PERSPEKTIVEN FÜR ANLEIHENANLAGEN

Vierteljährliche Einblicke unserer Anleihenteams, die es Kunden erleichtern soll, sich an den
Märkten zurechtzufinden und Chancen zu erfassen.

Themen im Fokus (Okt. 2020)

Themen im Fokus

Zentrale Erkenntnisse

  • Das Vertrauen der Verbraucher in ihren Einkommensausblick wird für den Erhalt einer V-förmigen Erholung eine entscheidende Rolle spielen; Unternehmen haben größtenteils als Vorsichtsmaßnahme oder als Überbrückungsfinanzierung Kredite aufgenommen. Das dürfte zu weniger Ausfällen führen und Unternehmen die Möglichkeit bieten, ihre Bilanzen 2021 zu sanieren.
  • Der Strategiewechsel der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hin zu einem durchschnittlichen Inflationsziel ist mehr als bloße Kosmetik, da er dazu beitragen dürfte, das Risiko eines erneuten „Taper Tantrum“, also einer Überreaktion am Markt, zu verringern. Gleichwohl ist fraglich, ob in den USA oder anderen großen Volkswirtschaften ein Inflationsdruck entstehen wird, der über den durch temporäre Basiseffekte verursachten hinausgeht.
  • Die Geldpolitik wird voraussichtlich niedrigere Erträge bescheren, ist aber nach wie vor maßgeblich, um die Finanzierungskosten niedrig zu halten und die Volatilität zu unterdrücken. Letzteres wird für engere Spreads eine entscheidende Rolle spielen.

Bitte beachten Sie die rechtlichen Hinweise zum Video am Ende der Seite.

Von Jim Cielinski, Global Head of Fixed Income

Video-Zusammenfassung

Kann die V-förmige Erholung anhalten? Ich denke, das ist eine wichtige Frage für die Märkte. Ich finde es interessant, dass eine Minderheit der Marktteilnehmer der Auffassung ist, dass wir uns in einer V-förmigen Erholung befinden, obwohl die Wirtschaftsdaten das ziemlich klar belegen. Meiner Meinung nach haben enorme Konjunkturmaßnahmen im zweiten Quartal ein zusätzliches Wachstum von rund 4% beschert. 2021 wird das in ein Minus von rund 1% oder 2% übergehen. Ich halte es daher nicht für wahrscheinlich, dass sich in diesem Umfeld die V-förmige Entwicklung fortsetzen wird. Es werden noch mehr Arbeitsplätze verlorengehen. Ich denke, dass sich das Wachstum dann verlangsamen und abkühlen wird. Dennoch wird es positiv bleiben und das wird weiterhin leichtes Geld, entgegenkommende Geldpolitik und Wirtschaftswachstum bedeuten.

Dass die Menschen wieder arbeiten und Geld verdienen ist glaube ich entscheidend dafür, ob wir mit dem Virus leben können oder nicht, denn die Unterstützungsmaßnahmen haben uns geholfen, den Einkommensverlust auszugleichen. Wenn sie auslaufen, müssen wir sozusagen eine andere Therapie finden, um den Einkommensverlust auszugleichen. Das wird der Härtetest sein. Wir sollten daneben auch nicht vergessen, dass die Zulassung eines Impfstoffs vielleicht Ende des Jahres, erhebliche Auswirkungen auf die Einkommenserwartungen der Menschen für 2021 hätte. So etwas fördert wirklich das Vertrauen. Wird der eigene Arbeitsplatz wohl erhalten bleiben? Und wird das Einkommen im nächsten Jahr genauso hoch bleiben wie bisher? Wenn ja, dann werden die Menschen Geld ausgeben. Und genau daran hapert es meiner Ansicht nach im Augenblick noch.

Jede Krise bringt viele Veränderungen mit sich. Ich bin von Anfang an davon ausgegangen, dass es etwa zwei Jahre dauern wird, bis wir wirklich wissen, was sich dauerhaft verändert hat. Allerdings ist schon jetzt ganz klar, dass sich einige Dinge grundlegend verändert haben. Erstens die erwartete geldpolitische Reaktion. Hier bewegen wir uns bereits auf Neuland. Welche Mittel würden also bleiben, wenn noch etwas anderes schiefgeht. MMT und ähnliche Dinge, die vor zwei Jahren noch als absolut extrem galten, stehen aktuell im Mittelpunkt, wenn wir weitere geldpolitische Hebel brauchen. Das ist der Unterschied heute. Die weltweit ungleiche Vermögensverteilung hat sich glaube ich stark verändert. An einigen Dingen lässt sich die Veränderung bereits ablesen. ESG, Fokus auf soziales Investieren und ähnliche Konzepte in der gesamten Branche. Das wird sich verstärken und nicht zurückgehen. Manches wissen wir, anderes dagegen nicht. Eine andere Veränderung, die wir nicht nur im Zusammenhang mit COVID, sondern schon davor im Blick hatten, ist die Globalisierung. Sie scheint unter Trump einen Höhepunkt erreicht zu haben. Ich meine, dass wir durch die anhaltende COVID-Krise eine zunehmende Regionalisierung erleben. Kein vollständiges Auseinanderbrechen, aber vielleicht ein asiatischer Block, ein europäischer und ein US-Block. Das wird voraussichtlich so bleiben und vermutlich das Verhalten von Volkswirtschaften und den Welthandel dauerhaft verändern.

