May Ling Wee, Portfolio Manager China Equities, zeigt auf, dass die wirtschaftliche Erholung in China bereits in Gange ist und erläutert, wie sich die Digitalisierung der Wirtschaft beschleunigt und Unternehmen und Regierung Verbraucher und Geschäfte unterstützen.   

   Wesentliche Erkenntnisse:

  • China steht nun vor einem Balanceakt zwischen der Notwendigkeit, das Virus weiter in Schach zu halten und der Notwendigkeit, die Wirtschaft wieder hochzufahren.
  • COVID-19 beschleunigt und verstärkt den Trend zur Digitalisierung von Wirtschaft und Verbraucherdienstleistungen in China.
  • May Ling erwartet in den nächsten beiden Quartalen erhebliche Auswirkungen des Virus auf die Unternehmensgewinne und eine relativ langsame Normalisierung der Wirtschaftstätigkeit im zweiten Quartal.
  • Sie rechnet außerdem damit, dass die chinesischen Verbraucher letztlich wieder zu alter Stärke zurückfinden können, wenn auch langsam.

 

Die chinesische Wirtschaft erholt sich, der Fertigungs- und der Bausektor sind bereits kräftig im Aufwind, während der chinesische Verbraucher (vorerst) zurückhaltender ist, was Kontakte außer Haus betrifft. Der Widerstreit zwischen dem Wunsch nach einer Wiederherstellung der Wirtschaftstätigkeit und der Notwendigkeit der Eindämmung des Virus hält an.

Daten zeigen eine Belebung der Konjunktur

Hochfrequente Indikatoren (regelmäßige Bestandsaufnahmen der lokalen Wirtschaft sowie Wirtschafts- und Finanzindikatoren zur Ermittlung nationaler Trends) für die zweite Aprilwoche deuten darauf hin, dass die Bewegungen der Wanderarbeiter noch 30% unter dem Wert des entsprechenden Vorjahreszeitraums nach dem chinesischen Neujahrsfest liegen. Weitere hochfrequente Indikatoren, wie Kohleverbrauch (-10% gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum nach dem chinesischen Neujahrsfest), Raffinerieausstoß (Auslastung ggü. Vorjahr leicht gestiegen), Personenverkehr auf der Straße, Schiene und in der Luft (im Jahresvergleich noch immer niedriger) und U-Bahn-Verkehr (ca. 40% des Niveaus des entsprechenden Vorjahreszeitraums) deuten alle auf eine Wiederaufnahme der Industrietätigkeit hin, wobei die Mobilität der Menschen über größere Entfernungen noch eingeschränkt ist.1

Laut einer Pressemitteilung des Staatsrats haben über 95% der chinesischen Unternehmen (oberhalb einer festgelegten Größe) und fast 100% der börsennotierten Unternehmen die Arbeit wieder aufgenommen, während der Anteil bei kleinen und mittelständischen Unternehmen noch deutlich geringer ist (ca. 60%). Vor allem in konsumorientierten Branchen dürften Kapazitätsauslastung und Nachfrage noch deutlich niedriger sein. Ein gutes Beispiel sind Restaurants, die zwar seit Ende Februar größtenteils wieder geöffnet haben, wo aber aufgrund der Schutzmaßnahmen weniger als die Hälfte der Sitzplätze genutzt werden kann.2 Das liegt zum einen daran, dass die Arbeitskräfte noch nicht alle wieder an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt sind, und zum anderen daran, dass viele es derzeit vorziehen, zu Hause zu essen oder sich eigene Lunchpakete mit zur Arbeit zu nehmen. Der U-Bahn-Verkehr in den Großstädten nimmt wieder zu, liegt aber derzeit noch bei ca. 44% des Vorjahresniveaus. Die meisten Menschen wagen sich nur mit privaten oder halb privaten Fahrzeugen nach draußen, andere ziehen es vor, zu Hause zu bleiben.

Die lokalen Behörden müssen einerseits sicherstellen, dass das Virus unter Kontrolle bleibt, und andererseits dafür sorgen, dass die lokale Wirtschaft wieder hochgefahren wird. Schanghai hat die Wiedereröffnung der Schulen am 27. April angekündigt – ein gutes Zeichen, dass die Stadtverwaltung optimistisch hinsichtlich der Eindämmung des Virus ist. Wir sehen dies als einen allmählichen, aber willkommenen Beginn einer Erholung an.

China schreitet auf seinem Weg zur digitalen Wirtschaft voran

COVID-19 beschleunigt und verstärkt in China den Digitalisierungstrend in der Wirtschaft und bei Verbraucherdienstleistungen. Während viele traditionelle Läden geschlossen haben, nutzen chinesische Händler zunehmend Online-Plattformen wie Tmall und Jd.com, um die Verbraucher zu erreichen. Die Verbraucher in diesen Zeiten bei der Stange zu halten, ist für den Erhalt und die Steigerung der Markenpräsenz essenziell. Da die Verbraucher derzeit zumeist zu Hause und über mobile Geräte und PCs erreichbar sind, ist die digitale Verbindung mit ihnen oft der beste Ansatz. Viele Unternehmen betrachten die Digitalisierung als notwendige strategische Investition. Die Catering-Branche stützt sich zunehmend auf spezialisierte Lieferplattformen wie Meituan/ele.me. So trägt die Online-Bestellung von Speisen dazu bei, entgangene Umsätze aus physischen Restaurants auszugleichen. Dabei dominieren nicht länger die Fast-Food-Betriebe, sondern bieten immer mehr gehobene, teurere Restaurants ihre Speisekarte online an.

