) ist vermutlich heute mächtiger denn je.

Darüber hinaus haben Amerikas gescheiterte Abenteuer im Nahen Osten, seine katastrophale Rolle in der weltweiten Finanzkrise und die schmerzliche Erfahrung mit der COVID-19-Pandemie chinesische Politiker in ihrer Überzeugung bestärkt, dass die USA nicht nur einen relativen, sondern auch einen absoluten Niedergang erleben. Aus chinesischer Sicht ist dies also ein günstiger Zeitpunkt für eine separate Einflusssphäre.

Auftritt von Donald Trump auf der politischen Bühne

Chinesische Politiker hielten einen Handels- und Technologiekrieg mit den USA für unausweichlich, rechneten allerdings erst in ein bis zwei Jahrzehnten mit einem solchen Konflikt. Das politische System in den USA ließ die Verlierer des technologischen Wandels und der Globalisierung jedoch im Stich und verkürzte damit diese Frist, indem es die Voraussetzungen für die Wahl von US-Präsident Trump schuf. Gemäß der „America First“-Doktrin sind Handelsdefizite Anzeichen für Missbrauch, wobei sogar Verbündete die USA ausnutzten.

Nach der relativ schnellen Einigung mit Südkorea, Kanada und Mexiko (in deren Verlauf unseres Erachtens viel Wohlwollen vernichtet wurde), wandte sich die Regierung unter Präsident Trump China zu. Die Komplexität der sino-amerikanischen Beziehungen und Xi Jinpings unverrückbare Kernphilosophie einer staatlich geförderten Entwicklung verhinderten jedoch ein umfassendes Handelsabkommen. Das Phase 1-Abkommen war lediglich als Wegbereiter für ein robusteres Phase 2-Abkommen gedacht, das nie zustande kam.

Danach änderte sich Trumps politisches Kalkül. Sinkende Umfragewerte aufgrund des von vielen Seiten bescheinigten Versagens angesichts der Pandemie und des daraus resultierenden wirtschaftlichen Schadens haben den Dealmaker Trump zum China-Falken gemacht. Der Handelskrieg hat sich in zu einem breit angelegten Vorstoß gewandelt, das Beziehungsgeflecht zwischen Technologie, Kapital und Information zu entkoppeln. Die US-Regierung geht mit aller Härte gegen Wirtschaftsspionage (Schließung des Konsulats in Houston), Technologie mit doppeltem/unklarem Verwendungszweck (Angriff auf Huawei) oder die Überwachung amerikanischer digitaler Informationen (Verbot von TikTok) vor. Ein Konflikt im Ausland ist eine nützliche Ablenkung der Wähler im Vorfeld der Wahlen, und die Breitseiten gegen China markieren sicherlich den Anfang eines unkonventionellen Kalten Krieges.

Warum hat China auf die zahlreichen Provokationen der Trump-Regierung anscheinend nur verhalten reagiert? Das führt zwangsläufig zu der Schlussfolgerung, dass China nach wie vor von US-Technologie abhängig ist und erwartet, dass US-Multis mit Aktivitäten in China sich bei der US-Regierung für eine Abschwächung des harten Kurses einsetzen werden und darauf hoffen, dass der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden im November das Rennen macht.

Müssen wir nach den US-Wahlen mit einer Änderung des Tons oder einem Kurswechsel rechnen? Ich glaube, dass die Würfel bereits gefallen sind, unabhängig davon, ob Trump wiedergewählt oder Biden zum Sieger erklärt wird. Biden würde mit Blick auf China wahrscheinlich einen stärker multilateralen Ansatz verfolgen, aber keiner von beiden wird voraussichtlich das Finale in den sino-amerikanischen Beziehungen ändern, sondern nur das Tempo. Die Systeme der beiden Länder sind aufgrund der unterschiedlichen Interessen und natürlichen Brennpunkte nicht kompatibel. Die USA und China von heute gleichen weniger Großbritannien und den USA im späten 19. Jahrhundert, wo ähnliche Systeme beschlossen, sich die Welt zu teilen, sondern eher den USA und der UDSSR nach dem Zweiten Weltkrieg, als nach dem Sieg über ihren gemeinsamen Feind Nazi-Deutschland ein Konflikt unvermeidlich war.

