Die Regierung unter US-Präsident Biden hat sich für den Vorschlag ausgesprochen, auf den Patentrechtschutz für COVID-19-Impfstoffe zu verzichten. Wie könnte sich das auf zukünftige Investitionen im Biotechnologiesegment auswirken? Portfoliomanager Andy Acker geht darauf näher ein.

Zentrale Erkenntnisse

  • COVID-19-Impfstoffe basieren auf modernster Wissenschaft, wie sie sich nur in wenigen Ländern findet. Dadurch wird ein Verzicht auf den Patentrechtsschutz sehr wahrscheinlich kaum auf kurze Sicht zu einem größeren Angebot führen.
  • Einige Kommentatoren befürchten, dass ein solcher Verzicht Biopharmafirmen davon abhalten könnten, in Zukunft weiter in Forschung und Entwicklung zu investieren.
  • Aus unserer Sicht trägt Innovation zu hohen Marktzutrittsbarrieren bei, was Anreize zu weiteren Forschungen geben sollte. Wir meinen aber auch, dass die zunehmende Komplexität im Gesundheitsbereich einen aktiven Ansatz bei Anlagen in diesem Sektor erfordert.

Die US-Regierung unter Präsident Biden hat kürzlich bekannt gegeben, dass sie einen Verzicht auf den Patentrechtsschutz bei COVID-19-Impfstoffen befürwortet. Dies hat Sorgen hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf Innovationen im Biopharmabereich aufkommen lassen. Dadurch sind auch die Aktienkurse einiger Impfstoffhersteller sowie allgemein im Nasdaq Biotechnology Index unter Druck gekommen.1

Während in Ländern wie Indien die Zahl der COVID-19- Erkrankungen und Todesfälle in alarmierenden Tempo zunimmt, ist es dringend erforderlich, die globale Bereitstellung von Impfstoffen zu erleichtern und eine Impfung für jeden erschwinglich zu machen. Wir sind allerdings der Ansicht, dass die Ankündigung der US-Regierung ein weiteres Beispiel dafür ist, wie politische Schlagzeilen die Realitäten im Gesundheitssektor überlagern und Anleger eventuell in die Irre führen können.

Verzicht auf Patentschutz vs. Branchenpraxis

Mit dem Verzicht auf den Patentschutz soll die Produktion und Bereitstellung von COVID-19-Impfstoffen beschleunigt werden – insbesondere in Entwicklungsländern, wo die Impfraten denen der entwickelten Staaten hinterherhinken. Die Weltgesundheitsorganisation unterstützt diese Initiative und fordert die anderen Mitgliedsländer der Welthandelsorganisation (WTO) auf, sich den USA anzuschließen. Damit der Verzicht auf den Patentschutz wirksam werden kann, müssen alle Mitglieder der WTO zustimmen.

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Doch könnte der Vorstoß eher politische Folklore darstellen, als praktische Wirkung zu entfalten. Zum einen haben viele der Impfstoffhersteller sich bereits bereiterklärt, auf die Durchsetzung des Patentschutzes zu verzichten. Im Oktober letzten Jahres gab beispielsweise Moderna eine Pressemitteilung heraus, wonach „Moderna während der Pandemie nicht seine Patentrechte in Bezug auf COVID-19 gegenüber anderen Herstellern durchsetzen wird, die Impfstoffe zur Bekämpfung der Pandemie produzieren. Um etwaige patentrechtliche Hindernisse für die Impfstoffentwicklung während der Pandemie zu beseitigen, sind wir außerdem bereit, unser geistiges Eigentum an COVID-19-Impfstoffen anderen Herstellern für die Zeit nach der Pandemie zur Verfügung zu stellen.“

Unterdessen hat AstraZeneca nach eigenen Angaben in Zusammenarbeit mit Partnern aus mehreren Ländern mehr als ein Dutzend regionale Lieferketten geschaffen. Der Pharmariese hat sich außerdem bereiterklärt, während der Pandemie auf jeden Gewinn aus der Impfstoffherstellung zu verzichten, um den Preis jeder Dosis niedrig zu halten.

Innovationen machen Generika komplizierter

Weshalb hat aber die globale Impfstoffproduktion keinen Schub erhalten? Die Antwort ist schlicht die, dass die Herstellung der Impfstoffe kompliziert ist. Die Impfstoffe von Pfizer/BioNTech und Moderna stützen sich gleichermaßen auf mRNA-Technologie, ein neues Verfahren, das zuvor noch nie in der Massenproduktion genutzt wurde. Deshalb ist die Zahl der Fabriken und der Mitarbeiter mit der erforderlichen Expertise zur Produktion der Impfstoffe extrem begrenzt. Der CEO von Moderna, Stéphane Bancel, sagte während einer Telefonkonferenz mit Investoren: „Man kann nicht einfach Leute einstellen, die wissen, wie man mRNA herstellt. Es gibt sie einfach nicht." Selbst wenn es sie gäbe, müssten die Unternehmen Produktionsprozesse entwickeln, Rohstoffe beschaffen und sich strenger regulatorischer Prüfungen unterziehen. All dies würde Monate, wenn nicht Jahre, in Anspruch nehmen.

