Anleger, die bei Sektoren bleiben, die in einer Welt nach der Pandemie Fuß gefasst zu haben scheinen, können die neuen Herausforderungen in Form von steigenden Zinsen, Inflation und geopolitischer Unsicherheit unter Umständen leichter bewältigen. Greg Wilensky, Head of US Fixed Income, und Jeremiah Buckley, Portfoliomanager, erläutern die Gründe dafür.

Die wichtigsten Schlussfolgerungen

  • Die pandemiebedingten strukturellen Veränderungen könnten attraktive langfristige Chancen darstellen im Gegensatz zu Vermögenswerten, deren Volatilität derzeit Faktoren ausgeliefert ist, auf die wir keinen Einfluss haben.
  • Die Konsumausgaben dürften von den während der Lockdowns angesammelten Ersparnissen gestützt werden, auch wenn sich die Präferenzen der Verbraucher wahrscheinlich von ihren Konsumgewohnheiten vor der Pandemie unterscheiden werden.
  • Bei Unternehmensanleihen ist eine konservative Haltung angebracht, auch wenn Finanzwerte eine langfristige, solide Neupositionierung aufweisen könnten.
  • Die Märkte setzen ihre Gratwanderung zwischen einem schwierigen makroökonomischen Umfeld, steigenden Rohstoffpreisen und gestörten Lieferketten fort, die allesamt den Nutzen einer flexiblen Vermögensallokation unterstreichen.

Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass die Menschen künftig wieder wie vor der Pandemie arbeiten, leben und konsumieren werden. Der strukturelle Wandel in den Gesellschaften und Volkswirtschaften ging schnell vonstatten und hatte weitreichende Auswirkungen, wofür die unaufhaltsamen Trends wie die Digitalisierung und die Dekarbonisierung verantwortlich waren.

Zum Ende des Jahres 2021 passten die Anleger ihre Gewichtungen von bestimmten Sektoren und Vermögenswerten bereits an das „Leben nach COVID-19“ an. Seitdem ist es aufgrund der schnellen Eskalation der Unsicherheit und Volatilität im Jahr 2022 vor dem Hintergrund der Achterbahnfahrt an den Märkten und der geopolitischen Spannungen dringlicher als je zuvor geworden, stabile und diversifizierte Renditequellen zu identifizieren.

Um dies zu erreichen, können Anleger bei der Vermögensallokation einen anderen Ansatz in Betracht ziehen. Anstatt sich auf unkontrollierbare Kräfte zu konzentrieren – von der Inflation und den Rohstoffpreisen bis hin zu den Zinssätzen und den geopolitischen Spannungen –, sollten Anleger lieber nach einer geeigneten Kombination aus Aktien und Anleihen mit langfristigem Renditepotenzial Ausschau halten.

Dies läuft auf Strategien hinaus, die darauf ausgerichtet sind, Unternehmen zu identifizieren, die das Potenzial haben, Nutzen aus einer langfristigen nachhaltigen Entwicklung zu ziehen, die auf attraktiven und differenzierten Produkten und Dienstleistungen basiert, die für ihre Kunden Wert schaffen.

Unserer Ansicht nach wäre es mit einem ausgewogenen Ansatz am besten möglich, viele Jahre lang Wachstum zu schaffen, anstatt zu versuchen, das Unvorhersehbare zu erahnen oder vorherzusagen.

Ein vielschichtiger Aktienansatz

Derzeit sind wir überzeugt, dass langfristige Themen, die durch die Pandemie verankert wurden, das Wirtschaftswachstum auf absehbare Zeit ankurbeln werden. Zu diesen Themen gehören moderne Technologien, wo eine bedeutende Verlagerung von Technologieanwendungen in die Cloud stattgefunden hat, in Verbindung mit einem Übergang zu „Software as a Service“ und „Infrastructure as a Service“ in den Bereichen Software und Infrastruktur.

Die Veränderung der Verbraucherpräferenzen ist ein weiteres interessantes Thema. Durch neue Gewohnheiten entsteht eine neue Nachfrage, und Kunden, die den E-Commerce für sich entdeckt haben, werden kaum zu ihren alten Konsumgewohnheiten zurückkehren. Dies dürfte sich wiederum positiv auf die Konsumausgaben auswirken.

