Pfizer und BioNTech haben vorläufige Daten aus einer klinischen Studie der späten Phase für ihren Impfstoffkandidaten zur Bekämpfung von COVID-19 bekannt gegeben, und die Ergebnisse waren unerwartet gut. Portfoliomanager Andy Acker und Director of Research Matt Peron erklären, was dies für den Kampf zur Beendigung der Pandemie sowie für die nächste Phase des Marktzyklus bedeutet.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Vorläufige Daten von Pfizer und BioNTech belegen, dass ihr COVID-19-Impfstoffkandidat bei der Verhinderung einer symptomatischen Erkrankung eine Effektivität von mehr als 90 % erreichen konnte. Die Konsenserwartungen hatten sich bislang auf 60 % bis 70 % belaufen.
  • Die Aktienmärkte setzten nach Bekanntgabe der Studienergebnisse zu einem Höhenflug an, wobei der Dow Jones Industrial Average und der S&P 500® Index im Intraday-Handel neue Rekordstände erreichten.
  • Ob der Impfstoff in der Lage sein wird, zur Beendigung der globalen Pandemie beizutragen, ist zwar weiterhin von vielen unbekannten Variablen abhängig, die anfänglichen Daten waren jedoch äußerst ermutigend und lassen neuerlichen Optimismus über eine Rückkehr zu Wirtschaftswachstum im Jahr 2021 aufkommen.

In dieser Woche – weniger als ein Jahr nach dem ersten Auftreten des COVID-19-Coronavirus – gaben die Biopharmaunternehmen Pfizer und BioNTech bekannt, dass ihr neuartiger Impfstoffkandidat für COVID-19 die tödliche Erkrankung in einer klinischen Studie im Spätstadium zu mehr als 90% wirksam verhindern konnte. Auch wenn es sich um vorläufige Daten handelt, fielen die Ergebnisse besser als erwartet aus. Damit kommt neuerlicher Optimismus über das Wirtschaftswachstum im Jahr 2021 auf – eine Einschätzung, die wir zunehmend teilen.

Die Bedeutung von 90 %

Dies ist die erste Datenauswertung aus fast einem Dutzend groß angelegter klinischer Studien für COVID-19-Impfstoffe. Um es einfach auszudrücken: das Ergebnis war äußerst ermutigend. Die Konsenserwartungen hatten die Wirksamkeitsrate des Impfstoffs, der derzeit unter dem Namen BNT162b2 bekannt ist, mit 60 bis 70% angesetzt. Sollte die Wirksamkeitsrate von 90 % für die restliche Dauer der Studie bestehen bleiben, wäre das Medikament genauso effektiv wie der Impfstoff gegen Masern. Dies würde gleichzeitig weit über der Wirksamkeit von Grippeschutzimpfungen (durchschnittlich 50 %) liegen. Obwohl keine Sicherheitsdaten veröffentlicht wurden, merkte Pfizer außerdem an, dass unter den mehr als 43.500 Personen, die derzeit an der weltweiten Studie teilnehmen, bisher keine ernsthaften Sicherheitsbedenken beobachtet wurden.

Was kommt als Nächstes?

Sicherlich könnten sich diese Zahlen noch ändern, wenn weitere Daten hinzukommen. Die Ergebnisse beruhten auf 94 Patienten mit bestätigten symptomatischen Fällen von COVID-19. (Die Patienten erhielten zwei Dosen entweder des Impfstoffs oder eines Placebos über einen Zeitraum von drei Wochen, wobei der Schutz 28 Tage nach der ersten Dosis erreicht wurde.) Die Unternehmen gaben an, dass die Studie solange fortgesetzt werden soll, bis 164 Fälle erreicht sind. In der Zwischenzeit können Pfizer und BioNTech bei der US-Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration) eine Notfallzulassung beantragen, sobald sie einen Median von zwei Monaten an Sicherheitsdaten gesammelt haben – ein Ziel, das in der dritten Novemberwoche erreicht sein dürfte. Da die FDA von einem Impfstoff eine Wirksamkeit von mindestens 50 % erwartet, glauben wir, dass sich Pfizer und BioNTech inzwischen einen komfortablen Spielraum für eine mögliche Zulassung geschaffen haben.

