Mit dem Strom schwimmen

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Mit dem Strom schwimmen

2020 befanden sich die Märkte im Fluss. Riesige Mengen Liquidität wurden bereitgestellt, während gleichzeitig eine Pandemie grassierte, weltweite Lieferketten umgebaut wurden und ein Technologieschub Arbeitswelt sowie Unterhaltung auf den Kopf stellte. Jim Cielinski, Leiter für globale Anleiheninvestments, erklärt, dass Anleihen empfindlich auf Veränderungen reagieren und sich anhand ihrer Richtung bestimmen lässt, wohin die Reise für die Anlageklasse 2021 geht.

Zentrale Erkenntnisse

  • Unternehmen haben sich 2020 vorzeitig mit Krediten eingedeckt, um die Krise zu überstehen. Wir gehen davon aus, dass sich die Unternehmensanleiheemissionen 2021 verlangsamen werden, da Unternehmen ihre Bilanzen sanieren und Schulden abbauen. Die „Sanierungsphase“ in Kreditzyklen wirkt sich traditionell positiv auf die Renditen von Unternehmensanleihen aus.
  • Bereits angestoßene strukturelle Veränderungen haben sich 2020 beschleunigt, angefangen vom massiven Vormarsch von Technologien bis hin zu einem stärkeren Interesse an Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG). Diese Trends gehen in eine Richtung und werden sich 2021 vertiefen. Die Emittenten müssen nach unserer Meinung bei diesen Veränderungen auf der richtigen Seite stehen.
  • Wir gehen davon aus, dass die Zentralbanken der Industrieländer von Zinserhöhungen absehen und stattdessen eine ultralockere Haltung einnehmen werden, um die Erholung zu untermauern. Inflationsängste können Volatilität bescheren und Anleger könnten 2021 Wert auf eine taktische Absicherung legen, obwohl wir allenfalls mit einem milden Inflationsanstieg rechnen.
  • Herkömmliche Staatsanleihen bieten nur magere Wertzuwächse. Der Aufschwung wird wahrscheinlich die Zinsen am langen Ende nach oben treiben, wobei die Zentralbanken den Anstieg unter Kontrolle halten dürften.

Die kurzfristigen Zinsen werden von den Verantwortlichen für die Geldpolitik kontrolliert. Die langfristigen Zinssätze ergeben sich dagegen aus der künftigen Entwicklung der Kurzfristzinsen und einer Laufzeitprämie. Dabei handelt es sich im wesentlichen um die von Anlegern mit Blick auf die Risiken langfristiger gegenüber kurzfristiger Anleihen geforderte zusätzliche Vergütung. Diese ist meistens an das Wirtschaftswachstum, die Inflationserwartungen sowie die Auswirkungen von Angebot und Nachfrage gekoppelt. Die Leitzinsen am kurzen Ende liegen in den meisten Industrieländern nahe null und werden wahrscheinlich auf diesem Niveau verharren, sodass es fast unmöglich ist, dass sich die 2020 verbuchten Kapitalerträge auf Staatsanleihen nächstes Jahr wiederholen werden. Hierbei spielt die Laufzeitenprämie eine Schlüsselrolle.

Kreditsensitive Bereiche des Anleihenuniversums kamen 2020 dank der raschen und massiven geldpolitischen und fiskalischen Hilfsmaßnahmen zur Bewältigung der Wirtschaftskrise weitgehend ungeschoren davon. Angesichts der kräftigen Erholung der Kreditmärkte seit April werden die zu Jahresanfang verzeichneten Verluste leicht übersehen. Die Kreditspreads sind Ende 2020 immer noch weiter als vor der COVID-Krise, und wir sind überzeugt, dass sich die Renditen 2021 umkehren und kreditsensitivere Marktbereiche wie Hochzinsanleihen und verbriefte Anleihen (bei denen mehrere Finanzinstrumente in einem neuen Wertpapier gebündelt werden) zinssensitive Staatsanleihen, bei denen sich die Anleger wahrscheinlich mit dem Kupon begnügen müssen, übertreffen werden.

Gleichgewicht finden

Die rege Nachfrage nach den Emissionen in Rekordhöhe hat Marktbeobachter anscheinend überrascht. Wenn ein Unternehmen oder ein Staat Anleihen begibt, muss sie allerdings natürlich jemand auf der anderen Seite kaufen. Die anhaltende Suche nach Ertrag schürte die Nachfrage. In den USA erreichten die Emissionen von Investment-Grade- und Hochzins-Unternehmensanleihen allein bis Ende Oktober 2.073 Milliarden US-Dollar und haben damit das Rekordjahr 2017 bereits übertroffen, wie Grafik 1 zeigt.