Die Verbraucher wollen sich und ihre Familien schützen und mit Freunden, Verwandten und Kollegen digital verbunden sein; gleichzeitig suchen sie nach Entertainment-Möglichkeiten in den eigenen vier Wänden. Die großen Spieleanbieter und -plattformen wie Tencent und NetEase erleben derzeit auf ihren Online-Gaming-Plattformen einen Anstieg der Nutzerzahlen und Umsätze. Aber auch in traditionelleren Branchen wie Lebensversicherungen hat COVID-19 den Digitalisierungsprozess beschleunigt, was weitere Effizienz- und Produktivitätsgewinne bringen dürfte.  So kann zum Beispiel beim Versicherungsgiganten AIA der Verkauf eines Lebensversicherungsprodukts in China nun von Anfang bis Ende online erfolgen, ohne dass Versicherungsvertreter und Kunde sich persönlich getroffen haben müssen. Stattdessen findet das Gespräch online per Videokonferenz statt. AIA verstärkt außerdem das E-Recruitment von Versicherungsvertretern und den Einsatz von Technologien zur Unterstützung der Vertriebsaktivitäten und des Kundenkontakts.

Online und offline ergänzen sich

Während COVID-19 die Digitalisierung in vielen chinesischen Unternehmen beschleunigt hat, darf man nicht vergessen, dass virtuelle Geschäfte auch die Unterstützung einer logistischen Infrastruktur benötigen, um zu funktionieren und den Bedarf der Verbraucher zu decken. Während die Verbraucher ihre Waren- und Dienstleistungskäufe ins Internet verlegt haben, war in den Frühphasen von COVID-19 die Lieferung eine große Herausforderung, weil viele Unternehmen Wanderarbeiter als Lieferpersonal einsetzten und diese nicht an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt waren. Gleichzeitig war der Zugang zu vielen Wohngebäuden eingeschränkt. Im Bildungssektor hat COVID-19 für eine Zunahme der Angebote von Online-Unterricht durch Nachhilfeanbieter und öffentliche Schulen gesorgt. Dennoch beabsichtigten viele Schüler, wieder zum physischen Unterricht zurückzukehren, wenn die Schulen wieder öffnen, da sie das Online-Lernen eher als Ergänzung betrachten und nicht als Hauptoption.

Great Wall of China tile

Bild: Getty Images

Schwierige Zeiten für Gewinne

Bis zum 3. April hatten rund 70% der Unternehmen im MSCI China Index ihre Ergebnisse für das Gesamtjahr 2019 veröffentlicht, und die Gewinne entsprachen weitgehend den Markterwartungen.4 Allerdings liegt diesen die Performance der Unternehmen vor dem Ausbruch des Coronavirus zugrunde. Die Berichtssaison für das erste Quartal 2020 hat gerade erst begonnen, und wir erwarten für die nächsten zwei Quartale erhebliche Auswirkungen des Coronaausbruchs auf die Unternehmensgewinne. Wir rechnen zudem mit einer relativ langsamen Normalisierung der Wirtschaft im zweiten Quartal. Wir gehen davon aus, dass die Cashflows in vielen Unternehmen unter Druck geraten werden, weil im Februar die Umsätze eingebrochen oder ganz weggefallen sind, und auch weil dadurch, dass die Aktivitäten nur langsam wieder hochgefahren werden, weiter Umsätze fehlen werden.

Unternehmen leisten Unterstützung

Wir erwarten, dass die meisten börsennotierten Unternehmen, die einen Skalenvorteil haben, in der Lage sein werden, gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Staatseigene Unternehmen wurden von der Regierung aufgefordert, „Dienste an der Nation“ zu leisten (ähnlich wie in anderen Ländern), um Verbraucher und Unternehmen zu unterstützen. Dies kann etwa in Form von Preissenkungen durch Energie- und Versorgungsunternehmen oder durch Mietverzichte erfolgen.  Viele der großen privaten Unternehmen in China unterstützen ihre Lieferketten und Kunden. So hat beispielsweise der E-Commerce-Gigant Alibaba eine Senkung seiner Plattformgebühren für seine Händler bekannt gegeben. Budweiser China, das normalerweise auf Vorauszahlungsbasis liefert, bietet nun Kreditkonditionen an und wird in einigen Fällen seinen etablierten, langjährigen Großhändlern Kredite gewähren. Für kleine und mittelständische Unternehmen (die das Rückgrat der chinesischen Wirtschaft bilden) sind jetzt statt Rentabilität Überleben und Liquidität die größte Sorge.

