Nicht alle Aktien des Gesundheitswesens konnten im gleichen Maße an der 2021 verzeichneten Erholung des Sektors partizipieren. Portfoliomanager Andy Acker erklärt, warum sich die Lage im neuen Jahr ändern könnte und wo er Wertpotenzial sieht.

Key takeaways:

  • Die aufsichtsrechtliche und politische Unsicherheit sowie COVID-bedingte Unterbrechungen haben im vergangenen Jahr zu Performanceunterschieden zwischen den verschiedenen Bereichen des Gesundheitssektors geführt.
  • Es lassen sich jedoch Anzeichen dafür ausmachen, dass sich diese Trends im Jahr 2022 umkehren könnten. Dies könnte eine Erholung der Nachfrage nach medizinischen Versorgungsleistungen mit sich bringen und die Überhänge in der Arzneimittelentwicklung beseitigen.
  • Somit könnten einige Aktien des Gesundheitswesens, die im Jahr 2021 zurückgelassen wurden, jetzt für eine Erholung positioniert sein.

Zu Beginn des Jahres 2021 hatte der Gesundheitssektor angesichts des Erfolgs der COVID-19-Impfstoffe und des Potenzials für eine Erholung der Nachfrage zu einem Höhenflug angesetzt. Allerdings war dieser nicht von großer Dauer. Im Januar trat der Kommissar der U.S. Food and Drug Administration (FDA) zurück und ließ die Behörde in einer Zeit, in der die Zahl der Zulassungsanträge für COVID-19-Medikamente gerade deutlich anstieg, führungslos zurück. Im weiteren Verlauf dachten die Gesetzgeber dann laut über eine umfassende Reform der Medikamentenpreise als Möglichkeit zur Finanzierung von Konjunkturprogrammen nach. Die Federal Trade Commission begann, Fusionen und Übernahmen (M&A) sehr genau auf den Prüfstand zu stellen, während das Aufkommen der Delta-Variante die Wiedereröffnung der Wirtschaft in Zweifel zog.

Nichtsdestotrotz legte der Gesundheitssektor im Jahr 2021 zweistellig zu und folgte damit der starken Performance der Aktienmärkte insgesamt (Stand: 30. November).1 Allerdings waren die Renditen nicht gleichmäßig verteilt. Biotech-Aktien mit kleiner und mittlerer Marktkapitalisierung erlebten ihre bisher schwerste Phase der Underperformance gegenüber dem S&P 500® Index. Die Aktien mehrerer Medizintechnikunternehmen fielen im Zuge steigender COVID-Fallzahlen zurück. Unterdessen stiegen die Aktienkurse von Unternehmen, die COVID-Impfstoffe entwickelt oder auf andere Weise von der Pandemie profitiert hatten, stark an – obwohl die Nachhaltigkeit ihrer mit dem Coronavirus verbundenen Einnahmen alles andere als gewiss ist.

Wir halten es für unwahrscheinlich, dass sich diese Dynamik im Jahr 2022 fortsetzen wird. Da die Impfquoten weiter steigen und einige regulatorische/politische Überhänge allmählich beseitigt werden, dürften unserer Meinung nach diejenigen Bereiche des Sektors, die im Jahr 2021 übersehen wurden, für eine Erholung im kommenden Jahr aufgestellt sein. Und das eröffnet interessante Chancen für Anleger.

Erholung in der Medizintechnik: nicht abgesagt, sondern nur vertagt

Medizintechnikunternehmen entwickeln und produzieren Instrumente und Produkte, die bei medizinischen Verfahren sowie in der Routineversorgung eingesetzt werden, wie z. B. Roboter, Transkatheterklappen und Insulinpumpen. Trotz einer Trendwende im ersten Halbjahr 2021 geriet die Erholung der Branche ins Stocken, als die Delta-Variante Patienten und Versorger dazu veranlasste, geplante Verfahren erneut zurückzustellen. Wir sind jedoch der Meinung, dass ein Großteil dieser Nachfrage nur aufgeschoben und nicht verloren ist. Zudem vermuten wir, dass ein beträchtlicher Nachholbedarf bei medizintechnischen Produkten besteht, wie der Umsatzsprung im zweiten Quartal 2021 (vor dem Aufkommen der Delta-Variante) belegt.2 Außerdem haben die Krankenhäuser nach fast zwei Jahren der Pandemie klare finanzielle Anreize, sich wieder auf gewinnbringende Verfahren zu konzentrieren. So verlagern die Gesundheitseinrichtungen ihre Leistungen zunehmend in den ambulanten Bereich, wo die COVID-Fälle weder die Ressourcen dominieren noch die Patienten abschrecken.