Die geldpolitischen Mittel sind weitgehend erschöpft, aber nicht vollständig. Genau hier kommt das Gesetz sinkender Erträge ins Spiel. Zinskurvenkontrolle und noch mehr quantitative Lockerung sind immer möglich, aber das verschärft wohl genauso viele Probleme wie es löst. Ich glaube also nicht, dass die geldpolitischen Mittel vollkommen erschöpft sind, aber wenn die Fiskalpolitik nicht in die Bresche springt, haben wir ein Problem. Ein kleiner fiskalpolitischer Impuls wird genauso viel bewirken, wie ein großer geldpolitischer. Wenn wir nachhaltiges Wachstum wollen, muss sich der Schwerpunkt also wohl verschieben.

Die Fed steuert seit Kurzem ein durchschnittliches Inflationsziel an. Das bedeutet, dass sie, wenn die Inflation über das 2%-Ziel hinausschießt, gelassen bleiben und nicht überreagieren wird, weil sie die Marke langfristig erreichen will. Ich glaube, dass das mehr als nur Kosmetik ist. Der Grund dafür ist, dass in der ersten Jahreshälfte 2020 die Inflation dramatisch gesunken ist und die Pandemie eine Deflation ausgelöst hat. Inzwischen steigt sie wieder und könnte leicht über das 2%-Ziel hinausschießen. Weil die Gefahr heftiger Verluste an den Anleihenmärkten oder einer Reaktion der Fed darauf gebannt wurde, hat sich die Volatilität an den Märkten vermutlich gelegt, was gut für riskante Anlagen ist. Die eigentliche Frage scheint mir, ob das 2%-Ziel etwas bedeutet und ob die Zentralbanken es jemals erreichen können. Die Antwort in Europa lautet nein. Die Antwort in Japan lautet ebenfalls nein. Die Antwort in den USA lautet, zyklisch eventuell ja.

Einige Marktteilnehmer finden, dass Unternehmen das billige Geld exzessiv ausnutzen und bereits übermäßig in Anspruch genommen haben und den Hals nicht voll bekommen, weil 2020 die Beschaffung von Fremdmitteln Rekordniveau erreicht hat. Ich würde es exzessiv ausnutzen nennen, wenn sie das Geld anschließend verprasst hätten. Sieht man sich allerdings die Nettoverschuldung an, also die Barmittel minus Schulden in der Bilanz, erkennt man, dass sie lediglich Geld aufgenommen und als Sicherheit in der Bilanz gelassen haben. Ich denke, die Unternehmen werden jetzt vorsichtig sein. Voraussichtlich werden sie Schulden tilgen und im Laufe der Zeit abbauen. Wenn das vor dem Hintergrund einer wachsenden Wirtschaft geschieht, kann trotz absolut höherer Verschuldung nicht von exzessivem Ausnutzen die Rede sein. Der Zinsendienst ist wirklich erschwinglich. Die Zinsen sind auf Rekordtiefs gesunken. Der Zinsdeckungsgrad dürfte, sofern sich die Einnahmen bald wieder beleben, wohl keine Gefahr für Unternehmen sein und die Ausfälle nicht in die Höhe treiben.

Was bedeutet das alles für Anleihen? Ich denke, wir haben eine phänomenale Rally bei riskanten Anlagen erlebt, unter anderem bei Unternehmens- und Schwellenländeranleihen. Wo aber stehen wir objektiv betrachtet aktuell? Ich denke, dass die Volatilität eindeutig verschwunden ist. Die Zentralbanken können die Volkswirtschaften aktuell nicht besonders stimulieren oder das Wachstum ankurbeln. Aber sie können die Volatilität am Markt, also das Risiko, eindämmen. Das können sie weiterhin tun. Das heißt, die Zinsen werden sich nicht groß bewegen. Daran wird sich voraussichtlich nichts ändern und sie werden niedrig bleiben. Kombiniert mit dem Effekt etwa auf Unternehmensanleihen- oder Schwellenmärkte wird das zu einer ähnlichen Dämpfung der Volatilität führen und damit zu einer Spreadverengung. Das ist meine Prognose.

