Daniel J. Graña, CFA, und Jennifer James, Emerging Market Portfolio Managers, analysieren die Auswirkungen der Situation zwischen Russland und der Ukraine auf die Aktien- und Anleihemärkte.

Zentrale Erkenntnisse

  • Der Russland/Ukraine-Konflikt hat zu erheblicher Volatilität an den Märkten geführt, da die Anleger die Ungewissheit über eine hohe geopolitische Risikoprämie einpreisen. Die Inflation ist bei Öl und Rohstoffen sprunghaft angestiegen, da Russland auf einigen Märkten eine Schlüsselrolle einnimmt.
  • Innovationen russischer Unternehmen könnten infolge der Kriegshandlungen ins Stocken geraten, und die Anleger könnten die Fundamentaldaten der Unternehmen übersehen und sich auf das geopolitische Risiko konzentrieren. Die Beschränkung des Zugangs Russlands zu Kapital über die Kredit- und Devisenmärkte könnte ebenfalls weitere Hürden für diese Märkte mit sich bringen.
  • Ungewissheit herrscht vor, auch die Volatilität und die Marktschwäche werden wahrscheinlich anhalten, bis wir zumindest Klarheit über die Sanktionen haben.

Was bisher geschah:

Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts am Donnerstag, den 24. Februar, sind die Spannungen in der Ukraine durch russische Militäraktionen in Teilen der Ukraine eskaliert. Dies geschah, nachdem Präsident Putin die beiden selbsternannten Separatistengebiete in der Ostukraine anerkannt und russische Truppen offiziell in diese umstrittenen Regionen verlegt hatte. Aus verschiedenen Städten der Ukraine wurden Explosionen gemeldet, und wichtige Infrastruktureinrichtungen (darunter der Flughafen Boryspil in Kiew) wurden beschossen. Auf diese Eskalation haben die NATO und ihre Verbündeten Berichten zufolge mit der Androhung weiterer, weitreichender Sanktionen geantwortet.  Nachdem Russland Weißrussland geholfen hatte, die Proteste niederzuschlagen, spricht es nun vom „Unionsstaat“. Es ist davon auszugehen, dass eine ukrainische Aufnahme in diesen "Unionsstaat" vorgesehen ist.  Der Konflikt mit der Ukraine könnte der größte in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg werden.

Öl- und Rohstoffpreise ziehen deutlich an

Russland ist ein wichtiger Akteur bei Erdöl und Erdgas, so dass die Energiepreise unter Auftrieb stehen. Der Preis für Rohöl der Sorte Brent überstieg am 24. Februar zum ersten Mal seit 2014 die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel. Es ist nicht auszuschließen, dass die OPEC+ – zu der auch Russland gehört – robuster und beständiger wird. Wir sollten davon ausgehen, dass die Energiepreise mittelfristig höher sein werden als bisher angenommen, da die Disziplin der OPEC+ an Glaubwürdigkeit gewinnen wird. Der Weg zum Ölfördermaximum wird für die Energieverbraucher in dieser Übergangsphase teurer werden.

Auch bei den Rohstoffen besteht Preisdruck, da Russland ein wichtiger Lieferant von Nickel (Batterien für Elektrofahrzeuge und Edelstahl), Palladium (Katalysatoren), Titan (moderne Flugzeuge und militärische Anwendungen) und vielen anderen seltenen Elementen des Periodensystems ist. Die Dauer dieser Preisdynamik bei Rohstoffen wird von der Strenge der vom Westen verhängten Sanktionen und der Reaktion Russlands abhängen. Die Inflation wird wahrscheinlich steigen, die im Grunde eine Steuer für die Verbraucher darstellt, die an Produzenten wie die Länder am Persischen Golf und Russland gezahlt wird.  Wenn sich das Wachstum verlangsamt und die Inflation ihren Höhepunkt erreicht, besteht die Gefahr einer Stagflation, die möglicherweise die Maßnahmen der Zentralbanken zur Straffung der Geldpolitik weltweit erschwert und Gegenwind für Risikoanlagen bedeutet.

Wie steht es um die Beziehungen zwischen Russland und China?

Die Reaktion der westlichen Länder auf die Situation in der Ukraine könnte für China angesichts der eigenen Situation mit Taiwan von großem Interesse sein. Russland legte in puncto Annäherung an China bisher Zurückhaltung an den Tag, denn es fürchtete chinesische Ambitionen in Russlands unterentwickeltem Fernen Osten und Ostsibirien und das relative Ungleichgewicht der Wirtschaftskraft (Chinas Wirtschaft ist etwa zehnmal größer).1 Die Beziehungen zwischen Russland und China scheinen sich jedoch verbessert zu haben. Dies mag auf gewisse ideologische Übereinstimmungen zurückzuführen sein, wie z. B. eine stärkere Selbstbehauptung gegenüber dem Westen und der herrschenden internationalen Ordnung. China, nicht der IWF, ist bereits der "Kreditgeber letzter Instanz" für bestimmte Länder, und die daraus resultierende bipolare Welt könnte der Globalisierung, wie wir sie kennen, ein Ende setzen.

