Ist das Risiko eines politischen Fehltritts das größte Problem für die Märkte? Portfoliomanager Luke Newman betrachtet die Aussichten für Absolute-Return-Strategien, da nun Regierungen und Zentralbanken ein Ende der geld- und fiskalpolitischen Großzügigkeit signalisieren, von der die Ära der Pandemie geprägt war.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Angesichts des Ausmaßes der Konjunkturmaßnahmen, die im Zuge der Pandemie ergriffen wurden, könnte der Grundstein für eine erhöhte Marktvolatilität im Jahr 2022 gelegt worden sein.
  • Bei der Bewältigung von Anlagen an Märkten, die neuen Virus-Varianten sowie einer unerwartet hohen Inflation ausgeliefert sind, könnte sich Flexibilität als entscheidender Faktor erweisen.
  • Auf dem britischen Markt, der im Vergleich zu anderen großen Industrieländern fundamental falsch bewertet zu sein scheint, bieten sich attraktive Chancen. Letzten Endes werden jedoch die Fundamentaldaten der Aktien entscheidend sein.

Absolute-Return-Strategien, die objektiv darauf abzielen, im Laufe der Zeit eine beständige, stabile positive Rendite zu erwirtschaften, sind naturgemäß auf ihre Fähigkeit angewiesen, flexibel vorgehen zu können. Niemand von uns weiß, was als Nächstes auf uns zukommt. Keiner von uns weiß, woher die nächste Pandemie oder politische Krise kommen wird oder wann mit ihr zu rechnen ist. Die Flexibilität, sich für Ungewissheit am Markt zu positionieren und damit einen Teil des Verlustrisikos zu mindern, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit zu haben, wahrgenommenes Aufwärtspotenzial zu nutzen, ist absolut entscheidend.

Bestes Beispiel hierfür sind die Erfahrungen, die Anleger im Jahr 2021 gemacht haben. Im letzten Quartal des Jahres 2020 waren die Märkte von zahlreichen Unsicherheiten heimgesucht worden. Wer würde der nächste Präsident der USA werden? Wie wirksam waren die Impfstoffe? Würde es zu einem No-Deal-Brexit kommen? Die Antworten haben die Stimmung beflügelt und dazu beigetragen, die Aktienmärkte auf neue Rekordstände zu treiben. In Verbindung mit der geld- und fiskalpolitischen Großzügigkeit, von der die Pandemie begleitet wurde (und die die Wirtschaft womöglich zu stark angekurbelt haben könnte), könnte jedoch der Grundstein für eine höhere Marktvolatilität im Jahr 2022 gelegt worden sein.

Inflation: dauerhaft oder vorübergehend?

Die Inflationsdebatte hat das Jahr 2021 geprägt, und zwar sowohl im Hinblick auf ihre Schwere als auch darauf, wie die Zentralbanken wohl darauf reagieren würden. Die Märkte haben bereits höhere Zinssätze eingepreist, aber es besteht nach wie vor das Risiko eines politischen Fehlers seitens der Zentralbanken, während sie versuchen, einen Weg zurück zur Normalität zu finden. Da die Inflation zeitverzögert gemeldet wird, könnte eine Anhebung der Zinssätze zur Bekämpfung erster Anzeichen einer erhöhten Inflation mehr schaden als nützen, wenn die verzögerten Daten mit einem Echtzeit-Rückgang der Inflation zusammenfallen.

Abbildung 1: Der Inflationsdruck war 2021 höher als erwartet

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Quelle: Refinitiv Datastream, Janus Henderson Investors, 1. Januar 2010 bis 15. Oktober 2021. Inflation gemessen am Verbraucherpreisindex (VPI) für die USA, das Vereinigte Königreich und den Euroraum.

