David Elms, Leiter für alternative Anlagestrategien bei Janus Henderson, wagt einen Ausblick für 2022 und erläutert, weshalb eine Allokation in solide diversifizierte Strategien nach einem Jahr, in dem die Märkte von einem Rekord zum nächsten gejagt sind, sinnvoll ist.

Zentrale Erkenntnisse: 

  • An den Märkten wird viel spekuliert, dennoch scheint Diversifizierung nur etwas für Angsthasen zu sein.
  • Kurz vor dem Jahreswechsel gehen wir davon aus, dass Inflation und Zinsen letztlich zu einer Neubewertung von Risikoanlagen führen könnten.
  • Alternative Anlagen bieten grundlegend andere Perspektiven als traditionelle Aktien- oder Anleihestrategien. Darin liegt möglicherweise die größte Chance für die Anlageklasse.

Welche Themen sind Ihrer Meinung nach für alternative Anlagen 2022 relevant?

Dieser Markt bietet aus meiner Sicht geade in schwierigen Zeiten starke Chancen. Er ist absolut sicher, egal, in welche Turbulenzen er gerät. Rekordbewertungen? Wir haben es mit einem neuen Paradigma zu tun, einer modernen industriellen Revolution, die spektakuläres Gewinnwachstum unterstreichen wird. Inflation? Sie ist temporär und angebotsbasiert. Die Zinsen werden auf absehbare Sicht niedrig bleiben. Geopolitische Positionierung gegenüber Taiwan und der Ukraine? Staatsverschuldung? Neue COVID-Varianten? Ist Bitcoin 1 Bio. US-Dollar wert...?

Die Fragen im Arsenal der Pessimisten unter den Marktteilnehmern sind so beeindruckend, dass man vermutlich innehalten und einen Augenblick nachdenken sollte. Die Märkte setzen ihren Aufwärtstrend allerdings unbeeindruckt und weitgehend ungeschoren fort. Anleger scheinen Risiken nicht zu scheuen und fest zu ihren Anlageentscheidungen zu stehen. Zum Zeitpunkt als dieser Bericht verfasst wurde, hatte der S&P 500 Index an über 70 Tagen im Jahr 2021 neue Allzeithochs erreicht. An den Märkten wird viel spekuliert, dennoch scheint Diversifizierung nur etwas für Angsthasen zu sein.

Gibt es einen wunden Punkt bei all der Stärke?

Wir waren sehr überrascht, wie stark die Aktienmärkte 2021 waren und wie eisern die Marktteilnehmer an ihrem Optimismus festhielten. Die Frage, was diese offenbar grenzenlose Stärke brechen kann, ist schwer zu beantworten. Kurz vor dem Jahreswechsel stufen wir das Risiko einer geldpolitischen Fehlentscheidung der Zentralbanken als größtes Hindernis für die Aktien- und Anleihenmärkte ein. Angesichts der hohen Duration in einigen Bereichen des Aktienmarkts, könnte sich selbst ein kleiner Dreh an der Zinsschraube erheblich auf die Bewertungen auswirken. Die Kreditspreads (Renditeabstand zwischen Staatsanleihen und anderen, schlechter bewerteten Anleihen) verharren ebenfalls auf Allzeittiefs. Das bedeutet, dass sich das Eingehen zusätzlicher Risiken für Anleger kaum lohnt. Inzwischen zeigen sich jedoch zunehmend Risse, da einige Länder beginnen, ihre Stimulierungsmaßnahmen zurückzufahren.

Die Zutaten für eine langfristig rege Nachfrage nach alternativen Strategien sind angesichts diversifizierter Performancetreiber und geringer Korrelation zu Aktien oder Anleihen sicher vorhanden. Solange die Realzinsen negativ bleiben, werden Risikoanlagen möglicherweise nichts von ihrer Attraktivität einbüßen. Das Auftauchen der neuen COVID-Variante „Omikron“ sorgt aktuell für große Unsicherheit. Sie wird sich weiter ausbreiten. Die Frage ist allerdings, ob sie eine neue Stimulierungsrunde auslösen könnte.

Wo sehen Sie die größten Chancen für alternative Strategien?

Alternative Anlagen bieten Anlegern völlig andere Perspektiven als traditionelle Kernstrategien, die auf Aktien oder Anleihen basieren. In diesem Unterschied besteht vielleicht die größte Chance für die Anlageklasse. Inflation und Zinsen sind unseres Erachtens möglicherweise die beiden Faktoren, die das Vertrauen letztendlich beschädigen und Anleger zu einer Änderung ihres Verhaltens bewegen könnten. 2021 haben wir bereits mehrere Fehlstarts in dieser Hinsicht erlebt, und diese Faktoren werden auch 2022 weiter verwundbar machen.

Alles in allem ist das Marktverhalten ein soziologisches Phänomen, das nur äußert, schwer vorherzusagen ist. Anlegern dürfte es kaum gelingen, exakt zu bestimmen, wann der Markt sich drehen wird. Für uns ist daher ein vielschichtiger Ansatz umso wichtiger, um ein ausgewogenes Portfolio aufzubauen. Für ein engagiertes Team, das sich mit alternativen Strategien befasst, beschert die Vielfalt an differenzierten Ansätzen, eine größere Anpassungsfähigkeit. Die Ausweitung dieser Möglichkeiten schafft zusätzliche Instrumente, die Ihnen helfen, sich anzupassen und neu zu konfigurieren.

Wenn Sie das aktuelle Marktumfeld in einer Abbildung zusammenfassen könnten?

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Quelle: Janus Henderson Investors, Refinitiv, 31. Dezember 1999 bis 29. Oktober 2021. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für die künftige Wertentwicklung.

Wie lauten die wichtigsten Erkenntnisse für 2022? Überrenditen reinvestieren...

Viele Anleger haben mit ihren Risikoanlagen Überrenditen erwirtschaftet. Wir finden, dass die Wiederanlage eines Teils dieser Erträge vor dem Hintergrund der aktuellen Marktdynamik in Diversifizierungsstrategien ein Eckpfeiler einer soliden Vermögensverwaltung sein könnte. Wir beobachten eine steigende Nachfrage nach alternativen Anlagen, die nur eine geringe Sensitivität gegenüber riskanten Anlagen aufweisen.

Diversifizierung ist für uns immer ein wichtiger Aspekt - nicht nur die Diversifizierung nach Anlageklassen, sondern echte Diversifizierung im Hinblick auf die zugrunde liegenden Performancetreiber.  Wir sehen Chancen für flexible Anlagelösungen mit Möglichkeit zur Allokation auf verschiedene Strategien und bei denen Kapital investiert oder abgezogen werden kann, wenn sich die Marktbedingungen ändern oder bestimmte Anlagemöglichkeiten mehr oder weniger überlaufen sind.

Wir finden, es gibt gute Gründe dafür, dass Anleger in ihren Portfolios mehr Platz für alternative Anlagen machen. Letztlich kommt es auf die Kundenerfahrung an. Wenn Sie attraktive, risikobereinigte Renditen mit Performance-Treibern erzielen können, die allenfalls wenig mit Aktien und Anleihen oder Hedge-Fonds korrelieren, dann ist das im aktuellen Marktumfeld für einen Kunden wahrscheinlich besonders hilfreich, wenn die Volatilität steigt und die Unsicherheit bleibt.