Auswirkungen auf Anlagen

1. Lieferketten werden diversifiziert und verkürzt

Es gibt einen Unterschied zwischen Portfoliomanagern (PMs), die in börsennotierte Wertpapiere anlegen, und Unternehmen, die in Fabriken, Lieferketten und Technologie investieren. PMs können ihre Meinung leicht ändern und ihre Positionen einfach verkaufen, für Investoren in reale Vermögenswerte und Unternehmensgründer ist das dagegen deutlich schwerer. Angesichts der größeren Unsicherheit darüber, in welche Richtung sich die chinesisch-amerikanischen Beziehungen entwickeln werden, bin ich der Ansicht, dass sich langfristig orientierte Anleger auch wenn es eine Atempause im Konflikt geben sollte, ernsthaft überlegen sollten, ihre Lieferketten abseits von China zu diversifizieren. Wir Anleger müssen unsere Unternehmen dabei nach dem Umfang der erforderlichen Investitionsausgaben, dem Zeitrahmen und den Unterschieden in Bezug auf die Betriebskosten fragen. Mitunter können Vietnam, Mexiko und sogar die USA (zum Beispiel eine Halbleiterfabrik von Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. (TSMC) zu den Nutznießern gehören, aber für einen reibungslosen Übergang könnte staatliche Unterstützung erforderlich sein. Die Diversifizierung der Lieferkette ohne staatliche Unterstützung ist eindeutig weniger effizient als mit.

2. Unternehmen sollten nicht auf einen globalen Endmarkt zählen

Warum sollte China keinen chinesischen Ersatz für Router von Cisco, CRM-Unternehmenssoftware, Qualcomm-Chips etc. finden? Wenn es eine gute Alternative gibt, empfieht es sich, zu lokalisieren. Kleinere Endmärkte haben enorme Auswirkungen auf die Innovationsgeschwindigkeit (weniger F&E aufgrund geringerer Umsatzbasis), Margen (weniger Umsatz, der die Kosten verwässern könnte) und das Umsatzwachstum. Wenn es Auswirkungen auf Kapitalrenditen und Umsatzwachstumsraten gibt, warum dann nicht auch auf die Bewertungen? Die Balkanisierung der Endmärkte wird für viele schmerzhaft sein, gleichzeitig aber auch ein mächtiger Impuls für Unternehmen, die Marktanteile von ausscheidenden US-Unternehmen gewinnen.

3. Ein kalter Krieg kann sich erhitzen

Sollte die Geduld des chinesischen Präsidenten Xi zu Ende gehen, warum sollte er seine Vergeltungsmaßnahmen nicht verstärken? Boeing, Apple, Starbucks, Ford und andere multinationale US-Konzerne haben umfangreiche Aktivitäten in China, einem Land, von dem einige sagen, dass nicht das Gesetz, sondern die Partei regiert. In einem derartigen Kontext können die Regierungen von Schwellenländern durchaus mit einer Steuerprüfung, Untersuchung der Lieferkette oder Studie über Marktmissbrauch überraschen.

4. Die Brennpunkte Taiwan und Hongkong

Hongkong (HK) ist Chinas Fenster zur Finanzwelt und könnte die US-Kapitalmärkte für chinesische Unternehmen ersetzen, die im Ausland an die Börse gehen wollen. Die Programme Shanghai-HK und Shenzhen-HK Connect sind von entscheidender Bedeutung, um das chinesische Festland nach Hongkong zu bringen. Die Umsetzung des neuen Nationalen Sicherheitsgesetzes und die daraus resultierende Reaktion der USA müssen beobachtet werden. China kann nicht so unbekümmert den US-Kapitalmarkt verlassen, wenn Hongkong keine konstruktive Rolle spielen kann.

Ein weiterer Brennpunkt zwischen den USA und China ist Taiwan. Wenn es zu einem Zusammenbruch des Immobilienmarktes auf dem Festland käme oder China Taiwan „verlieren“ würde, wäre dies wohl das Ende der KPC. Dennoch hat Intel die Fertigung moderner Halbleiter effektiv an die taiwanesische TSMC abgegeben. Außerdem setzt China auf Taiwan, und dass es einige US-Technologien ersetzen wird. Taiwan hat inzwischen große geopolitische Bedeutung. Anleger sollten das im Auge behalten. Werden die USA z.B. Taiwan ausdrücklich die Verteidigung garantieren als Gegenleistung für eine Änderung des taiwanesischen Rechts, das derzeit einen „Export“ des modernsten Produktionsknotenpunkts ins Ausland verbietet.

5. Es gibt noch andere bekannte Unsicherheiten aber auch unbekannte Unsicherheiten

Diese Liste der Auswirkungen auf Anlagen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Situation könnte sich jedoch in eine Richtung entwickeln, die niemand von uns geahnt hat.

Obwohl die geplanten Handelsgespräche zwischen den USA und China verschoben wurden, sind wir der Meinung, dass es für ein aktives Management von Anlagen entscheidend darauf ankommt, die Entwicklung dieser Themen und die möglichen Folgen für unsere Anlageentscheidungen im Auge zu behalten.

1Endmarkt bezeichnet den Markt, an dem der Endverbraucher sitzt, für den das Produkt erzeugt wurde. Bei einem geschäftlich genutzten Produkt ist dies der Markt, auf dem der Verkauf an das Unternehmen erfolgt, das das Produkt in seinem Betrieb nutzt.

2Pax Americana: ein Zustand relativen internationalen Friedens, der von den USA dominiert wird.