Assistant Portfolio Manager David Chung erläutert, wie langfristige Themen im Industriesektor durch den aktuellen Wandel des wirtschaftlichen Umfelds verstärkt werden könnten.

Die wichtigsten Schlussfolgerungen

  • Die Märkte passen sich derzeit dem Druck durch das sich wandelnde Umfeld an, das von steigender Inflation, einer veränderten Fiskal- und Geldpolitik sowie geopolitischen Spannungen geprägt ist, die durch den Krieg zwischen Russland und der Ukraine noch verstärkt werden.
  • Langfristige Trends, die den Industriesektor betreffen – der zunehmende Einsatz von Verteidigungstechnologie, die Umstrukturierung der Lieferketten, die Rückholung von Produktionsstandorten ins eigene Land und die Industrieautomatisierung – sind dadurch ins Blickfeld gerückt.
  • Wir sind überzeugt, dass ausgewählte Anlagethemen nicht nur intakt bleiben, sondern durch die Komplexität des heutigen Marktumfelds sogar noch verstärkt werden können.

Der Druck durch das im Wandel befindliche Umfeld – anhaltende Inflation, geänderte Fiskal- und Geldpolitik und geopolitische Entwicklungen – ist für die Märkte in diesem Jahr zu einem zentralen Thema geworden und hat erhebliche wirtschaftliche Folgen. Im Industriesektor sind die Auswirkungen besonders ausgeprägt.

Die aktuelle Lage im Sektor

Vor dem Russland-Ukraine-Krieg hatten das Arbeitskräfteangebot, die Inflation und Störungen in den Lieferketten bereits generell Auswirkungen auf die Industrie. Fehlzeiten, eine überdurchschnittlich hohe Kündigungsrate und Frühverrentungen haben das Arbeitskräfteangebot seit Beginn der Pandemie dezimiert und zu Inflationsdruck auf die Löhne und letztlich auch auf die Preise vieler Waren geführt. Die anhaltenden pandemiebedingten Lockdowns, insbesondere in China, haben erhebliche Auswirkungen auf die globalen Lieferketten, da Fabriken geschlossen werden, was das Angebot einschränkt. Der Mangel an Komponenten hält an, wobei sich die Versorgung mit Halbleiterchips, die in einer immer größeren Zahl von Waren verwendet werden, nach einer besonders schwierigen Phase gerade zögerlich zu bessern scheint.

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine hat die Störungen noch verstärkt: Die Rohstoffpreise schießen in die Höhe, da das Angebot durch den Konflikt drastisch gesunken ist und der Westen seine Abhängigkeit von russischen Rohstoffen überdenkt. Der Markt für Öl und Erdgas zählt zu den Bereichen, in denen diese Probleme am deutlichsten zutage treten, doch Russland ist auch ein wichtiger Lieferant von Industriemetallen wie Nickel, Stahl und Aluminium.

Die Abkoppelung verschiedener Volkswirtschaften von Russland hat Auswirkungen auf Unternehmen, allen voran Automobilzulieferer und -hersteller. Russisches Palladium spielt eine entscheidende Rolle bei der Herstellung von Fahrzeugkatalysatoren, und die Ukraine ist ein wichtiger Lieferant von Kabelbäumen. Die Autoindustrie hat nicht nur mit diesen Folgen für die Lieferketten und dem Produktionsrückgang zu kämpfen, sondern auch mit dem allgemein von sinkender Risikobereitschaft geprägten Marktumfeld. Die jüngsten Entwicklungen haben die Besorgnis geweckt, dass die höhere Inflation und das gesunkene Verbrauchervertrauen die Nachfrage verringern könnten und die Branche von positiven Trends wie dem allgemeinen Nachlassen der Pandemie und der Erholung der Verfügbarkeit elektronischer Komponenten möglicherweise nicht profitiert.

Die Unternehmen dürften versuchen, weitere Kostensteigerungen an die Verbraucher weiterzugeben, doch es stellt sich nach wie vor die Frage, wie lange die Inflation anhalten kann, bevor die Nachfrage einbricht. Dank der hohen Ersparnisse und der allgemein starken Märkte verfügen sowohl die Verbraucher als auch die Unternehmen über solide Bilanzen. Es besteht jedoch die Sorge, dass Preiserhöhungen trotz der während der Pandemie entstandenen Sparüberschüsse allmählich an ihre Grenzen stoßen werden, insbesondere in hart umkämpften Märkten.

