Der Schweizer Franken steigt gegenüber dem Euro immer weiter an. Was kann die Zentralbank tun, um den Anstieg einzudämmen?

 Die wichtigsten Schlussfolgerungen:

  • Die Schweizerische Nationalbank hat ihren Unmut über die Überbewertung des Frankens deutlich gemacht, und dennoch steigt er weiter, zuletzt vor dem Hintergrund des militärischen Konflikts in der Ukraine.
  • Die Schweizer Wirtschaft entwickelte sich nach Überwindung der Pandemie besser und obwohl die Inflationsprognosen für das Gesamtjahr 2022 in dem Land leicht gestiegen sind, liegen sie deutlich unter denjenigen der Europäischen Union.
  • Da die Schweiz mit ‑0,75% den niedrigsten Zinssatz der Welt hat, sind die Optionen der Zentralbank für die Bekämpfung einer erstarkenden Währung begrenzt. Unseres Erachtens gibt es jedoch drei Strategien, die sie anwenden könnte, um den Anstieg der Währung zu bändigen.

 

Die jüngste geopolitische Volatilität hat die Märkte für Vermögenswerte weltweit auf den Kopf gestellt. Von Rohstoffen bis hin zu Anleihen und Aktien waren die jüngsten Preisbewegungen von historischem Ausmaß. Aufgrund der anhaltenden Unsicherheit waren als sicher geltende Vermögenswerte so gefragt wie nie zuvor. Der Schweizer Franken stellt dabei einen Ausreißer dar, da er gegenüber den meisten Währungen deutlich zulegte, insbesondere jedoch gegenüber dem Euro (der Euroraum ist der größte Handelspartner der Schweiz).

Ein Anstiegskurs

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat ihren Unmut über die Überbewertung ihrer Währung mehrmals zum Ausdruck gebracht. Die Zentralbank und viele Wirtschaftsexperten sehen den angemessenen Wert der Währung bei 1,08 bis 1,12 gegenüber dem Euro. Aufgrund der jüngsten Ereignisse gewinnt die Währung jedoch weiter an Wert. Die SNB griff wiederholt ein, um die Aufwertung des Franken zu stoppen. Sie konnte den Anstiegskurs jedoch nur verlangsamen und nicht stoppen oder umkehren. Allein im letzten Monat gewann die Währung 5% an Wert gegenüber dem Euro, auf ihrem niedrigsten Stand innerhalb eines Tages (Chart 1).

Chart 1: Schweizer Franken fällt kurzzeitig unter die Parität

Quelle: Bloomberg, Janus Henderson Investors, Stand: 8. März 2022.
Anmerkung:     Wechselkurs zwischen dem Schweizer Franken und dem Euro, tägliche Bewegungen. Die vertikalen Linien stellen die Hochs und Tiefs dar; die Balken stellen die Differenz zwischen dem Wechselkurs bei Eröffnung und bei Schließung des Marktes dar.

Eine völlig andere Inflationsentwicklung

Die Schweizer Wirtschaft entwickelte sich nach Überwindung der Pandemie besser als andere globale Wettbewerber; es gelang ihr, die Kosten niedrig zu halten, während das Lohnwachstum verhalten bleibt. Aufgrund der relativen Unabhängigkeit des Landes von fossilen Brennstoffen konnte auch die Volatilität der Energiepreise in den letzten Monaten der Schweiz nichts anhaben.

Da die Inflation der Schweiz von globalen Preisänderungen relativ unabhängig ist, beeinträchtigen die jüngsten Preissteigerungen bei Rohstoffen das Land nicht so sehr wie seine Nachbarn. Obwohl die Inflationsprognosen für das Gesamtjahr 2022 in der Schweiz leicht gestiegen sind, liegen sie unter Verwendung derselben Kennzahl deutlich unter denjenigen der Europäischen Union (Chart 2).

Chart 2: Schweizer Inflation in ruhigem Fahrwasser  

Quelle: Bloomberg, Janus Henderson Investors, Stand: 8. März 2022.
Anmerkung:     Inflationsprognosen für den Konsumentenpreisindex der Eurozone und der Schweiz für 2022. Es gibt keine Garantie, dass sich vergangene Trends fortsetzen oder Prognosen eintreffen.

Wie kann die Währung gezähmt werden?