Grafik 1: US-Brutto Unternehmensanleiheemissionen pro Kalenderjahr (Mrd. USD)

Quelle: SIFMA, Gesamtjahresemissionen, *die YTD-Angaben für 2020 beziehen sich auf den Zeitraum bis 31. Oktober 2020.

Unternehmen haben sich vorsorglich mit Krediten eingedeckt, ganz nach der Maxime bei der Eigenkapitalbeschaffung „Go Big and Go Early“. Denn es ist immer einfacher - und billiger - sich aus einer komfortablen Position heraus Kapital zu beschaffen. Angesichts niedriger Zinsen und Anleiherenditen sind die Nettokosten (Carrying Cost) der Überschussliquidität in einem unsicheren Umfeld niedrig. Einige Unternehmen halten diese Barmittel einfach in ihren Bilanzen, sodass die Nettoverschuldung nur geringfügig steigt. Wir gehen davon aus, dass der Verschuldungsgrad 2021 sinken wird, wenn die Gewinne wieder steigen.

Das Emissionsvolumen im Fälligkeitsspektrum 0-3 Jahre sank um 6% ggü. 2019, obwohl das Volumen 2020 insgesamt stieg.

Brücke oder Viadukt

COVID-19 und potenzielle Impfstoffe werden das Tempo des Schuldenabbaus diktieren. Im ersten Halbjahr 2020 sind viele Länder in der Hoffnung in den Lockdown gegangen, dass diese Maßnahme einmalig sein würde. Die Regierungen haben Unternehmen mit reichlich Liquidität und fiskalischen Hilfen unter die Arme gegriffen, um die durch den Lockdown verursachte Umsatzeinbußen zu überbrücken. Bei weiteren Lockdowns wäre möglicherweise eine Brücke mit mehreren Bögen erforderlich und letztlich ein Viadukt, da weitere Liquiditätshilfen nötig wären. Unternehmen haben von Anfang an Angst vor einem wellenförmigen Verlauf gehabt und versucht, sich durch Kredite mit langen Laufzeiten dagegen abzusichern, um zusätzliche kurzfristige Finanzierungen möglichst zu vermeiden.

Wir denken, dass sich der übliche Kreditzyklus durch die Corona-Krise verkürzt hat und auf die beschleunigte Rezessionsphase 2020 eine rasante Phase der Erholung 2021 folgen wird. In der Vergangenheit wurde diese Phase des Kreditzyklus mit einer Outperformance der Kreditmärkte assoziiert, da die Umsätze steigen und die Bilanzen in Ordnung gebracht werden, was häufig zu einer Verengung der Kreditspreads führt.

„Wir denken, dass sich der übliche Kreditzyklus durch die Corona-Krise verkürzt hat und auf die beschleunigte Rezessionsphase 2020 eine rasante Phase der Erholung 2021 folgen wird.”

Wir gehen genau wie die Ratingagenturen davon aus, dass die Zahl der Ausfälle in der ersten Jahreshälfte 2021 ihren Höhepunkt erreichen, danach aber rasch wieder sinken wird. Der Unterschied zwischen dieser und der letzten Krise besteht in dem gut kapitalisierten Bankensektor. Von der COVID-19-Krise besonders stark betroffene Sektoren wie Energie, Einzelhandel und Gastronomie tragen die Hauptlast, bescheren für Anleger, die sich mit den Fundamentaldaten befassen, allerdings auch selektive Chancen. Die Streuung wird 2021 ein Hauptmerkmal sein, da die Renditen verschiedener Sektoren und Emittenten gemischt sind. Geopolitische Schlagzeilen sowie Meldungen über Impfstoffe werden voraussichtlich hier und da Volatilität bescheren. Die Zahl der Fallen Angels wird voraussichtlich steigen, aber der Hochzinssektor hat die umfangreichen Herabstufungen aus dem Investment-Grade-Universum 2020 verkraftet.

Für andere Sektoren wie forderungsbesicherte (ABS) oder hypothekenbesicherte Wertpapiere (MBS), die durch einen Pool von Vermögenswerten wie Darlehen, Kreditkartenverbindlichkeiten, Miet- oder Hypothekenverträge besichert sind, ist die Situation eine andere. Dort ist der Verschuldungsgrad in den letzten zehn Jahren nicht wesentlich gestiegen, und sie waren bei Ausbruch der Pandemie besser aufgestellt. Wir rechnen 2021 mit einem steilen Anstieg der Nachfrage in diesen Segmenten, die eine alternative Ertragsquelle darstellen. Obwohl sie weniger liquide als viele andere Unternehmensanleihen sind, bieten diese Instrumente eine Diversifizierung innerhalb ihrer Strukturen und eine zusätzliche Verbesserung der Bonität. Auch hier wird es auf die Titelauswahl ankommen, da einige Segmente - wie etwa Wohnhypotheken und Darlehen - möglicherweise vor disruptiven Trends gefeit sind. Für andere, beispielsweise durch Büros oder Einzelhandelsimmobilien besicherte Hypotheken, könnte eine länger anhaltende Pandemie eine größere Gefahr sein.