*Quelle: JPMorgan, Global Economic Research, Schätzungen zum globalen fiskalischen Impuls für 2020 +3,6% und 2021 -1,7%, per September 2020.

Glossar der Fachbegriffe

V-förmige Erholung: Eine wirtschaftliche Rezession und ein anschließender Aufschwung, die einem „V“ gleichen, da auf eine rasante Eintrübung der Konjunkturdaten eine genauso starke Erholung auf vorherige Höchststände folgt.

Fiskalpolitik/Stimulierung: Die staatliche Zins- und Ausgabenpolitik. Sie unterscheidet sich von der Geldpolitik, die in der Regel von einer Zentralbank vorgegeben wird. Unter einer fiskalischen Sparpolitik versteht man die Erhöhung von Steuern und/oder die Senkung von Ausgaben, um die staatliche Verschuldung zu verringern. Der Begriff fiskalische Expansion (oder „Stimulierung“) bezeichnet eine Erhöhung der Regierungsausgaben und/oder die Senkung von Steuern.

Geldpolitik/Stimulierung: Die Politik einer Zentralbank, die darauf abzielt, die Inflation und das Wachstum in einer Volkswirtschaft zu beeinflussen. Hierzu zählt die Steuerung der Zinssätze und der Geldmenge. Der Begriff geldpolitische Stimulierung bezieht sich auf die Erhöhung des Geldangebots durch eine Zentralbank und die Senkung der Kreditkosten. Mit geldpolitischer Straffung werden Maßnahmen der Zentralbanken bezeichnet, die darauf abzielen, die Inflation einzudämmen und das Wirtschaftswachstum zu verlangsamen, indem die Zinsen erhöht und die Geldmenge verringert werden.

Modern Monetary Theory (MMT) ist eine unorthodoxe makroökonomische Theorie, derzufolge Regierungen, die ihre eigene Währung kontrollieren, durch Geldschöpfung unbegrenzt Geld ausgeben können, um die Wirtschaft bis zu ihrer vollen Kapazität wachsen zu lassen.

Umwelt, Soziales und Governance (Environment, Social, Governance, ESG) sind drei Schlüsselkriterien für die Bewertung der ethischen Auswirkungen und nachhaltigen Praktiken eines Unternehmens. Bei ESG oder nachhaltigem Investieren werden Faktoren berücksichtigt, die über die traditionelle Finanzanalyse hinausgehen. Das kann das Anlageuniversum einschränken und dazu führen, dass Performance und Risiken sich von denen am Gesamtmarkt unterscheiden und möglicherweise stärker auf bestimmte Bereichen konzentriert sind.

Die Zinskurvenkontrolle bedeutet unter anderem, dass eine Zentralbank ein längerfristiges Zinsziel verfolgt und sich verpflichtet, so viele Anleihen zu kaufen oder zu verkaufen wie nötig, um dieses Zinsziel zu erreichen.

Quantitative Lockerung (QE): Diese staatliche Geldpolitik wird gelegentlich eingesetzt, um die Geldmenge zu erhöhen. Hierfür werden Staatsanleihen oder andere Wertpapiere an den Märkten gekauft.

Inflation: Teuerungsrate von Waren und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft. Gegenteil von Deflation:

Deflation: Rückgang der Preise für Waren und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft, in der Regel ein Anzeichen für eine wirtschaftliche Abkühlung. Gegenteil von Inflation.

Taper Tantrum: Marktreaktion auf Äußerungen des Vorsitzenden der US-Notenbank Fed im Mai 2013, die darauf hindeuteten, dass die USA eine Verringerung ihres Anleihekaufprogramms (quantitative Lockerung) erwägen.

Volatilität: Das Ausmaß, in dem der Preis eines Portfolios, eines Wertpapiers oder eines Index nach oben und unten schwankt. Starke Schwankungen bedeuten eine hohe Volatilität. Langsamere, weniger ausgeprägte Schwankungen bedeuten dagegen eine niedrigere Volatilität. Die Volatilität ist ein Barometer dafür, wie riskant eine Anlage ist. Nettoschulden

Zinsdeckungsgrad: Diese Kennzahl wird verwendet, um zu bestimmen, inwieweit ein Unternehmen in der Lage ist, die Zinsen für seine ausstehenden Schulden zu bezahlen.