Ein guter Nährboden für Innovationen und Zusammenarbeit in der Biopharmazie

BNT162b2 basiert auf einem neuartigen Ansatz in der Medikamentenentwicklung, der als Messenger-Ribonukleinsäure-Technologie (mRNA-Technologie) bezeichnet wird und den Körper im Wesentlichen anweist, Proteine zur Bekämpfung von Krankheiten herzustellen. Im Fall von COVID-19 trägt BNT162b2 die Anleitung für den Aufbau einer Proteinspitze, mit der SARS-CoV-2 (das Virus, das COVID-19 verursacht) in die Wirtszellen eindringt und eine Reaktion des Immunsystems auslöst. Bislang wurden noch keine mRNA-basierten Therapien zugelassen, auch nicht für andere Indikationen wie Krebs. Sollten die Bemühungen von Pfizer und BioNTech erfolgreich sein, wäre es nicht nur wegen des Nachweises, dass die Technologie funktioniert, sondern auch im Hinblick auf den Zeitrahmen bemerkenswert: BNT162b2 wird in weniger als einem Jahr entwickelt und für den Notfalleinsatz zugelassen worden sein, während es in der Vergangenheit 10 Jahre oder länger gedauert hat, bis Impfstoffe auf den Markt kamen.

Darüber hinaus war die Entwicklung des Präparats das Ergebnis einer einzigartigen Zusammenarbeit. BioNTech, ein deutsches Biotech-Unternehmen, entwarf die Architektur des Medikaments, verfügte aber nicht über die erforderlichen Ressourcen, um eine globale klinische Studie durchzuführen. Daher wandte sich BioNTech Anfang dieses Jahres an den Pharmariesen Pfizer, der sich bereit erklärte, zu helfen. Von entscheidender Bedeutung ist, dass Pfizer auch beim Ausbau der Herstellungs- und Vertriebskapazitäten eine führende Rolle gespielt hat. Die mRNA-Therapie stellt eine einzigartige Herausforderung dar, da sie bei extrem niedrigen Temperaturen transportiert und gelagert werden muss, um wirkungsvoll zu bleiben. Pfizer hat Milliardenbeträge investiert und Schiffscontainer mit wiederverwendbaren GPS-Temperatursensoren und speziellen Gefrierschränken entwickelt, in denen die Ampullen bis zu sechs Monate lang aufbewahrt werden können. So sind Pfizer und BioNTech auf der Grundlage aktueller Prognosen auf dem besten Wege, 50 Millionen Dosen bis Ende 2020 (für 25 Millionen Menschen) und bis zu 1,3 Milliarden Dosen im Jahr 2021 (für 650 Millionen Menschen) herzustellen, was eine weitere bemerkenswerte Leistung darstellt.

Ein neuer Anfang für die globalen Märkte

Es gibt nach wie vor zahlreiche Ungewissheiten darüber, ob BNT162b2 in der Lage sein wird, zur Beendigung der globalen Pandemie beizutragen. Zum einen muss die FDA sicherstellen, dass Pfizer und BioNTech Impfstoffdosen sicher und in gleichbleibender Qualität herstellen können. Weitere Forschung ist erforderlich, um die Wirksamkeit und Dauerhaftigkeit der Behandlung zu bestätigen, insbesondere in verschiedenen Altersgruppen. Zudem muss die Frage geklärt werden, ob die Injektion ernsthafte Infektionen verhindert und die Zahl späterer Krankenhausaufenthalte und Todesfälle verringert. Eine Genehmigung für den Notfalleinsatz würde es ermöglichen, den Impfstoff zunächst kritischen Bevölkerungsgruppen zu verabreichen, z. B. Mitarbeitern des Gesundheitswesens an vorderster Front, wobei die frühesten Impfungen möglicherweise schon Ende des Jahres beginnen würden. Unterdessen nimmt die Pandemie an Fahrt auf: Inzwischen sind weltweit 1,2 Millionen Menschen am Virus gestorben, und viele Länder in Europa sowie die USA melden täglich neue Rekordzahlen.