Der Aufschwung dürfte zyklischeren Sektoren zugutekommen, allerdings sollten Anleger unbedingt wissen, welche Sektoren durch die Krise dauerhaft geschädigt wurden. Wir gehen davon aus, dass sich die strukturellen Verschiebungen zugunsten von Technologie beschleunigt haben und sich das Interesse an Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren 2021 vertiefen wird. Weltweit lehnen immer mehr Banken die Kreditvergabe an Unternehmen ab, die gewisse ESG-Faktoren nicht respektieren. Dadurch wird sich der Druck auf die breiteren Fremdkapitalmärkte zur Integration von ESG-Kriterien verstärken, insbesondere wenn die USA auf eine „grüne" Agenda einschwenken. Wir sind überzeugt, dass es zu einem sich selbst verstärkenden Rückkopplungseffekt kommen wird, bei sich Unternehmen mit soliden ESG-Referenzen vergleichsweise günstiger finanzieren können.

Steter Strom

2021 wird es umfangreiche Unterstützungsmaßnahmen geben. Die Fiskalpolitik wird weiter eine entscheidende Rolle spielen. Bis sich die Nachfrage von Privathaushalten und Unternehmen belebt, werden die Regierungen gezwungen sein, Fehlbeträge auszugleichen. Andernfalls riskieren sie eine schwere Rezession. Es wird eine Zeit lang dauern, bis die Wirtschaft von den fiskalischen Maßnahmen entwöhnt ist, und die Linien zwischen der Monetarisierung von Schulden und den Haushaltsausgaben werden noch stärker verschwimmen, da die Zentralbanken als Käufer der letzten Instanz auftreten. In gewisser Weise scheint die Modern Monetary Theory1 schon Wirklichkeit zu sein. Wir gehen davon aus, dass die europäischen Länder so lange wie notwendig an ihren Kurzarbeitsregelungen festhalten werden und sogar der US-Kongress ein weiteres Hilfspaket verabschieden wird, sobald sich der Trubel um die Wahl gelegt hat.

„Nichts ist so beständig wie ein befristetes staatliches Programm.“ - Milton Friedman, Volkswirtschaftler

Hohe Ausgaben sind normal, wenn sich Länder im Krieg befinden - und derzeit befinden sich die Regierungen in einem wirtschaftlichen und medizinischen Kampf gegen COVID-19. Zweifellos wird immer wieder von einer ausufernden Staatsverschuldung gemunkelt werden, aber diese Einwände begleiten uns schon seit Jahrzehnten und haben nur selten Einfluss auf die Märkte, solange das Vertrauen herrscht, dass die Schulden rechtzeitig bedient werden. Italien ist ein typisches Beispiel: Wie Grafik 2 belegt, besteht nur ein schwaches Verhältnis zwischen Verschuldung und Fremdmittelkosten. In der Vergangenheit ging häufig eine höhere Staatsverschuldung mit niedrigen und sinkenden Staatsanleiherenditen Hand in Hand.

Grafik 2: Verhältnis italienischer Staatsschulden zu BIP und Rendite zehnjähriger Anleihen seit 1861

Quelle: IMF, Bloomberg, Banca D’Italia, Janus Henderson Investors, 1861 bis 2020. 2020 bis 2021, beinhaltet IWF-Prognosen. Bei den Prognosen handelt es sich um Schätzungen, die nicht garantiert sind. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Indikator für die zukünftige Wertentwicklung.

Die anhaltende Erholung dürfte an den Devisenmärkten zu spüren sein. Der US-Dollar ist oft ein umgekehrtes Barometer für das globale Wachstum: Er wertet auf, wenn die Weltwirtschaft relativ schwach wächst, weil Anleger sich häufig in den Dollar als „sicheren Hafen“ flüchten. Geht es der Weltwirtschaft gut, wertet er dagegen ab. Bei einer weltweiten Erholung wird die US-Währung schwächer werden. Vor diesem Hintergrund dürften Schwellenländeranleihen 2021 von weiteren Mittelzuflüssen profitieren. So könnten die in Grafik 3 illustrierten Mittelabflüsse 2020 zum Teil wettgemacht werden. Ein Ende der Eiszeit zwischen den USA und China dürfte sich ebenfalls positiv auswirken.

