Daniel Graña ist der Ansicht, dass sich Anleger in Schwellenländern angesichts der Auswirkungen von COVID-19 und eines eingetrübten Handelsumfelds vor allem auf die Länderanalyse konzentrieren sollten.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Überlegenes Pandemiemanagement und technologische Fortschritte dürfte bestimmten nordasiatischen Ländern einen Vorsprung gegenüber anderen Schwellenländern bescheren, auch wenn ihre Outperformance 2021 schrumpfen könnte.
  • Die anhaltenden Ungewissheiten über die Globalisierung dürften dafür sorgen, dass sich die globalen Lieferketten weiter abseits von China diversifizieren werden, während China gleichzeitig auf eine stärkere Lokalisierung abseits multinationaler Unternehmen setzen wird.
  • Die weltweite Festlegung von Zieldaten für Klimaneutralität birgt Risiken für traditionelle Kohlenwasserstoffexporteure wie Russland und Saudi-Arabien und Chancen für jene Länder in Nordasien, die eine wichtige Rolle in der Lieferkette für erneuerbare Energien spielen.

Die COVID-19-Pandemie hatte weitreichende und schwerwiegende Auswirkungen auf die Finanzmärkte, wenngleich die Erfahrungen stark unterschiedlich waren. Obwohl alle Schwellenländer von der COVID-19-Krise betroffen waren, bewältigten sie diese unterschiedlich. Nordasiatische Länder, die bereits Pandemieerfahrung haben, waren fähig und bereit, das Virus durch geeignete Maßnahmen unter Kontrolle zu halten. Länder mit einer stark informellen Wirtschaft taten sich dagegen schwer, wie z. B. Indien mit seinem dynamischen Arbeitskräfteangebot, da Arbeiter aus Städten in ihre Dörfer zurückkehrten, wo die Gesundheitsversorgung vergleichsweise schlecht ist.

Mittelfristige Folgen

Viele der von der Krise betroffenen Schwellenländer mussten sich stark verschulden, ließen sich auf unkonventionelle geldpolitische Experimente wie die quantitative Lockerung ein und hatten mit einem Abwertungsdruck auf ihre Währungen gegenüber dem US-Dollar zu kämpfen.

Wir sind überzeugt, dass die Schnittmenge aus Länderanalyse, Aspekten der Unternehmensführung und Fundamentaldatenanalyse die besten Anlagechancen innerhalb des Schwellenländer-Universums bietet. Aufgrund des überlegenen Pandemiemanagements in Kombination mit technologischen Fortschritten bevorzugen wir Länder in Nordasien, obgleich ihre Outperformance 2021 schrumpfen könnte. Länder wie China, Südkorea, Taiwan und Vietnam könnten ihre Wirtschaft ankurbeln, um die schwächeren Wachstumsaussichten in den USA auszugleichen. Andere Länder wie Brasilien, Indien, Südafrika und die Türkei können oder sollten dies dagegen nicht. Unter dem Strich hat dies dazu geführt, dass die makroökonomischen Rahmenbedingungen der Länder Anfang 2021 stark unterschiedlich sind, was sich erheblich auf die dort tätigen Unternehmen auswirkt.

China und die duale Zirkulation

Die Erkenntnis wächst, dass China seinem eigenen wirtschaftlichen Weg folgen muss. Präsident Xi Jinping hat den Begriff der „dualen Zirkulation“ geprägt und will eine ausschließlich inländische Lieferkette schaffen (Lokalisierung). In diesem Kontext setzt er stärker auf den Binnenkonsum und eine innovationsbasierte Wirtschaft als auf ausländische Endmärkte, da das internationale Handelsumfeld (Globalisierung) weniger günstig ist. Gleichzeitig will das Land ausländische Investitionen in Bereichen anlocken, in denen China kein Know-how vor Ort besitzt.

Chinas Regierung denkt und agiert langfristig und will Innovationen massiv unterstützen. Dabei profitiert es insbesondere von einer großen Anzahl von Ingenieuren und Early Adopters. Das Land leidet nicht unter den sozialen Spaltungen, die im Westen immer stärker sichtbar werden, und seine Menschen sind ehrgeizig. Außerdem verfügt es über einen riesigen Binnenmarkt, was angesichts des wahrscheinlichen Rückgangs der Exportnachfrage wichtig ist. Angesichts der anhaltenden Ungewissheiten mit Blick auf die Globalisierung vor dem Hintergrund der weltweit schwindenden politischen Unterstützung des Freihandels erwarten wir, dass die globalen Lieferketten weiterhin abseits von China diversifiziert werden. Im Gegenzug dürfte China soweit wie möglich auf eine stärkere Lokalisierung abseits von multinationalen Unternehmen setzen.

Die Herausforderungen für China bestehen in seiner systemweiten Verschuldung und technologischen Abhängigkeit vom Westen. Insgesamt sind wir jedoch überzeugt, dass China weiterhin potenziell attraktive langfristige Anlagemöglichkeiten bietet.