Spread/Kreditspread: Bezeichnet die Mehrrendite, die ein Emittent gegenüber vergleichbaren „risikofreien“ Vermögenswerten wie US Treasuries bietet. Allgemein signalisiert eine Spread-Weitung eine Verschlechterung der Bonität von Unternehmensemittenten, eine Verengung dagegen eine Verbesserung der Bonität.

Festverzinsliche Wertpapiere unterliegen dem Zins-, Inflations-, Kredit- und Ausfallrisiko.  Der Anleihenmarkt ist volatil. Wenn die Zinsen steigen, fallen die Anleihepreise normalerweise und umgekehrt.  Die Rückzahlung des Kapitals ist nicht garantiert und die Preise können fallen, wenn ein Emittent seine Zahlungen nicht pünktlich leistet und sich seine Bonität verschlechtert.

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Einblicke unserer globalen Teams

GLOBALE ANLEIHEN

Der Leiter der globalen Anleihenstrategie Nick Maroutsos macht sich Sorgen darüber, dass die auf die Finanzmärkte fokussierte Geldpolitik nur wenig dazu beitragen wird, um das erforderliche Wachstum anzukurbeln, das die Wirtschaft braucht, um sich von der jüngsten Schwäche zu erholen.

STRATEGIC FIXED INCOME

Die mitverantwortliche Leiterin der Anleihenstrategie Jenna Barnard erläutert, wie die Unterdrückung der Zinsschwankungen durch führende Zentralbanken dafür gesorgt hat, dass das Gespenst der Japanisierung in den USA die Runde macht.

UNTERNEHMENSANLEIHEN

Seth Meyer, Portfoliomanager für Unternehmensanleihen, und Kundenportfoliomanagerin Esther Watt beleuchten die Ausfallaussichten für Hochzinsanleihen und die damit verbundenen Risiken und Chancen.

Unsere Fixed-Income-Ressourcen

Unsere Fixed-Income-Ressourcen

Janus Henderson Fixed Income bietet Lösungen für die aktive Vermögensverwaltung, um seinen Kunden zu helfen, ihre Anlageziele zu erreichen. In den letzten vier Jahrzehnten haben unsere globalen Anlageteams ein breites Spektrum an Produktlösungen entwickelt, um den vielfältigen und sich stetig weiterentwickelnden Bedarf unserer Kunden zu decken. Von Kern- und Multisektor-Investments bis hin zu stärker fokussierten Mandaten bieten wir innovative und differenzierte Techniken an, die eigens entwickelt wurden, um unsere Kunden dabei zu unterstützen, durch jeden einzigartigen Wirtschaftszyklus zu navigieren. Die Ressourcen dieser Teams sind über individuelle Strategien oder kombiniert in speziell zusammengestellten Lösungen verfügbar.

Der Wissensaustausch zwischen den Teams und Regionen fördert die Zusammenarbeit und die Diskussion über Anlageideen, doch gleichzeitig verfügt jedes Team innerhalb eines disziplinierten Rahmens über ein definiertes Maß an Flexibilität. Unsere Portfolioaufbauprozesse unterliegen einem rigorosen Risikomanagementrahmen, der dazu dient, höhere risikobereinigte Renditen zu erzielen. Wir sind zudem der Auffassung, dass Transparenz die Grundlage für echte Kundenpartnerschaften ist. Wir wollen das Vertrauen unserer Kunden gewinnen, in dem wir solide und wiederholbare Anlageprozesse anwenden und Einblicke aus erster Hand von unseren Anlagespezialisten bieten.

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September 2020

Taper tantrum: Marktreaktion auf Äußerungen des Vorsitzenden der US-Notenbank Fed im Mai 2013, die darauf hindeuteten, dass die USA eine Verringerung ihres Anleihekaufprogramms (quantitative Lockerung) erwägen.

Spread/Kreditspread: Bezeichnet die Mehrrendite, die ein Emittent gegenüber vergleichbaren „risikofreien“ Vermögenswerten wie US Treasuries bietet. Allgemein signalisiert eine Spread-Weitung eine Verschlechterung der Bonität von Unternehmensemittenten, eine Verengung dagegen eine Verbesserung der Bonität.

Hochzinsanleihe: Eine Anleihe mit einem Rating unter Investment Grade, auch Sub-Investment-Grade-Anleihe genannt. Diese Anleihen haben ein höheres Zahlungsausfallrisiko und werden daher in der Regel mit einem höheren Kupon begeben, der das zusätzliche Risiko kompensiert.

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