Wie sehen die Aussichten für britische Aktien in diesem Jahr aus, nun, da der Brexit offiziell vollzogen wurde? Luke Newman, Portfoliomanager der UK Absolute Return Strategie, erläutert einige der Risiken und Chancen, die er in den kommenden Monaten auf der Long- wie auch der Short-Seite sieht.

Zentrale Erkenntnisse

  • Mit dem Ende der Brexit-Ungewissheit ist der britische Aktienmarkt zum ersten Mal seit 2016 wieder investierbar.
  • Im nächsten britischen Haushalt werden die Staatsausgaben vermutlich deutlich steigen und vor allem Investitionen in die Infrastruktur vorsehen, so jedenfalls hat es die Konservative Partei in ihrem Wahlprogramm versprochen.
  • In einem unsicheren Umfeld mit erhöhtem geopolitischen Risiko halten wir einen flexiblen, vorsichtigen Anlageansatz für sinnvoll.

Die Grundstimmung gegenüber britischen Aktien hat sich seit den Wahlen in Großbritannien aufgehellt. Sie verschafften den regierenden Konservativen eine unerwartet klare Mehrheit und zogen damit einen Schlussstrich unter das jahrelange Gerangel und die Unsicherheit. Dass die Wähler einer als „zu links“ empfundenen Labour-Regierung eine Absage erteilten, löste Erleichterung und damit eine Rally in Branchen wie Wohnungsbau, Versorgung und Finanzen aus, die besonders im Fadenkreuz der Sozialdemokraten gestanden hatten. Stärker auf die Binnenwirtschaft ausgerichtete Sektoren gehörten zu den ersten Nutznießern des klaren Wahlausgangs. Die verhaltene Reaktion des Pfund Sterling sorgte derweil dafür, dass auch die im Vereinigten Königreich börsennotierten Unternehmen, die einen erheblichen Teil ihrer Gewinne im Ausland erzielen, nicht unter die Räder kamen. Da ein Brexit ohne Abkommen noch nicht vom Tisch ist, haben wir bisher ein stärkeres Engagement in Bereichen vermieden, in denen sich eine Aufwertung des Pfund negativ auf repatriierte Gewinne auswirken würde.

Endlich Klarheit an der politischen Front

Was die Herausforderungen für die britischen Märkte in den letzten Jahren angelangt, haben wir mit unserer Meinung nicht hinter dem Berg gehalten. Die Ungewissheit über die EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs hat die Stimmung gegenüber britischen Vermögenswerten stark getrübt und viele Unternehmen veranlasst, Investitionen auf die lange Bank zu schieben. Aber die Wahl der ersten Mehrheitsregierung seit einiger Zeit, die sich zudem verpflichtet hat, den Austritt aus der EU zu vollziehen, koste es, was es wolle, lässt ahnen, wohin die Reise geht – zumindest in den nächsten Monaten. Die Situation auf unserem Heimatmarkt hat sich damit grundlegend verändert, denn zum ersten Mal seit 2016 kommt der britische Aktienmarkt für uns wieder für Anlagen infrage.

Die Tories befinden sich nach der Wahl in einer günstigen Ausgangsposition, um ihre Brexit-Strategie und allgemeine innenpolitische Agenda voranzubringen. Großbritannien könnte damit zum Vorreiter für mehr Staatsausgaben werden. Noch vor einem Jahr wäre das unmöglich gewesen. Die damals zentrale Frage lautete, ob es einer gespaltenen Konservativen Partei mit Schützenhilfe einiger Abgeordneter der nordirischen DUP gelingen würde, sich genügend Unterstützung für das von Theresa May geplante Austrittsabkommen zu sichern. Parallel dazu wurden im Parlament per Abstimmung die Mechanismen zur Verhinderung eines No-Deal-Szenarios gestärkt. Ähnlich wie beim Paradoxon des Gedankenexperiments, das der österreichische Physiker Erwin Schrödinger in den 1930er Jahren vorgeschlagen hatte, war es solange unmöglich zu wissen, ob der Brexit tot oder lebendig war, bis es zweifelsfrei feststand.

Was den am 11. März anstehenden Haushalt betrifft, so erwarten wir, dass Rishi Sunak, der neue britische Schatzkanzler und Nachfolger des kürzlich zurückgetretenen Sajid Javid, wachstumsorientiertere Maßnahmen ankündigen und damit einige Versprechen aus dem Wahlprogramm der Konservativen einlösen wird. Die Haushaltsvorlage bietet uns einen willkommenen Anlass, die möglichen Auswirkungen auf in Großbritannien börsennotierte Unternehmen zu beleuchten, die von höheren Regierungsausgaben profitieren dürften. Diese dürften vor allem der Infrastruktur zugutekommen.

Weltweit sehen sich Regierungen und Zentralbanken wegen schlechterer Wirtschaftsdaten und dem kaum noch vorhandenen geldpolitischen Spielraum gezwungen, zusätzliche Fiskalimpulse in Betracht zu ziehen – was die Inflation anfachen dürfte. Die im langjährigen Vergleich niedrigen Bewertungen und die erwarteten höheren Staatsausgaben könnten den britischen Markt zu einer Quelle für attraktives Wertpotenzial machen. Aber es bleiben Risiken wie nicht zuletzt die Sorge um die Ausbreitung des Coronavirus ausgehend von China und die Folgen für das Wirtschaftswachstum.

Wie geht es bei britischen Aktien weiter?

Zurück zum Dauerbrenner Brexit: Auch nach dem offiziellen Austritt lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, was er langfristig für britische Vermögenswerte bedeuten wird. Abgesehen vom politischen Gerangel dürfte die Stimmung gegenüber britischen Unternehmen erheblich davon abhängen, wie die Regierung unter Boris Johnson in diesem Jahr die Verhandlungen über ein künftiges Handelsabkommen mit der EU angeht. Auf diesbezügliche Nachrichten reagieren die Anleger auch weiterhin überaus nervös. So im Dezember, als die Angst vor einem chaotischen No-Deal-Brexit einmal mehr durch die Ankündigung des britischen Premierministers Boris Johnson angeheizt wurde. Er hatte deutlich gemacht, dass er keine Verlängerung der Übergangsfrist beantragen werde, ganz gleich wie man mit den Verhandlungen vorankäme. Die Nachricht und den unerwartet verschärften Zeitdruck bei den Verhandlungen quittierten das Pfund und die Kurse britischer Aktien mit Verlusten.

Gegenwärtig bleibt die Taktik der britischen Regierung mit Blick auf die Austrittsverhandlungen mit der EU im Dunkeln. Hinzu kommen erhöhte geopolitische Risiken, darunter die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten und der anhaltende Handelskrieg zwischen den USA und China. Je weiter das Jahr voranschreitet, desto intensiver werden Stockpicker nach Anlagemöglichkeiten auf der Long- und der Short-Seite Ausschau halten und versuchen, die großen Bewertungsunterschiede in einigen Branchen zu ihrem Vorteil zu nutzen. Längerfristig betrachtet, wird es nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer geben. In einem solchen Umfeld raten wir Anlegern daher zu einer flexiblen, umsichtigen Anlagestrategie.