Anlass zu Optimismus

Durch den Russland-Ukraine-Krieg ist die bereits schwierige Wirtschaftslage noch komplexer geworden. Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Sanktionen und die Zerstörungen in der Region dauerhafte Auswirkungen auf die Inflation haben könnten. Dennoch scheinen die Kernbranchen der Industrie in der Lage zu sein, die erwartete geldpolitische Straffung durch die US-Notenbank (Fed) und den Konflikt in der Ukraine zu bewältigen, sofern es nicht zu einer ernsthaften Eskalation oder einem Nuklearkonflikt kommt. Die jüngsten Daten zur Industrieproduktion (gemessen am Einkaufsmanagerindex) zeigen eine robuste Konjunktur, und die Stimmung unter den befragten Unternehmen bleibt optimistisch. Die niedrigen Lagerbestände an Investitionsgütern müssen aufgestockt werden, was die Nachfrage ankurbeln dürfte.

Auch bei der Rohstoffversorgung zeichnet sich eine gewisse Entspannung ab, und in Bezug auf die Komponentenknappheit rechnen viele Unternehmen mit einer Verbesserung im zweiten Halbjahr 2022. Im Hinblick auf den Arbeitskräftemangel verzeichnen zahlreiche Firmen derzeit den geringsten Krankenstand seit dem letzten Sommer, da die Omikron-Welle abgeklungen ist. Die jüngsten pandemiebedingten Lockdowns in China können zu weiteren Herausforderungen für die Logistik und Versorgung führen, doch der Mangel an Fahrern lässt nach und die Einstellung von Mitarbeitern entwickelt sich positiv. Auf Ebene der einzelnen Unternehmen beurteilen die Managementteams die zugrunde liegenden Nachfragetrends in ihren Branchen im Allgemeinen optimistisch, wenngleich das Geschäftsumfeld schwierig bleibt.

Stärkung langfristiger Themen

Wie wir bereits in früheren Artikeln erläutert haben, sind die Verteidigungstechnologie, die Automatisierung und die Umstrukturierung der Lieferketten zentrale Themen, die das langfristige Wachstum des Industriesektors vorantreiben können. Angesichts der aktuellen Marktentwicklungen, die unserer Ansicht nach langfristige Auswirkungen haben werden, sind wir von diesen Themen noch stärker überzeugt.

Die Bedeutung der Verteidigungsindustrie beispielsweise hat sich im letzten Quartal klar gezeigt. Das geplante Budget des US-Verteidigungsministeriums für das Haushaltsjahr 2023 beläuft sich auf 773 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von rund 4,1% gegenüber 2022 entspricht. Vor dem Hintergrund der laufenden Debatte und der bevorstehenden Zwischenwahlen könnte der Verteidigungshaushalt sogar noch weiter steigen. Gleichzeitig deutet alles auf eine stärkere Nachfrage der EU-Mitgliedstaaten hin, die angesichts der konkreteren Bedrohung durch Russland ihre Verteidigungskraft stärken wollen. Da die Covid-Restriktionen aufgehoben werden und viele Einrichtungen des Verteidigungsministeriums wieder öffnen, könnten ausgewählte Rüstungsunternehmen beginnen, sich mehr Aufträge zu sichern, was im folgenden Haushaltsjahr zu einem stärkeren Wachstum führen könnte.

Unserer Einschätzung nach befinden wir uns am Beginn einer nachhaltigen Wachstumsphase für die Industrieautomation. Die strukturelle Lohninflation aufgrund des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften und der steigenden Arbeitskosten dürfte zu einer stärkeren Automatisierung führen, insbesondere in den Fabriken. Mit Blick auf die geopolitischen Verwerfungen verstärken die Unternehmen zudem ihre Bemühungen, ihre Lieferketten zu festigen und die Produktion ins eigene Land oder ins nahe gelegene Ausland zurückzuholen.

Alles in allem haben wir es daher mit einem volatilen Umfeld zu tun, das von Faktoren geprägt ist, die den gesamten Industriesektor betreffen werden. Unserer Einschätzung nach können Industrieunternehmen mit starken Bilanzen und nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen, die von der Stärkung dieser Themen profitieren, Anlegern langfristige Wachstumschancen bieten.

Geldpolitik: Die Politik einer Zentralbank mit dem Ziel, die Inflations- und die Wachstumsrate einer Volkswirtschaft zu beeinflussen. Sie umfasst die Steuerung der Zinssätze und des Geldangebots.

Einkaufsmanagerindex: Der Einkaufsmanagerindex (PMI) ist ein Frühindikator für die wirtschaftliche Verfassung des verarbeitenden Gewerbes in einer Volkswirtschaft. Der Index basiert auf fünf Indikatoren: Auftragseingang, Lagerbestand, Produktion, Lieferungen von Zulieferern und Beschäftigungslage.

Industrielle Branchen können durch die allgemeine Konjunkturentwicklung, Änderungen der Verbraucherstimmung, die Rohstoffpreise, staatliche Vorschriften, Importkontrollen und den weltweiten Wettbewerb erheblich beeinflusst werden und haften unter Umständen für Umweltschäden und Sicherheit.

Volatilität misst das Risiko anhand der Streuung der Renditen für eine bestimmte Anlage.