Grafik 3: Nettozuflüsse in Schwellenländerfonds (Mrd. USD)

Quelle: Weltwirtschaftsausblick des Internationalen Währungsfonds, Oktober 2020, Januar 2017 bis September 2020.

Eine Ausweitung der Geldpolitik ist auf dem aktuellen Niveau schwierig. Wir sind nicht überzeugt, dass die US-Notenbank (Fed) und die Bank of England angesichts der fragwürdigen Resultate in Europa und Japan die Zinsen in den Negativbereich senken wollen.

Wir bezweifeln, dass die kurzfristigen Leitzinsen in irgendeinem führenden Industrieland 2021 steigen werden. Die Zentralbanken haben ein Festhalten an ihrer akkommodierenden Politik signalisiert und dürften damit dazu beitragen, die Volatilität an den Märkten zu dämpfen. Für uns sind zwei Faktoren maßgeblich. Erstens wissen die Währungshüter von heute, dass sie mit einer verfrühten Straffung ihrer Geldpolitik die Konjunktur abwürgen. Genau das hatte in den 1990er Jahren die Erholung ausgebremst und Japan ein verlorenes Jahrzehnt beschert. Man erinnere sich daran, dass die Fed nach der globalen Finanzkrise 2007-2008 die Zinsen erst sieben Jahre später wieder anhob, und von den heftigen Verlusten an den Anleihenmärkten 2013 kalt erwischt wurde, als sie eine Beendigung der Anleihekäufe ins Spiel brachte2. Zweitens hat die Fed im August aktiv signalisiert, dass sie am Zinsniveau festhält und fortan ein flexibles durchschnittliches Inflationsziel (FAIT) verfolgt. Sie wird dabei ein kurzfristiges Überschreiten der 2%-Inflationsrate (Teuerungsrate) zulassen.

Viel Lärm um nichts

Eine Geldpolitik der ruhigen Hand kann sinnvoll sein. Das Festhalten am ultraniedrigen Zinsniveau bei gleichzeitig steigender Inflation drückt die realen (inflationsbereinigten) Zinsen nach unten. Das bedeutet, dass die Finanzierungskosten real sinken, was Unternehmen zu Investitionen und Privathaushalte zur Kreditaufnahme ermutigen kann. Es ist kein Zufall, dass die weit auseinanderliegenden Wohnungsmärkte in den USA, Schweden und Australien während der gesamten Krise brummten, denn die Realzinsen sind niedrig geblieben oder gefallen. Wir müssen allerdings bedenken, dass eine lockere Geldpolitik zum Eingehen übermäßiger Risiken verleiten kann.

Die US-Notenbank Fed setzt ferner äußerst wirksame Signale, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Zum Beispiel hat sie trotz der angekündigten Unternehmensanleihenkaufprogramme bislang kaum Anleihen gekauft. Das bloße Wissen, dass die Fed im Fall der Fälle da ist, hat ausgereicht, dass die Anleiheemissionen durch die private Nachfrage absorbiert wurden. Anfang November 2020 war die Kreditfazilität für Unternehmen am Primärmarkt der Fed nicht einmal ausgeschöpft und die Kreditfazilität für Unternehmen am Sekundärmarkt enthielt lediglich Unternehmensanleihen und ETFs auf Unternehmensanleihen - nur 0,2% des zulässigen 8,7 Bio. US-Dollar schweren Markts.3

„Europa hängt etwas mehr von der technischen Unterstützung ab und angesichts der Kluft zwischen den Volkswirtschaften innerhalb der Eurozone wird die Geldpolitik sich hier direkter auf die Renditen auswirken als in jeder anderen Region.”

In Europa hat die Europäische Zentralbank (EZB) dagegen in großem Stil Unternehmensanleihen gekauft und hält ein Volumen von 243 Mrd. Euro4. Europa benötigt etwas mehr technische Unterstützung, und wir gehen davon aus, dass die Anleihenkaufprogramme bis 2021 fortgesetzt werden. Die Verlautbarungen der EZB werden entscheidend sein, und angesichts der Kluft zwischen den Volkswirtschaften innerhalb der Eurozone wird die Geldpolitik hier direktere Auswirkungen auf die Renditen haben als in jeder anderen Region.

Fließen lassen

Es gibt noch umfangreiche Barreserven. Am 31. Oktober 2020 waren rund 4 Bio. US-Dollar in Geldmarktfonds geparkt. Das ist ein Drittel mehr als Ende 2009 nach der letzten globalen Krise5. 2021 bringt Sicherheit in die US-Politik. Damit ist eine große Variable beseitigt. Wir erwarten auch weitere medizinische Fortschritte im Kampf gegen COVID-19 - sei es durch bessere Therapien oder ein Impfstoffprogramm. Ein Vakzin hat eine größere wirtschaftliche Schlagkraft als ein Konjunkturpaket.