Gleichzeitig kommen im Jahr 2022 einige medizintechnische Geräte auf den Markt, die den Versorgungsstandard für große Patientengruppen revolutionieren könnten. Zu den interessantesten Neuheiten gehört das erste schlauchlose, am Körper zu tragende Insulinverabreichungssystem, das die Insulinmenge für Diabetiker auf der Grundlage von Blutzuckerwerten und -trends kontinuierlich anpasst. Dies folgt auf andere bemerkenswerte Markteinführungen, darunter etwa eine Kontaktlinse, die das Fortschreiten der Myopie (Kurzsichtigkeit) bei Kindern verlangsamt, oder auch chirurgische Roboter, die den Bereich der minimalinvasiven Operationen erweitern. All diese Innovationen schaffen gleichzeitig neue Wachstumsquellen.

Überverkauft: Small- und Mid-Cap-Biotechnologiewerte                                                    

Zweifelsohne waren es im Jahr 2021 vor allem Biotechnologiewerte mit geringer und mittlerer Marktkapitalisierung, die die größten Performance-Abweichungen hinnehmen mussten und wohl am stärksten von den regulatorischen/politischen und COVID-bedingten Belastungen betroffen waren. Von Anfang Februar bis Mitte August 2021 gab der S&P Biotechnology Select Industry Index um 33,8% nach und blieb damit so weit hinter dem S&P 500 Index und dem S&P 500 Health Care Sector zurück wie nie zuvor (Abbildungen 1 und 2).

Abbildung 1: Underperformance von Biotech-Werten

Acker chart 1

Quelle: Bloomberg, Daten vom 8. Februar 2021 bis 19. August 2021.  Indizes umbasiert auf 100 am 8. Februar 2021. Der S&P 500 Index ist ein nach der Marktkapitalisierung gewichteter Index der 500 führenden börsennotierten Unternehmen in den USA. Der S&P 500 Health Care Sector umfasst die im S&P 500 enthaltenen Unternehmen, die als Mitglieder des GICS® Gesundheitssektors eingestuft sind. Der S&P Biotechnology Select Industry Index umfasst Aktien des S&P Total Market Index, die der GICS-Unterbranche Biotechnologie zugeordnet sind.

Der Abverkauf wurde von einer ganzen Reihe von Trends verursacht. Beispielsweise warfen die raschen Fortschritte in der Arzneimittelentwicklung in einer Zeit, in der die Aufsichtsbehörden kaum in der Lage waren, klare Vorgaben zu machen, Fragen zur Ausgestaltung klinischer Studien auf. Infolgedessen kam es im Jahr 2021 immer wieder zu abrupten Änderungen in der Regulierungspolitik, was zur Folge hatte, dass die Entwicklungsprogramme einiger Unternehmen die geänderten Standards nicht erfüllen konnten. Dies belastete ihre Aktienkurse.

Wir erwarten schon bald größere Klarheit: Im November nominierte die Biden-Regierung Robert Califf für das Amt des FDA-Kommissars. Dr. Califf war bereits im letzten Jahr der Obama-Regierung Kommissar und ist ein Experte für klinische Studien. Sollte er bestätigt werden, dürfte er unserer Meinung nach eine schlüssigere Politik für Biopharmaunternehmen einführen, die sich derzeit um eine Zulassung von Arzneimitteln bemühen.

Auch die Befürchtungen hinsichtlich einer Reform der Arzneimittelpreise in den USA könnten nachlassen. Der jüngste Vorschlag des Repräsentantenhauses begrenzt direkte Preisverhandlungen durch die Regierung auf 10 bis 20 Medikamente, die sich in einer späten Phase ihres Patentzyklus befinden, wobei Preisänderungen erst zwischen 2025 und 2028 wirksam werden.3 Von den Pharmaunternehmen würde eine Beteiligung an gewissen anderen Kosten erwartet, aber eine Obergrenze für die Selbstbeteiligung von Senioren könnte den Zugang zu und die Bezahlbarkeit von Arzneimitteln und damit die Einhaltung von Vorschriften verbessern. Nähere Einzelheiten müssen noch festgelegt werden, aber das Worst-Case-Szenario einer umfassenderen Reform scheint vorerst vom Tisch zu sein.