Von daher wird der Verzicht auf den Patentschutz den Mangel an Impfstoffen kaum unmittelbar abmildern können. Einige Beobachter befürchten allerdings, dass ein solcher Verzicht Zweifel an der Verlässlichkeit des Patentrechts wecken und die Bereitschaft von Biopharmafirmen beeinträchtigen könnte, in weitere Innovationen zu investieren oder auf zukünftige Gesundheitskrisen zu reagieren. Wir betrachten dieses Ergebnis mit Sorge, insbesondere im Hinblick auf die hohen Risiken und hohen Kosten der Arzneimittelentwicklung. Doch selbst dann spiegelt dies unseres Erachtens nicht die Dynamik des heutigen Markts wieder, an dem die Regulierung kaum mit den dramatischen Innovationssprüngen in dem Sektor Schritt halten konnte.

Ein Beispiel dafür sind Biosimilare. Im Jahr 2010 verabschiedete der US-Kongress ein Gesetz, das einen verkürzten Genehmigungsweg für Biosimilare vorsieht. (Biosimilare sind Nachahmerprodukte von Biologika, komplexen Therapien, die auf Proteinen, DNA oder anderen Arten lebender Zellen basieren, welche von Säugetieren, Pflanzen und sogar Bakterien stammen können.) Doch nach einem Jahrzehnt haben lediglich 29 Biosimilare die Zulassung der US-Arzneimittelbehörde erhalten. Davon steht weniger als die Hälfte Patienten zur Verfügung. In Europa war man diesbezüglich fortschrittlicher, dort sind 76 Biosimilare seit 2006 zugelassen worden.2 Dessen ungeachtet ist der Markt mit Herausforderungen verbunden. An oberster Stelle steht das Problem einer stetigen Herstellung von Biologika und des Nachweises, dass die Arzneimittel im Austausch mit solchen von Markenkonkurrenten verwendet werden können. Viele Biosimilare unterliegen außerdem Patentrechtsstreitigkeiten oder haben sich aufgrund von Komplexitäten hinsichtlich Rückerstattungen sowie Bedenken im Hinblick auf die Wirksamkeit oder auch die Kosten nur langsam am Markt durchgesetzt. In Zukunft wird sich die Verbreitung von Biosimilaren voraussichtlich erhöhen, wenngleich es mehr als ein Jahrzehnt dazu brauchte.

Zunehmende Marktchancen

Kurz gesagt lassen sich innovative Medikamente von heute oft nicht auf einfache Weise nachahmen, was hohe Zutrittsbarrieren schafft. Selbst dann stellen viele neue Arzneimittel therapeutische Durchbrüche dar, die einen dringenden medizinischen Bedarf stillen und das Potential für beträchtliche Marktchancen bergen.  Nach Schätzungen von IQVIA werden sich die Umsätze mit COVID-19-Impfstoffen bis 2025 auf insgesamt 157 Mrd. US-Dollar belaufen.3 Des weiteren haben die COVID-19-Impfstoffe dazu beigetragen, die Produktionsmethoden der Hersteller zu validieren, sodass diese auch auf andere Krankheiten angewendet werden könnten.

Als bekannt wurde, dass US-Präsident Biden einen Verzicht auf den Patentrechtschutz befürwortet, sagte der CEO von Moderna, dass ihm das keine schlaflosen Nächte bereitet. Wir sind vielleicht nicht ganz so zuversichtlich wie Herr Bancel. Jedoch glauben wir, dass seine Reaktion die zunehmende Komplexität des globalen Markts für Pharmazeutika widerspiegelt. Anleger müssen sich daher jenseits der Schlagzeilen um ein besseres Verständnis der Gegebenheiten in der modernen Entwicklung und Bereitstellung von Medikamenten bemühen.

1Bloomberg, Datenstand: 5. Mai 2021. Der Nasdaq Biotechnology Index umfasst an der Nasdaq notierte Unternehmen, die gemäß der Industry Classification Benchmark entweder als Biotechnologie- oder Pharmatitel klassifiziert sind, welche welche daneben weitere Auswahlkriterien erfüllen.
2„How the U.S. Compares to Europe on Biosimilar Approvals and Products In the Pipeline,” Rothwell Figg’s Biosimilars Law Bulletin, 8. März 2021.
3„Just how much COVID-19 vaccine money is on the table? A whopping $157B through 2025, report says,” FiercePharma, 29. April 2021.