Angesichts der mageren Zinsen am Geldmarkt gehen wir davon aus, dass Anleger einen Teil dieses Geldes investieren wollen und es in Anleihen und Aktien fließen wird. Da die Zentralbanken weiterhin Staatsschulden absorbieren, erwarten wir, dass für viele Anleger Investment-Grade-Unternehmensanleihen weiter die „neuen Staatsanleihen“ sein werden, die bei einem akzeptablen zusätzlichen Kapitalrisiko höhere Renditen bieten. Zu Recht gibt es Fragen dazu, wie wirksam sich mit Staatsanleihen das Aktienrisiko absichern lässt. Das gilt umso mehr, als sich die Aussicht auf einen ausgleichenden Anstieg der Anleihekurse abnimmt, wenn bei den Renditen nur noch wenig Spielraum für einen weiteren Rückgang besteht. Anleihen bieten jedoch nach wie vor eine relative Kapitalstabilität und dürften im kürzeren Laufzeitenspektrum, wenn das Durationsrisiko (Zinssensitivität) geringer ist, weiterhin Erträge ohne übermäßige Kapitalvolatilität bescheren.

Eine weitere drängende Frage ist, ob die Ausweitung der Geldmenge die Inflation schüren wird. Diese wird 2021 als Reaktion auf Basiseffekte voraussichtlich steigen: Die Inflation wird als jährliche prozentuale Veränderung gemessen, sodass ein übertriebener Effekt entsteht, wenn man als Vergleichsbasis die ungewöhnlich niedrigen Preisen 2020 heranzieht, als die Nachfrage zusammenbrach und die Ölpreise ins Bodenlose stürzten. Wir gehen davon aus, dass jeder Anstieg von kurzer Dauer sein wird und nicht eine grundlegende Trendwende hin zu einer dauerhaft höheren Inflation markiert. Disinflationäre technologische Trends sowie die höhere Arbeitslosigkeit und Produktionslücke aufgrund der COVID-19-Krise sollten eine Beschleunigung der Teuerungsrate verhindern. Dennoch werden wir die Rohstoffpreise oder Veränderungen in der Geldumlaufgeschwindigkeit (mit der das Geld durch die Wirtschaft zirkuliert) sorgfältig beobachten, da sie diese Einschätzung gefährden könnten. 2020 verlangsamte sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes wie Grafik 4 zeigt rasant, wodurch die Auswirkungen des Geldmengenwachstums abgeschwächt und der Inflationsdruck eingedämmt wurden. Es wäre besorgniserregend, wenn beide im Gleichschritt steigen würden.

Grafik 4: Jährliche Veränderung der Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit

Quelle: Bloomberg, Janus Henderson Investors, 30. September 1960 bis 30. September 2020.

Die Inflation kann zu Volatilität führen, wie während des Taper Tantrum 2013, als die Märkte angesichts der bevorstehenden geldpolitischen Straffung in Panik gerieten. Die Renditen von Staatsanleihen werden 2021 wahrscheinlich allmählich steigen. Der Anstieg wird allerdings voraussichtlich bescheiden ausfallen und sich eher in Basispunkten und nicht in Prozentpunkten bemessen. Anlagen in variabel verzinsliche Papiere oder Instrumente wie Treasury Inflation‑Protected Securities (TIPS) könnten bei der Absicherung des Zinsrisikos hilfreich sein.

Volatilität und Wertentwicklung riskanter Anlagen sind eng miteinander verknüpft, hinzu kommt der Wunsch der Anleger, weniger liquide Anlagen zu halten. Im aktuellen Niedrigzinsklima wird die Jagd nach Erträgen weitergehen. Gleichzeitig werden Anleger auf eine stärkere Diversifizierung ihrer Erträge Wert legen. Voraussichtlich wird ein breiterer Querschnitt von Vermögenswerten stärker gefragt sein, von Schwellenländeranleihen über forderungsbesicherte Wertpapiere bis hin zu Unternehmensanleihen. Die Zyklen dieser verschiedenen Anlageklassen verlaufen in der Regel nicht ganz synchron. Daher können sie so kombiniert werden, dass nachhaltigere Erträge erzielt werden. Besonders in den ABS- und MBS-Sektoren sieht es ganz danach aus, dass dieser Wunsch 2021 in Erfüllung geht. Obwohl die meisten Anleger Unternehmensanleihen halten, investiert eine kleinere Gruppe auch in verbriefte Schuldtitel. Die Erwartung, dass bei diesen Strukturen bei einem weltweiten Aufschwung auch ein Schuldenabbau möglich ist, sollte unserer Meinung nach das Segment im kommenden Jahr unterstützen.