Die Möglichkeit höherer Kreditkosten wirft einen Schatten auf eine der stärksten Triebkräfte der jüngsten Entwicklung am US-Aktienmarkt: den Technologiesektor. Ohne die Lockdowns, die den digitalen Wandel vorangetrieben und das Ertragspotenzial deutlich gesteigert haben, sind kleinere Nasdaq-Unternehmen möglicherweise nicht mehr so verführerisch wie Unternehmen wie Amazon und Microsoft, die ihren Wert immer wieder aufs Neue unter Beweis stellen.

Wir haben außerdem beobachten können, dass die Märkte als Reaktion auf bestimmte Schlagzeilen gelegentlich in den „Risk-off“-Modus umschalten – sei es, weil Zentralbanken ihre Entschlossenheit zur Drosselung ihrer Wertpapierkäufe signalisieren, oder auch aufgrund von Versorgungsproblemen im Energiesektor, Transport- und Logistikproblemen oder Befürchtungen einer Ansteckung durch das chinesische Immobilienunternehmen Evergrande. Zuletzt wurde das Marktvertrauen durch die jüngste COVID-Variante „Omicron“ erschüttert, da diese neben den Sorgen über die Aussichten für die Weltwirtschaft auch die persönlichen Befürchtungen hinsichtlich der Wirksamkeit der verfügbaren Impfstoffe erhöht hat.

Angesichts dieser Faktoren betrachten wir die Märkte mit einer gewissen Vorsicht. Insgesamt könnten diejenigen Unternehmen, die bewiesen haben, dass sie Marktanteile erobern und/oder höhere Kosten ausgleichen können, weiterhin belohnt werden (spricht: höhere Aktienkurse erzielen). Die Aktienmärkte zeigen jedoch wenig Geduld für Enttäuschungen, was auf der Short-Seite weiterhin ein fruchtbares Revier darstellen könnte.

Großbritannien: das Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

Ein Bereich, den wir besonders hervorheben möchten, ist der britische Markt, wo eine Kombination aus niedrigen Bewertungen, pandemiebedingter Unsicherheit und den Nachwirkungen des Brexit dazu geführt hat, dass der relative Abschlag auf britische Aktien den höchsten Stand seit mehreren Jahrzehnten erreicht hat. Ein umfassendes Dienstleistungsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union (EU) scheint zwar noch in weiter Ferne zu liegen, die 2020 in letzter Minute erreichte Einigung auf den Brexit hat die Wahrnehmung des Marktes jedoch dramatisch verändert. Nachdem die Risiken eines „schlimmeren als befürchteten Ergebnisses“ scheinbar abgewendet worden waren, setzte eine Flut von Fusions- und Übernahmeaktivitäten ein, insbesondere aus den USA. Die öffentlichen Märkte hinken jedoch oft hinterher, und diese Kombination aus niedrigen Bewertungen und allgemeiner Unsicherheit (globale Lieferkettenprobleme, Inflationsbefürchtungen etc.) hat uns zu der Einschätzung geführt, dass viele britische Aktien nach wie vor grundlegend falsch bewertet sind – siehe Abbildung 2.

Abbildung 2: Der britische Markt wird zu einem starken Abschlag gegenüber sowohl den USA als auch Europa gehandelt

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Quelle: Janus Henderson Investors, Bloomberg, 2. Dezember 2011 bis 26. November 2012. Hier wird der FTSE 100 Index mit dem S&P500 Index und dem Euro Stoxx 50 Index verglichen, wobei der relative Abschlag für das zukunftsorientierte, gemischte 12-Monats-Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in Prozent angegeben wird. Dies ist ein häufig verwendeter Indikator für das Verhältnis zwischen zwei verschiedenen Märkten. Das zukunftsgerichtete Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) basiert auf einer Vorhersage künftiger Gewinne während des jeweiligen Zeitraums (in diesem Fall 12 Monate). Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für die künftige Wertentwicklung.

Konzentration auf die Chancen bei Aktien.