COVID-19-Fälle steigen stark an

Die positive Meldung über einen Impfstoff kommt zu einer kritischen Zeit: Weltweit gibt es mehr als 50 Millionen bestätigte Fälle, und die Zahl der Neuinfektionen steigt in den G7-Ländern rapide.

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Quelle: Weltgesundheitsorganisation. Daten vom 3. Januar 2020 bis 8. November 2020. Das Diagramm zeigt die kumulierte Anzahl neuer Fälle nach Datum sowie den Beitrag der einzelnen Länder zur Gesamtanzahl. Die Gruppe der Sieben (G7) ist ein informeller Block von sieben großen Industriestaaten: Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten.

Nichtsdestotrotz setzten die Aktienmärkte nach Bekanntgabe der Studienergebnisse zu einem Höhenflug an, wobei der Dow Jones Industrial Average und der S&P 500® Index neue Rekordstände erreichten. Angeführt wurden sie von den Branchen, die am stärksten durch die Pandemie in Mitleidenschaft gezogen wurden, wie Reisen und Energie. In der Tat ist der Ausblick für Risikoanlagen in den letzten 48 Stunden sehr viel positiver geworden, was nicht nur der Meldung zum Impfstoff sondern auch dem Abschluss der US-Präsidentschaftswahl (mit Potenzial für eine geteilte US-Regierung, die zu moderaten politischen Änderungen führen würde) zu verdanken ist. Beide Ereignisse könnten zu verbessertem Wirtschaftswachstum im Jahr 2021 sowie zu einer Rückkehr von Vertrauen unter Anlegern und positiven Nettozuflüssen zu Risikoanlagen führen.

Vor allem aber könnte diese Entwicklung zur Folge haben, dass die Zugewinne des Marktes auf breiterer Front verzeichnet werden. Im bisherigen Verlauf des Jahres 2020 hatte sich die Outperformance größtenteils auf Unternehmen mit hohen Wachstumsraten konzentriert, die digitale Lösungen für eine von Kontaktbeschränkungen geprägte Welt anbieten. Sollte ein Impfstoff dazu beitragen, die Weltwirtschaft zu „Normalität“ zurückzuführen, dürfte sich diese Enge endlich ausweiten.

Weitere Volatilität lässt sich allerdings nicht ausschließen – insbesondere, wenn weitere Wirtschaftsräume kurzfristig Lockdowns verhängen müssen, während wir auf die weltweite Verteilung eines Impfstoffs warten. Aber die Meldung von Pfizer und BioNTech lässt Hoffnung aufkommen, dass eine Lösung in Sicht ist und dass andere Impfstoffe, die auf dasselbe SARS-CoV-2-Protein abzielen – einschließlich einer zweiten mRNA-Therapie von Moderna – erfolgreich sein könnten. Die Zulassung mehrerer Impfstoffe wird für einen schnellen und wirksamen Schutz der Weltbevölkerung mit erheblichen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft als entscheidend angesehen. Darüber hinaus könnten mRNA-Plattformen aufgrund ihrer Beschaffenheit leicht modifiziert werden, um in Zukunft neue Versionen des Virus zu bekämpfen, sollte dies notwendig werden.

Der typische Marktzyklus (von der Talsohle eines Bärenmarktes bis zur Spitze eines Bullenmarktes) dauert etwa fünf Jahre. Die COVID-19-Pandemie hatte dem letzten Bullenmarkt im März ein abruptes Ende bereitet. Die Nachrichten dieser Woche könnten einen wichtigen Schritt auf dem Weg hin zu einem neuen Aufschwung markieren.