Der Aufwärtsdruck auf die Zinsen wird im Zuge der Erholung wahrscheinlich steigen. Der Anstieg dürfte sich jedoch angesichts der aggressiven Maßnahmen von Zentralbanken und einer moderaten Inflation in engen Grenzen bewegen. Wir gehen davon aus, dass der Aufschwung, ein leichter Inflationsanstieg und der unstillbare Renditehunger ein starkes Elixier für ertragsstarke Anleihenmarktsegmente sein werden und so die Nachfrage nach Unternehmensanleihen und MBS angekurbelt wird. Die aktuellen Bewertungen spiegeln jedoch die erwartete Verbesserung zum größten Teil wider. Für einen steilen Renditeanstieg 2021 bedarf es grundlegender Verbesserungen. Die Zentralbanken werden sich nach Kräften bemühen, die Volatilität in Schach zu halten, was ihnen inzwischen recht gut gelingt. Dennoch sollten Anleger auf gelegentliche, möglicherweise scharfe Unterbrechungen dieses Trends vorbereitet sein. Das neue Jahr wird im Zeichen hoher COVID-19-Fallzahlen und einer impfstoffbasierten Erholung beginnen. Der Wettstreit zwischen diesen beiden Faktoren hat uns das ganze Jahr über begleitet. Investoren sollten flexibel bleiben, auf die Signale für Wachstumsaussichten und Liquiditätsversorgung reagieren und Verwerfungen am Markt nutzen. Das niedrige Zinsniveau, die Beschleunigung langfristiger Trends und die Interventionen der Politik haben die Landschaft nachhaltig verändert. Nun ist ein neues Rahmenwerk notwendig.

1Modern Monetary Theory: Eine unkonventionelle Wirtschaftstheorie, derzufolge Regierungen, die ihre eigene Währung kontrollieren, durch Geldschöpfung unbegrenzt Geld ausgeben können, um die Wirtschaft bis zu ihrer vollen Kapazität wachsen zu lassen. Defizite spielen keine Rolle, da sie durch Geldschöpfung Schulden in ihrer eigenen Währung tilgen können. Die Inflation kann durch Steuererhöhungen oder den Abzug von Geld aus der Wirtschaft kontrolliert werden.

2Taper Tantrum: Phase 2013, in der die Anleiherenditen steil gestiegen sind, weil die Marktteilnehmer sich vor einer Drosselung der Anleihekäufe durch die Fed fürchteten, was als möglicher Vorbote für höhere Zinsen gilt.

3Quelle: Federal Reserve Statistical Release, 5. November 2020. Rede von Daleep Singh, Executive Vice President, Federal Reserve Bank of New York, „The Federal Reserve’s Corporate Credit Facilities: Why, How and For Whom”, 20. Oktober 2020. Die Fed führte am 23. März 2020 die beiden Kreditprogramme Primary Market Corporate Credit Facility (PMCCF) und Secondary Market Corporate Credit Facility (SMCCF) ein. Das PMCCF ermöglicht die Kreditvergabe an Unternehmen der Kategorie Investment Grade sowie bestimmte Unternehmen, die am 22. März 2020 dieser Kategorie angehörten, damit diese besser in der Lage sind, ihren Geschäftsbetrieb während der Pandemie-bedingten Verwerfungen aufrechtzuerhalten. Der SMCCF stellt am Markt Liquidität für ausstehende Unternehmensanleihen bereit, indem er am Sekundärmarkt US-Investment-Grade-Unternehmensanleihen oder Anleihen bestimmter Unternehmen kauft, die am 22. März 2020 dem Investment-Grade-Universum angehörten, sowie in den USA notierte börsennotierte Fonds, die einen breiten Zugang zum US-Unternehmensanleihenmarkt bieten.

4Quelle: EZB, gemäß dem Ankaufprogramm für Unternehmensanleihen (CSPP) und dem Pandemie-Notfallankaufprogramm (PEPP) am 6. November 2020 gehaltene Unternehmensanleihen.

5Quelle: Refinitiv Datastream, US-Notenbank Federal Reserve, kombiniertes Vermögen institutioneller und privater Anleger in Geldmarktfonds am 31. Dezember 2009 und 31. Oktober 2020.

Glossar

Asset-Backed Securities (ABS): Ein Wertpapier, das durch Vermögenswerte wie Kredite, Kreditkartenverbindlichkeiten oder Miet-/Pachtverträge besichert ist. Es bietet Anlegern die Möglichkeit, in ein breites Spektrum von Ertrag generierenden Vermögenswerten zu investieren.