Wir sind der Meinung, dass die Flexibilität von Absolute-Return-Strategien ein nützliches Instrument sein kann, das den Anlegern hilft, sich an die politischen Entscheidungen der Zentralbanken und die wechselnden Marktstimmungen anzupassen. Wir bleiben im Hinblick auf mögliche Fehltritte der Zentralbanken sowie die Erwartungen des Marktes einer weniger lockeren Geldpolitik vorsichtig. Da die Inflation erst mit Verzögerung gemeldet wird, bleibt der Weg nach vorn unklar – insbesondere, seitdem Omicron uns daran erinnert hat, dass die Pandemie immer noch wütet. Dies wirft Fragen hinsichtlich einer Erholung auf, die stark von der Wirksamkeit der Impfstoffe abhängen dürfte. Unserer Meinung nach ist der britische Markt im Vergleich zu anderen Märkten wie den USA und Europa nach wie vor unterbewertet, und wir beobachten die äußerst lebhafte Entwicklung der Übernahmeaktivitäten genau. Aber das Umfeld ist weiterhin von Unsicherheit geprägt, was zahlreiche Chancen eröffnet, sowohl auf der Long- als auch auf der Short-Seite aktiv zu werden.

Glossar:

Absolute Rendite: Die Gesamtrendite eines Portfolios im Gegensatz zu seiner relativen Rendite im Vergleich zu einer Benchmark. Sie wird in absoluten Zahlen als Gewinn oder Verlust gemessen und üblicherweise als Prozentsatz des Gesamtwerts eines Portfolios angegeben.

Verlustrisiko: Eine Schätzung des möglichen Verlustes, den ein Wertpapier oder ein Portfolio erleiden kann, wenn sich der Markt in die falsche Richtung bewegt.

Geld-/fiskalpolitische Großzügigkeit: Bei der Geldpolitik handelt es sich um die Politik einer Zentralbank, die darauf abzielt, die Inflation und das Wachstum in einer Volkswirtschaft zu beeinflussen. Hierzu zählt die Steuerung der Zinssätze und der Geldmenge. Bei der Fiskalpolitik handelt es sich um die Politik einer Regierung, die unter anderem die Bestimmung der Steuersätze und der Staatsausgaben betrifft.

Inflation: Teuerungsrate von Waren und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft. Der Verbraucherpreisindex (VPI) und der Einzelhandelspreisindex (RPI) sind zwei gängige Messgrößen für die Inflation.

Anleiherendite: Ertrag aus einem Wertpapier, in der Regel angegeben in Prozent. Höhere Anleiherenditen bedeuten niedrigere Kurse und umgekehrt.

Drosselung der Käufe von Vermögenswerten: Die Zentralbanken haben durch ein umfangreiches und anhaltendes Programm zum Ankauf von Vermögenswerten, im Zuge dessen unter anderem Anleihen gekauft wurden, zur Ankurbelung der Wirtschaft beigetragen (dies wird auch als quantitative Lockerung bezeichnet).

Short-Seite (Leerverkäufe): Bei Leerverkäufen bzw. „Short“-Positionen handelt es sich um eine Strategie, bei der Anlageverwalter einen Vermögenswert, den sie für überbewertet halten, ausleihen und dann verkaufen, mit der Absicht, ihn später bei fallenden Kursen zu einem niedrigeren Preis zurückzukaufen.

Marktabschlag: Der Begriff „Aufschlag/Abschlag“ beschreibt den relativen Wert von zwei oder mehr vergleichbaren Faktoren, beispielsweise von verschiedenen Aktienmärkten. Hier verwenden wir das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das berechnet wird, indem der Kurs von Aktien durch ihre voraussichtlichen Gewinne in den folgenden 12 Monaten geteilt wird. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis für britische Aktien sehr viel niedriger als bei ihren Pendants in den USA und Europa, was darauf hindeutet, dass das Vereinigte Königreich im Vergleich zu diesen Märkten relativ günstig ist.