Entwicklungen in den USA und Auswirkungen auf die Schwellenländer

Nach dem Sieg von Joe Biden bei den Präsidentschaftswahlen wird sich die US-Handelspolitik voraussichtlich ändern: Trump ist ein Verfechter des Unilateralismus, während Biden eine multilaterale Politik verfolgt. Folglich wird die Rhetorik voraussichtlich weniger explosiv sein, gleichzeitig dürfte aber die Einbindung Chinas bei legitimen Handelsthemen langsamer vonstatten gehen, da Biden wahrscheinlich enger mit den US-Verbündeten zusammenarbeiten wird.

Unter Biden wird die US-Fiskalpolitik, d. h. Staatsausgaben und Steuerpolitik, aufgrund der wahrscheinlich gespaltenen Regierung im Kampf gegen COVID deutlich an Schlagkraft verlieren. Daher wird inzwischen mit einem bescheideneren US-Wachstum gerechnet, als viele gehofft hatten.

Ein moderateres Wachstum der US-Wirtschaft ist generell negativ für Schwellenländer, da die USA eine wichtige Quelle der globalen Nachfrage sind und der Handel ein wichtiger Wachstumshebel für Schwellenländer ist. Dementsprechend scheinen Schwellenländer, die Binnennachfrage generieren können, besser aufgestellt zu sein, was unserer vorstehend erwähnten positiven Einschätzung zu China entspricht.

Onlinehandel auf dem Vormarsch

Die COVID-19-Pandemie hat die Annahme des Onlinehandels und die Nutzung digitaler Plattformen in Schwellen- und Industrieländern beschleunigt. Wie bereits erwähnt, gehen wir davon aus, dass für die Länder Investitionen in digitale Infrastruktur im Finanzsektor, in der Industrie und in anderen Sektoren oberste Priorität genießen werden. China ist führend im Onlinehandel und bei der Nutzung sozialer Medien, aber wir erwarten, dass mehr geistiges Eigentum mit Wertschöpfungspotenzial zu Innovationen in der Zukunft führen wird, wenn das Land Cloud Computing und künstliche Intelligenz stärker nutzt. Digitale Bezahlmethoden statt Bargeld erfreuen sich nicht nur in China, sondern zunehmend auch in anderen Schwellenländern wachsender Beliebtheit.

Voraussichtliche Verlangsamung der wirtschaftlichen Dynamik in Lateinamerika

Vor vielen Jahren wurden die wirtschaftlichen Aussichten für Lateinamerika optimistisch eingeschätzt. Inzwischen sind die Herausforderungen jedoch gewachsen und die Situation ist eine andere. Unseres Erachtens hat die Region den Übergang von einer vom Rohstoffboom geprägten Welt vor der globalen Finanzkrise nicht gut gemeistert und zudem größtenteils unangemessen auf die COVID-19-Pandemie reagiert.

Einige interessante disruptive Unternehmen, vor allem im Einzelhandel und im Finanzsektor, zwingen etablierte Akteure, zu reagieren und ihre Innovationstätigkeit anzukurbeln. Wir gehen jedoch davon aus, dass lateinamerikanische Länder insgesamt wahrscheinlich unter ihrem Potenzial bleiben werden. Länder, die sich zu Strukturreformen durchringen, können sich positiv abheben, während alle anderen das Missfallen ihrer Wähler zu spüren bekommen werden.

Risiken & Chancen der Klimaneutralität

Industrie- und Schwellenländer legen weiter Zieldaten für Klimaneutralität fest. China will bis 2060 Klimaneutralität erreichen. Dies birgt Risiken für traditionelle Kohlenwasserstoffexporteure wie Russland und Saudi-Arabien, da der Höhepunkt der Ölnachfrage innerhalb unseres Anlagehorizonts erreicht werden könnte. Darin liegen auch Chancen, da Innovationstätigkeit den Wandel vorantreibt. Stärkere Umweltinvestitionen sind für Nordasien generell sehr gut, da große Teile der Lieferketten für erneuerbare Energien wie Solar, Wind und Batterien für Elektrofahrzeuge in der Region liegen.

Wir sind überzeugt, dass 2020 die Veränderungen der Perspektiven für Schwellenländer beschleunigt hat. Wie schnell die Veränderungen weitergehen werden, bleibt ungewiss, dennoch kristallisieren sich klare Themen heraus. Insofern ist ein selektiver Ansatz bei der Bewertung von Chancen noch wichtiger. Die wachsenden Unterschiede und das Tempo der Veränderungen haben erhebliche Auswirkungen auf die dort tätigen Unternehmen.

Glossar:

Quantitative Lockerung (QE): Der Begriff bezeichnet eine unkonventionelle Geldpolitik, die von den Zentralbanken zur wirtschaftlichen Stimulierung eingesetzt wird, indem sie die Geldmenge im Bankensystem insgesamt erhöht.