Basispunkt (Bp): Ein Basispunkt entspricht 1/100 eines Prozentpunkts. 1 Bp. = 0,01 %, 100 Bp. = 1 %.

Kupon: Regelmäßige Zinszahlung auf eine Anleihe. Sie wird in Prozent des Nennwerts einer Anlage angegeben.

Fundamentaldaten von Unternehmen: Informationen, die zur Bewertung eines Wertpapiers beitragen, wie z. B. die Gewinne oder Schulden des Unternehmens, die Evaluierung der Unternehmensleitung und allgemeine wirtschaftliche Faktoren.

Kreditspread/Spread: Die Renditedifferenz zwischen Wertpapieren mit ähnlicher Restlaufzeit, aber unterschiedlicher Bonität. Eine Spread-Weitung deutet im Allgemeinen auf eine Verschlechterung der Bonität von Emittenten hin, eine Verengung dagegen auf eine Verbesserung der Bonität.

Zyklische Sektoren: Sektoren mit Unternehmen, die Nicht-Basiskonsumgüter verkaufen, wie etwa Autos oder stark konjunkturabhängige Branchen wie Bergbau. Die Aktien- und Anleihekurse zyklischer Unternehmen werden im Vergleich zu nichtzyklischen Unternehmen tendenziell stark von konjunkturellen Auf und Abs beeinflusst.

Monetarisierung von Schulden: Der direkte Ankauf von Staatsschulden durch eine Zentralbank, eventuell mit frischem Geld. Das bedeutet, dass die Zentralbank Staatsdefizite finanziert und damit die Grenze zwischen Fiskal- und Geldpolitik verschwimmt.

Ausfall: Unfähigkeit eines Schuldners (z. B. eines Anleiheemittenten, und in diesem Fall eines Anleiheemittenten im Unternehmenssektor), Zinsen oder einen ursprünglich geliehenen Betrag bei Fälligkeit zu bezahlen bzw. zurückzuzahlen.

Schuldenabbau: Ein Unternehmen, das seine Fremdmittel/Schulden im Verhältnis zur Bilanz verringert.

Duration: Sie misst die Preissensitivität einer Anleihe für Zinsänderungen. Je länger die Duration einer Anleihe, desto höher die Sensitivität für Zinsänderungen und umgekehrt.

Umwelt, Soziales und Governance (Environment, Social, Governance, ESG) sind drei Schlüsselkriterien für die Bewertung der ethischen Auswirkungen und nachhaltigen Praktiken eines Unternehmens. Bei ESG oder nachhaltigem Investieren werden Faktoren berücksichtigt, die über die traditionelle Finanzanalyse hinausgehen. Das kann das Anlageuniversum einschränken und dazu führen, dass Performance und Risiken sich von denen am Gesamtmarkt unterscheiden und möglicherweise stärker auf bestimmte Bereiche konzentriert sind.

Fallen Angels: Eine Anleihe, die aufgrund einer Verschlechterung der Finanzlage des Emittenten von Investment Grade auf Sub Investment Grade herabgestuft wurde.

Fiskalische Unterstützung/Finanzpolitik/Fiskalische Stimulierung: Die staatliche Zins- und Ausgabenpolitik. Sie unterscheidet sich von der Geldpolitik, die in der Regel von einer Zentralbank vorgegeben wird. Unter einer fiskalischen Sparpolitik versteht man die Erhöhung von Steuern und/oder die Senkung von Ausgaben, um die staatliche Verschuldung zu verringern. Der Begriff fiskalische Expansion (oder „Stimulierung“) bezeichnet eine Erhöhung der Staatsausgaben und/oder die Senkung von Steuern.

Hochzinsanleihe: Eine Anleihe, die ein niedrigeres Kreditrating als eine Investment-Grade-Anleihe hat. Auch als Sub-Investment-Grade-Anleihe bezeichnet. Diese Anleihen haben ein höheres Zahlungsausfallrisiko und werden daher in der Regel mit einem höheren Kupon begeben, der das zusätzliche Risiko kompensiert.

Inflation: Teuerungsrate von Waren und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft. Gegenteil von Deflation.

Investment-Grade-Anleihe: Eine Anleihe, die in der Regel von Regierungen oder Unternehmen mit relativ geringem Zahlungsausfallrisiko begeben wird. Die höhere Bonität dieser Anleihen spiegelt sich in den höheren Ratings im Vergleich zu Anleihen wider, denen ein höheres Ausfallrisiko zugeschrieben wird, wie z. B. Hochzinsanleihen.