Chinesische Regierung leistet wie erwartet Unterstützung

Die chinesische Regierung hat die Wirtschaft bereits durch fiskalische und geldpolitische Maßnahmen unterstützt, wenngleich die Größenordnung dieser Maßnahmen im Vergleich zu dem, was zuletzt die Regierungen der großen westlichen Volkswirtschaften angekündigt haben, eher mager ist. Die chinesischen Banken wurden angewiesen, Kredittilgungen zu stunden, Zinsen zu senken oder Kreditlaufzeiten zu verlängern, es wurden spezielle Staatsanleihen zur Finanzierung von Infrastrukturinvestitionen begeben, und die lokalen Regierungen lockern die Restriktionen für Immobilienkäufe, obwohl die Zentralregierung darauf beharrt, dass Wohnungen zum Leben da sind und nicht für Spekulationen. China hat seinen 1-jährigen Referenzzinssatz und die Mindestreservesätze gesenkt. Die lokalen Regierungen bemühen sich außerdem, den Absatz von Elektro- und konventionellen Fahrzeugen anzukurbeln; mehr als 20 Städte haben Anreize für Autokäufe gesetzt, z. B. in Form von direkten Subventionen, einer Erhöhung der Zulassungsquote oder eine Lockerung der Limits für die Ausgabe von Nummernschildern. Auf nationaler Ebene wurde das Subventionsprogramm für Elektrofahrzeuge bis 2022 verlängert.

COVID-19 hat auch deutlich gemacht, dass das chinesische Gesundheitssystem zusätzliche Investitionen benötigt. Es ist durchaus möglich, dass eine neue Coronawelle einsetzt, wenn die Chinesen wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren und im April die Schulen wieder öffnen. Neben den beiden Behelfskrankenhäusern, die in Wuhan auf dem Höhepunkt der Krise in Rekordzeit gebaut wurden, hat China den Bau von landesweit 50 neuen Krankenhäusern angekündigt. Es ist also klar, dass die Regierung die Wirtschaft im Hinblick auf Infrastruktur und Konsum weiter unterstützen wird, gerade jetzt, wo die chinesischen Exporte von Waren und Dienstleistungen durch den globalen Lockdown beeinträchtigt sind. Das beste Mittel ist jedoch ein Mittel zur Behandlung von COVID-19 und eine Impfung, welche die Gesamtbevölkerung vor einer Infektion schützen kann.

Der chinesische Verbraucher kann wieder zu alter Stärke zurückfinden, aber nur allmählich

In einem anhaltend schwierigen Umfeld ist es sinnvoll, den Fokus auf hochwertige Unternehmen zu setzen, die aus der COVID-19 Krise gestärkt hervorgehen werden. Starke Bilanzen, eine gesunde Cashflow-Generierung und bei Bedarf Zugang zu Finanzierungen sind klare Vorteile. Für Unternehmen mit hoher Liquidität könnten sich angesichts der Bewertungen künftig attraktive Übernahmemöglichkeiten eröffnen. Die Gewinner werden wahrscheinlich Unternehmen sein, die von den steigenden Infrastrukturausgaben der Regierung profitieren. Viele Unternehmen, die auf den Binnenkonsum ausgerichtet sind, haben unter der Verkaufswelle am Markt überproportional gelitten. Wir glauben, dass nach dem drastischen Konsumeinbruch im ersten Quartal und der allmählichen Rückkehr zu einer Normalisierung der Wirtschaft im zweiten Quartal (und möglicherweise im zweiten Halbjahr) die chinesischen Verbraucher wieder auferstehen werden, wenn auch langsam.

Fußnoten

1Quelle: Bernstein. Bewegung der Wanderarbeiter, U-Bahn-Nutzung, Raffinerieausstoß, Kohleverbrauch per 15. April 2020

2Quelle: BAML (Bank of America Merrill Lynch) per April 2020.

3Quelle: Bernstein, städtische U-Bahn-Gesellschaften per April 2020.

4Quelle: MSCI, Bloomberg, Morgan Stanley Research per 3. April 2020, Indexkomponenten nach Gewichtung im Index.

Glossar der Fachbegriffe 

Fiskalpolitik: Die Politik einer Regierung, anhand derer Steuersätze und Ausgaben festgelegt werden. Der Begriff fiskalische Anreize bezieht sich auf die Ausgaben der Regierung und/oder die Senkung von Steuern zur Unterstützung einer schwachen Wirtschaft.

Geldpolitik: die Politik einer Zentralbank, die darauf abzielt, die Inflation und das Wachstum in einer Volkswirtschaft zu beeinflussen. Hierzu zählt die Steuerung der Zinssätze und der Geldmenge. Der Begriff geldpolitische Anreize bezieht sich auf die Erhöhung des Geldangebots durch eine Zentralbank und die Senkung der Kreditkosten.

Liquidität: bezieht sich auf einen Vermögenswert, der schnell in Bargeld umgewandelt werden kann, oder einen Vermögenswert oder ein Wertpapier, das leicht am Markt handelbar ist.

Mindestreservesatz: eine aufsichtsrechtliche Vorschrift, welche die Mindesthöhe der Barreserven festlegt, die eine Bank halten muss.