Auch der Techno-Nationalismus, welche technologische Innovationen und Kompetenzen direkt mit der Agenda einer Nation verknüpft, könnte zunehmen. Wir haben bereits erlebt, dass ein Unternehmen für mobile Spiele in Indien verboten wurde, weil ein chinesisches Unternehmen eine Minderheitsbeteiligung an dem Unternehmen hielt. Die USA haben bereits Investitionen und Exporte in bestimmte chinesische Unternehmen eingeschränkt.2

Wie sehen die Auswirkungen auf Anleihen- und Aktienanlagen im weiteren Sinne aus?

Die Eskalation des Konflikts könnte trotz des internationalen Drucks zu einer weiteren Isolierung Russlands führen und den Zugang zu westlichem Know-how, Technologie und Kapital erschweren. Russland wurden bereits einige Finanzierungsbeschränkungen auferlegt: Die USA haben die Teilnahme am Sekundärmarkt für russische Staatsanleihen, die nach dem 1. März ausgegeben werden, verboten. Der Bewertungsabschlag für russische Aktien von rund 30 % und mehr gegenüber den übrigen aufstrebenden Volkswirtschaften (welcher die politischen Risiken widerspiegelt) könnte sich ausweiten, wenn die verfügbare Anlegerbasis schrumpft.

Das Land könnte eine noch stärkere „Mitnahmementalität“ entwickeln – ein Bestreben, den eigenen Anteil am vorhandenen Wohlstand zu erhöhen, ohne neuen Wohlstand zu schaffen –, da die Hoffnung auf Innovationen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Aussichten schwindet. Innovation und Entwicklung im russischen digitalen Raum könnten ins Stocken geraten. Indien erlebt einen Boom von Geschäftsmodellen in allen digitalen Bereichen, die von einheimischen, multinationalen und öffentlichen/privaten Kapitalgebern finanziert werden – dies wird nicht die Zukunft Russlands sein. Die kapitalkräftigen und Cashflow-starken etablierten russischen Unternehmen werden an Stärke gewinnen, während die weniger widerstandsfähigen Wettbewerber auf der Strecke bleiben. Unserer Ansicht nach werden die Aktienmärkte solche Fundamentaldaten angesichts der geopolitischen Risiken übersehen.

Wir haben bereits Volatilität und Schwäche beobachtet, während die Anleger die Nachrichten einordnen. Der Handel mit den meisten Risikopapieren ist heute (Donnerstag, 24. Februar) praktisch zum Stillstand gekommen, so wie es üblich ist, wenn sich wichtige geopolitische Ereignisse ankündigen. Die bisher verhängten Sanktionen waren recht milde, da sie nur begrenzte Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben. Obwohl wir noch nicht wissen, wie die weiteren Sanktionen aussehen werden, haben die westlichen Länder angedeutet, dass sie wahrscheinlich versuchen werden, Russland am Handel auf den Devisenmärkten zu hindern, was die Begleichung von Verbindlichkeiten sehr schwierig macht. Darüber hinaus wird es wahrscheinlich zu einem umfassenderen Verbot des Sekundärhandels mit russischen Schuldtiteln, sowohl von Unternehmen als auch von Staaten, kommen, wie es nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 für bestimmte Schuldtitel der Fall war. Die Schwäche der Finanzmärkte wird wahrscheinlich so lange anhalten, bis wir zumindest Klarheit über die Sanktionen haben. Bis dahin bleibt die Frage, was die nächsten Wochen geopolitisch bringen werden, schwer zu beantworten.

1 Quelle: IWF, BIP auf der Basis aktueller Preise (US-Dollar in Mrd.), 2022.
2Die Entity List ist ein Instrument des US-Handelsministeriums, mit dem die Ausfuhr bestimmter sensibler Technologien und Komponenten an Organisationen beschränkt wird, die an Aktivitäten beteiligt sind, die die nationale Sicherheit oder die außenpolitischen Interessen der USA bedrohen.

Glossar der Fachbegriffe

Inflation: Teuerungsrate von Waren und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft. Zwei gängige Kennzahlen sind der Verbraucherpreisindex (CPI) und der Einzelhandelspreisindex (RPI).
Risikoanlagen: Wertpapiere mit potenziell bedeutenden Kursschwankungen (und die somit ein höheres Risiko bergen).  Beispiele hierfür sind Aktien, Rohstoffe, Immobilien und Anleihen
Stagflation: Eine relative seltene Situation, in der steigende Inflation mit wirtschaftlicher Stagnation einhergeht.
Volatilität: Das Ausmaß, in dem der Markt und/oder der Preis eines Portfolios, eines Wertpapiers oder eines Index nach oben und unten schwankt.

Anlagen in Schwellenländern waren in der Vergangenheit erheblichen Gewinnen und/oder Verlusten unterworfen. Daher können die Renditen Schwankungen unterliegen.

Die Energiewirtschaft kann durch Schwankungen der Energiepreise, des Angebots und der Nachfrage nach Brennstoffen, durch Einsparungen, den Erfolg von Explorationsprojekten sowie durch steuerliche und andere staatliche Vorschriften erheblich beeinträchtigt werden.