Da die Schweiz mit -0,75%1 die niedrigsten Zinssätze der Welt hat und die SNB bereits aktiv in die Devisenmärkte eingreift, sind die Optionen der Zentralbank, die Anziehungskraft zu reduzieren, die die Währung auf Anleger hat, begrenzt. Sie hat jedoch drei Möglichkeiten, um zu versuchen, die Währung zu stabilisieren, die nachstehend in der Reihenfolge ihrer Wahrscheinlichkeit aufgeführt sind.

Die Märkte durch die Zusicherung vieler weiterer Maßnahmen beruhigen
Die SNB kann ein starkes Signal an die Märkte senden, dass sie ihre Intervention an den Devisenmärkten fortsetzen – und verstärken – wird, dass die Zinssätze auf absehbare Zeit bei -0,75% verankert bleiben und dass Liquidität für lokale Banken weiterhin im Überfluss vorhanden sein wird. Dieser Ansatz kann dazu beitragen, die Aufwertung der Währung zu verlangsamen, aber ihr Erfolg hängt davon ab, dass die geopolitischen Risiken deutlich nachlassen.

Mindestkurs
Nach der europäischen Staatsschuldenkrise führte die SNB aufgrund des schnellen Anstiegs des Schweizer Franken einen Mindestkurs gegenüber dem Euro ein und setzte ihn bis zu einem unbegrenzten Betrag durch. Vom 6. September 2011 bis zum 15. Januar 2015 bot die SNB für alle auf dem Markt verfügbaren Euros einen Kurs von 1,20 Franken pro Euro (im Endeffekt verkaufte sie Schweizer Franken, um auf ausländische Währungen lautende Vermögenswerte zu kaufen, um die Koppelung aufrechtzuerhalten). Auch wenn dies zu einer bedeutenden Ausweitung der Bilanz der Zentralbank und zu vielen politischen Bedenken führte, konnte es einen plötzlichen Anstieg des Schweizer Franken effektiv verhindern (siehe Chart 3). Die SNB könnte heute eine ähnliche Richtlinie festlegen, diesmal mit einem Referenzkurs von 1,00 oder 1,05 Franken pro Euro.

Chart 3: Zeit, eine neue Koppelung für den Schweizer Franken festzulegen?

Quelle: Bloomberg, Janus Henderson Investors, Stand: 8. März 2022.
Anmerkung:     Wechselkurs zwischen dem Schweizer Franken und dem Euro, tägliche Bewegungen. Die vertikalen Linien stellen die Hochs und Tiefs dar.

Weitere Reduzierung der Zinssätze
Eine Senkung der Zinssätze, die sich mit -0,75% bereits deutlich im negativen Bereich befinden, könnte zunächst weit hergeholt scheinen, aber für die Schweiz ist dies immer noch eine gangbare Option. Das Bankensystem des Landes ist gut ausgestattet, um mit solchen negativen Zinssätzen umzugehen, und eine Reihe von Ausnahmen/Tiering-Mechanismen stellen sicher, dass die Rentabilität der lokalen Banken nicht zu sehr unter weiteren Zinssenkungen leidet. Ein aktuelles Beispiel einer solchen Entwicklung ist in Dänemark zu beobachten, wo die Zinssätze von einem bereits historisch niedrigen Stand von -0,50% um 10 Basispunkte auf 0,60% gesenkt wurden, um die Aufwertung der Währung zu reduzieren2.

Ein kurzer Gedanke zum Schluss

Die SNB äußerte ihr Unbehagen in Bezug auf die Höhe der Währungsaufwertung bereits vor den jüngsten geopolitischen Ereignissen, die diesen Trend beschleunigten. Daher wären wir, sofern dieser Druck nicht deutlich nachlässt, nicht überrascht, wenn die Schweizer Zentralbank in den kommenden Wochen Maßnahmen zur Begrenzung der Geschwindigkeit und des Umfangs der Aufwertung ihrer Währung ergreifen würde.

1Trading Economics, Stand: 10. März 2022
2Danmarks Nationalbank, Stand: 10. März 2022

Glossar

Swissie: ein informeller Begriff für den Schweizer Franken an den Devisenmärkten.

Volatilität: die Geschwindigkeit und der Umfang der Schwankung des Preises eines Portfolios, eines Wertpapiers oder eines Index nach oben und unten. Falls der Preis stark nach oben und unten schwankt, hat er eine hohe Volatilität. Falls der Preis langsam und in geringerem Umfang schwankt, hat er eine geringere Volatilität. Sie wird als Maß für das mit einer Anlage verbundene Risiko verwendet.