Verschuldungsgrad: Die Höhe der Verschuldung eines Unternehmens, üblicherweise ausgedrückt als Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital oder von Schulden zu Gewinn. Schuldenabbau bezeichnet die Verringerung des Verschuldungsgrads.

Liquidität: Möglichkeit zum Kauf oder Verkauf eines bestimmten Wertpapiers oder Assets am Markt. Als liquide gelten Assets, die am Markt problemlos gehandelt werden können (ohne eine größere Kursbewegung auszulösen).

Fälligkeit: Das Fälligkeitsdatum bezeichnet den Termin, an dem ein Schuldtitel fällig wird und das gesamte Kapital und/oder die Zinsen an die Gläubiger zurückgezahlt werden müssen.

Geldpolitische Unterstützung/Geldpolitik/geldpolitische Stimulierung: Die Politik einer Zentralbank, die darauf abzielt, die Inflation und das Wachstum in einer Volkswirtschaft zu beeinflussen. Hierzu zählt die Steuerung der Zinssätze und der Geldmenge. Der Begriff geldpolitische Stimulierung bezieht sich auf die Erhöhung der Geldmenge durch eine Zentralbank und die Senkung der Kreditkosten. Mit geldpolitischer Straffung werden Maßnahmen der Zentralbanken bezeichnet, die darauf abzielen, die Inflation einzudämmen und das Wirtschaftswachstum zu verlangsamen, indem die Zinsen erhöht und die Geldmenge verringert werden.

Geldmenge: Die gesamte Geldmenge in einer Volkswirtschaft. Im engen Sinne umfasst die Geldmenge (M1) im Umlauf befindliche Banknoten und Münzen sowie Geldäquivalente, die leicht in Bargeld umgewandelt werden können. Im weiteren Sinne (M2) umfasst sie auch längerfristige, weniger liquide Bankeinlagen.

Mortgage-Backed Security (MBS): ein Wertpapier, das durch einen Hypotheken-Pool besichert wird. Anleger erhalten regelmäßige Zahlungen aus den zugrunde liegenden Hypotheken, ähnlich wie Zinskupons. Eine MBS-Anleihe ähnelt einem forderungsbesicherten Wertpapier (ABS-Anleihe).

Realzinsen: Die Nominalrendite einer Anleihe abzüglich der voraussichtlichen Inflationsrate.

Verbriefte Anleihe: Bezeichnet festverzinsliche Wertpapiere, bei denen aus einem Pool von Finanzanlagen neue Wertpapiere gebildet werden, die an Anleger verkauft werden können.

Strukturelle Veränderung/struktureller Wandel: Ein wirtschaftliches Phänomen, das entsteht, wenn sich die Funktionsweise einer Branche oder eines Marktes verändert. Das könnte neuen wirtschaftlichen Entwicklungen, Verschiebungen von Kapital- und Arbeitskräften, Nachfrage und Angebot an Rohstoffen, politischen und regulatorischen Veränderungen, Besteuerung usw. zuzuschreiben sein.

Treasury Inflation-Protected Security (TIPS): Von der US-Regierung ausgegebene Schatzanweisungen, die an die Inflationsrate gekoppelt sind, um Anleger vor einem Rückgang der Kaufkraft ihres Geldes zu schützen.

Volatilität: Das Ausmaß, in dem der Preis eines Portfolios, eines Wertpapiers oder eines Index nach oben und unten schwankt. Starke Schwankungen bedeuten eine hohe Volatilität. Langsamere, weniger ausgeprägte Schwankungen bedeuten dagegen eine niedrigere Volatilität. Die Volatilität ist ein Maßstab für das mit einer Anlage verbundene Risiko.

Rendite: Ertrag aus einem Wertpapier, in der Regel angegeben in Prozent.

Die vorstehenden Einschätzungen sind die des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und können von denen anderer Personen/Teams bei Janus Henderson Investors abweichen. Die Bezugnahme auf einzelne Wertpapiere, Fonds, Sektoren oder Indizes in diesem Artikel stellt weder ein Angebot oder eine Aufforderung zu deren Erwerb oder Verkauf dar, noch ist sie Teil eines solchen Angebots oder einer solchen Aufforderung.

 

Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für die künftige Wertentwicklung. Alle Performance-Angaben beinhalten Erträge und Kapitalgewinne bzw. -verluste, aber keine wiederkehrenden Gebühren oder sonstigen Ausgaben des Fonds.

 

Der Wert einer Anlage und die Einkünfte aus ihr können steigen oder fallen. Es kann daher sein, dass Sie nicht die gesamte investierte Summe zurückerhalten.

 

Die Informationen in diesem Artikel stellen keine Anlageberatung dar.

 

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