Generell stehen die Chancen auf eine Erholung im Sektor der zyklischen Konsumgüter gut. Während er Anfang 2022 aufgrund der steigenden Inflation bei Basisgütern und Rohstoffen und der geopolitischen Unsicherheit zu den Sektoren mit der schlechtesten Performance zählte, erscheinen die Bewertungen für die hochwertigsten langfristigen Wachstumsunternehmen derzeit attraktiv.

Zudem dürften sich die Konsumausgaben als robust erweisen. Eine solide Erholung auf dem Arbeitsmarkt und damit ein Wachstum der Löhne zusätzlich zu den allgemein hohen Ersparnissen, die während der Pandemie angehäuft wurden, könnte weiter dazu beitragen, dass dieser Sektor dem Einbruch des Verbrauchervertrauens standhalten kann.

Diejenigen Anleger, die ihre Aktienportfolios an diesen sich verändernden Trends ausrichten, haben das Potenzial, von der reduzierten Volatilität zu profitieren, ohne Ertragseinbußen hinnehmen zu müssen, da sie in bewährte Unternehmen investieren, die starke Cashflows generieren können und Marktrückgänge nutzen, um ihre Marktpositionen zu verbessern.

Dementsprechend weisen Branchen wie Energie und Finanzen aufgrund ihrer Schwierigkeiten mit dem Kernvolumen und dem organischen Wachstum in Verbindung mit makroökonomischen Problemen längerfristig potenzielle Risiken auf.

Abbau von Risiken bei Schuldtiteln

COVID-19 hatte auch deutliche Auswirkungen auf Anleihen. Durch die Verengung der Spreads nach der Pandemie verlor zum Beispiel die Entschädigung für das Eingehen von Kreditrisiken im Jahresverlauf trotz positiver Fundamentaldaten an Attraktivität. Obwohl sich die Spreads im ersten Quartal ausweiteten, sind wir überzeugt, dass es für Anleger vorteilhaft ist, ihr Engagement in Staatsanleihen auszubauen und gleichzeitig das allgemeine Kreditrisiko zu reduzieren.

Bekannte Risiken sind eine Sache, aber mehr Sorgen sollten sich Anleger vielleicht über die Auswirkungen der unbekannten Risiken machen. Leider nehmen diese zu; niemand hatte mit der Invasion in die Ukraine gerechnet. Und durch den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist die bereits schwierige Aufgabe der US-Notenbank (Fed), eine weiche Landung der US-Wirtschaft zu bewältigen, noch komplizierter geworden.

Unserer Ansicht nach erfordern diese Risiken einen konservativeren Ansatz bei Spread-Produkten. Hochwertige verbriefte Vermögenswerte, besichert durch Wohnbauhypotheken, sind ein Bereich, der attraktiv sein könnte. Auch wenn es bei Unternehmensanleihen immer noch attraktive Chancen bei höher bewerteten Segmenten der Kategorie unterhalb von Investment Grade oder bei Anleihen mit BB-Rating gibt (auf Grundlage der Erwartungen, dass ein bedeutender Anteil dieser als „aufsteigende Sterne“ geltenden Unternehmen möglicherweise bis 2023 auf Investment Grade hochgestuft werden könnte), könnte es angesichts des unsicheren Umfelds sinnvoll sein, auf qualitativ höherwertige Titel umzusteigen.

Bei einer längerfristigen Betrachtung der Sektoren erscheinen Finanzwerte – insbesondere Banken – derzeit ebenfalls attraktiv. Die Spreads haben sich gegenüber anderen Sektoren des Marktes für Unternehmensanleihen ausgeweitet, und angesichts eines soliden Emissionsvolumens wird eine Neuausrichtung möglich.

Ferner dürfte die Tatsache, dass Banken in Bezug auf die Tätigkeiten, denen sie nachgehen können, um ihr Wachstum zu steigern, eingeschränkt sind, für Anleihenanleger attraktiv sein, da dies ihr Kreditrisiko begrenzt.