Wir sind der Meinung, dass dieses Umfeld Biotech-Aktien mit geringer und mittlerer Marktkapitalisierung zu einer allmählichen Erholung verhelfen könnte. Die niedrigen Bewertungen haben bereits jetzt die Fusions- und Übernahmetätigkeit wieder angekurbelt, und in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 wurden mehrere milliardenschwere Transaktionen angekündigt. Darüber hinaus hat sich der S&P Biotech Select Index in der Vergangenheit nach einem Rückgang um 20 % oder mehr immer wieder deutlich erholt. Genaugenommen betrug der durchschnittliche Zugewinn im Jahr nach Erreichen des Tiefpunkts eines Drawdowns seit der Einführung der Benchmark im Jahr 2006 stets mehr als 50 %.

Abbildung 2: Frühere Kursrückgänge von Biotech-Werten und Erholungen

Unlocking Value in Healthcare Stocks Figure 2

Quelle: Bloomberg. Die vergangene Wertentwicklung kann keine Garantie für künftige Ergebnisse sein. Die Performance von Biotech-Werten bezieht sich auf den S&P Biotechnology Select Industry Index. Der Index wurde am 27. Januar 2006 aufgelegt. n. z. = nicht zutreffend

Die Innovationen gehen weiter

Bemerkenswerterweise ist die FDA trotz der Herausforderungen dieses Jahres auf dem besten Weg, im Jahr 2021 eine Rekordzahl neuer Medikamente zuzulassen (Abbildung 3), was darauf hindeutet, dass die Innovationskraft des Sektors ungebrochen ist. So wurden im vergangenen Jahr etwa die ersten positiven klinischen Studiendaten für In-vivo-Genveränderungstherapien veröffentlicht, die darauf abzielen, einen Gendefekt mit einer einzigen Injektion zu heilen. Darüber hinaus schaffen verbesserte Technologien für die Entwicklung von Arzneimitteln die Möglichkeit, gegen Genmutationen vorzugehen, die häufig die Ursache für Krebs sind. Außerdem werden weiterhin Fortschritte bei kleinmolekularen Proteinabbaumedikamenten erzielt, die sich gegen traditionell „unbehandelbare“ Ziele richten. Wir glauben, dass viele dieser Therapien, die sich auf einen ungedeckten medizinischen Bedarf konzentrieren und vielseitig anwendbar sein könnten, erhebliches Wachstumspotenzial aufweisen dürften.

Abbildung 3: FDA-Arzneimittelzulassungen

Auch ohne einen ständigen Kommissar hat die FDA im Jahr 2021 bisher 43 neue Arzneimittel zugelassen, wobei bis Jahresende weitere Anträge anhängig sind.

healthcare chart 3

<em>Quelle: U.S. Food and Drug Administration. *Daten vom 19. November 2021.</em>

Innovationen finden auch außerhalb der Arzneimittelentwicklung statt. So experimentieren Krankenkassen beispielsweise mit wertorientierten Netzen, die die Bezahlung an die Ergebnisse der Patienten koppeln. Erste Erfahrungen deuten darauf hin, dass dieser Ansatz die Patientenzufriedenheit und die Leistung verbessern und die Kosten senken könnte. Unterdessen könnten die Krankenversicherungen im Jahr 2022 dank eines starken Arbeitsmarktes, erweiterter Zuschüsse zu den Versicherungsbeiträgen und der demografischen Entwicklung einen Anstieg der Beitrittszahlen verzeichnen. So wird beispielsweise für 2022 ein Anstieg der Anmeldungen bei Medicare Advantage (der privaten Versicherungsoption für ältere Menschen in den USA) um 10 % prognostiziert.4

Natürlich wird der Gesundheitssektor 2022 mit neuen Herausforderungen konfrontiert sein, darunter die drohende höhere Inflation, die die Gewinnmargen unter Druck setzen könnte, und das Potenzial für steigende Zinssätze, welche die Attraktivität langfristiger Anlagen wie Biotech-Aktien verringern könnten. Wir sind jedoch der Meinung, dass mit dem Jahreswechsel die Zeit der pandemiebedingten Renditen allmählich zu Ende gehen dürfte und die Anleger gut daran tun werden, sich auf das zu besinnen, was in der Vergangenheit immer wieder der größte Treiber der langfristigen Performance im Gesundheitswesen war: die Innovationskraft.

 

1 Bloomberg, Daten für den S&P 500 Health Care Sector.

2 Gewinnmeldungen der Unternehmen zum zweiten Quartal.

3 Whitehouse.gov, Stand: 2. November 2021.

4 Centers for Medicare & Medicaid Services, Stand: 30. September 2021.