Gratwanderung

Generell sind wir angesichts des schwierigen makroökonomischen Umfelds und der Befürchtungen eines länger anhaltenden Ukraine-Konflikts überzeugt, dass die Marktperformance durch Lieferkettenprobleme und hohe Rohstoffpreise beeinträchtigt werden könnte.

Daran zeigt sich, wie wichtig es ist, flexibel reagieren zu können, um die Vermögensallokation im Laufe der Zeit durch Abwägung der Risiken und Chancen in den verschiedenen Anlageklassen abhängig von den Marktbedingungen anzupassen. Damit diese Strategie erfolgreich umgesetzt werden kann, müssen die Teams zusammenarbeiten, sich regelmäßig austauschen und bei den einzelnen Positionen im Portfolio sowie beim Anteil der Aktien und Anleihen insgesamt dynamische Anpassungen vornehmen.

Voraussetzung dabei ist, dass die Allokationen über verschiedene festverzinsliche Instrumente diversifiziert sind und bei Aktien eine Balance zwischen Aktien von Unternehmen, die in verschiedenen wirtschaftlichen Szenarien eine stabile Performance erzielen, und von zyklischeren Unternehmen, die in Zeiten wirtschaftlicher Erholung profitieren können, gefunden wird.

Glossar

Vermögensallokation: Die Allokation eines Portfolios in einer Anlageklasse, einem Sektor, einer geografischen Region oder einer Wertpapierart.

Kreditrating: Einem Entleiher auf der Grundlage seiner Bonität zugewiesenes Rating. Es kann für eine Regierung oder ein Unternehmen oder für eine ihrer einzelnen Verbindlichkeiten oder finanziellen Verpflichtungen erteilt werden. Ein Rechtsträger, der Investment-Grade-Anleihen begibt, hat in der Regel ein höheres Kreditrating als einer, der Hochzinsanleihen begibt. Das Rating wird normalerweise von Ratingagenturen wie Standard & Poor’s oder Fitch erteilt, die standarsisierte Bewertungen wie „AAA“ (ein hohes Kreditrating) oder „B-“ (ein niedriges Kreditrating) verwenden. Die Ratings von Moody‘s, einer anderen bekannten Ratingagentur, sind etwas anders aufgebaut. AAA bedeutet ein hohes Kreditrating und B3 ein niedriges Kreditrating.

Zyklische Aktien: Unternehmen, die zyklische Konsumgüter wie Autos verkaufen, oder Branchen, die sehr sensibel auf Veränderungen der Wirtschaft reagieren, wie Bergbauunternehmen. Die Kurse von Aktien und Anleihen, die von zyklischen Unternehmen begeben werden, werden in der Regel stärker von den Schwankungen der Gesamtwirtschaft beeinflusst als diejenigen von nicht-zyklischen Unternehmen.

Diversifizierung: Eine Art der Risikostreuung durch Mischen verschiedener Arten von Vermögenswerten/Anlageklassen in einem Portfolio. Sie beruht auf der Annahme, dass sich die Kurse der verschiedenen Vermögenswerte in einem bestimmten Szenario unterschiedlich entwickeln werden. Vermögenswerte mit einer geringen Korrelation dürften die stärkste Diversifizierung bieten.

Investment-Grade-Anleihe: Eine Anleihe, die in der Regel von Regierungen oder Unternehmen begeben wird, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie ein relativ geringes Risiko aufweisen, ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen zu können. Die höhere Qualität dieser Anleihen kommt in ihren höheren Kreditratings gegenüber Anleihen zum Ausdruck, die als mit einem höheren Ausfallrisiko behaftet gelten, wie Hochzinsanleihen.

Spread/Kreditspread: Der Unterschied zwischen der Rendite einer Unternehmensanleihe und derjenigen einer gleichwertigen Staatsanleihe.

Volatilität: Das Tempo und das Ausmaß von Auf- und Abbewegungen der Preise und Kurse von Portfolios, Wertpapieren und Indizes. Steigen und sinken die Preise und Kurse stark, ist die Volatilität hoch. Verändern sich die Preise und Kurse eher langsam und in geringerem Ausmaß, ist die Volatilität geringer. Die Volatilität ist ein Maß für das Risiko einer Anlage.