May Ling Wee, Portfoliomanagerin für chinesische Aktien, erörtert die aus Anlegersicht wichtigsten Ereignisse am chinesischen Aktienmarkt in der ersten Jahreshälfte, die Implikationen für die Wertentwicklung des Portfolios und den Ausblick für den Rest des Jahres.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Chinas Wirtschaft hat sich schneller erholt als erwartet, angeführt vom Industriesektor und der Baubranche. Der Verbrauch und die Investitionen im Privaten Sektor dagegen bleiben schwach.
  • Der chinesische Aktienmarkt hat die Börsen der entwickelten Länder in der ersten Jahreshälfte hinter sich gelassen (mit Ausnahme des NASDAQ-Index in den USA). Die Anleger waren sehr optimistisch gestimmt, was die Erholung des Wirtschaftswachstums und der Unternehmensgewinne in der zweiten Jahreshälfte angeht.
  • Wachstumstitel dürften nun zwar insgesamt weniger Kurspotential aufweisen, jedoch könnte eine Korrektur attraktive Gelegenheiten zur Investition in hochwertige Wachstumsaktien in den nächsten Monaten schaffen.

Die erste Hälfte des Jahres 2020 war eine ereignisreiche Phase für Anleger am chinesischen Aktienmarkt. Die Marktteilnehmer wurden davon überrascht, wie gravierend COVID-19 und die staatlichen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit zur Eindämmung des Virus ausfielen. Im März wurden die Ausgangsbeschränkungen gelockert und die Wirtschaftstätigkeit wurde wieder aufgenommen. Anschließend kam es zu einer raschen Erholung der Industrieproduktion, da die Fabriken während des Lockdowns liegengebliebene Aufträge abarbeiteten und die Bautätigkeit wieder in Gang kam.  In China setzte ein „langsamer Bullenmarkt“ ein. Dazu trugen ermutigende laufende Wirtschaftsdaten bei, die eine frühzeitige Erholung der chinesischen Wirtschaft anzeigten. Ein kräftiger Kursaufschwung bei inländischen Aktien seit April war die Folge.

Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels (12. August) haben Privatkunden vermehrt Geld zum Kauf von Wertpapieren aufgenommen und neu aufgelegte Fonds waren aufgrund der Nachfrage inländischer Investoren stark überzeichnet. Unterdessen haben sich die Beziehungen zwischen China und den USA verschlechtert. Die Rivalitäten haben zugenommen, da sich die beiden Länder im Zusammenhang mit COVID-19 gegenseitig Vorwürfe machen und sich über das politische Umfeld in Hongkong streiten.

Wachsende Sorgen: Konflikt um Technologieexporte

Beim Konflikt zwischen den USA und China um den Export von Technologie steht die technologische Führungsrolle im Mittelpunkt. Zunächst belegten die USA chinesische Hardware-Firmen (einschließlich Huawei) mit Sanktionen. Diese erstreckten sich bald auch auf Internet- und Softwareunternehmen. Zuletzt wurde amerikanischen Unternehmen seitens der Regierung untersagt, die Video-Anwendung TikTok und die stark verbreitete Nachrichten-Anwendung WeChat zu nutzen. Es bestehen derzeit zwei parallele Internetwelten. Eine davon wird von den USA angeführt, die andere von China. TikTok und WeChat sind Beispiele dafür, dass die globalen Ambitionen der führenden Technologieunternehmen Chinas möglicherweise durch die Vereinigten Staaten gebremst werden können und Sanktionen gegen chinesische Firmen aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ verhängt werden können.

Ungleichmäßige Erholung

Die chinesische Konjunktur hat sich schneller als erwartet erholt, nachdem die Ausgangsbeschränkungen der Bürger aufgehoben worden waren und die Wirtschaftstätigkeit wieder in Gang gekommen war. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) entwickelte sich im zweiten Quartal 2020 positiv – sowohl im Vergleich zum Vorjahr als auch gegenüber dem vorangegangenen Quartal. Das deutet darauf hin, dass die Wirtschaft im zweiten Quartal bereits schneller wuchs als vor Ausbruch von COVID-19 im letzten Jahr. Allerdings ist die Erholung nicht gleichmäßig erfolgt. Angeführt wurde die Erholung von der Industrie und der Baubranche. Darin spiegelten sich Infrastrukturprojekte und das Nachholen ausgefallener Produktion in den Fabriken wider. Chinas Produzierendes Gewerbe profitierte davon, dass das Land als erstes die COVID-19-Pandemie hinter sich gelassen hat. Auf der anderen Seite haben sich der Verbrauch und die Investitionen im Privaten Sektor noch nicht wieder auf das Niveau vor der Pandemie erholt. Die Vorschriften zum Abstandhalten, die Angst vor Infektionen und ein gesunkenes Vertrauen hinsichtlich der privaten Einkommen hat die Verbraucher dazu veranlasst, zu Hause zu bleiben und weniger Geld auszugeben. Gleichzeitig sind die privaten Unternehmen mit einer unsicheren Nachfragesituation konfrontiert. Sie stehen auch vor der Frage, ob sie aufgrund externer Ereignisse wie einer Pandemie künftig näher an ihrem Standort befindliche Zulieferer wählen sollten.

Industrieproduktion erholt sich schneller als Konsumnachfrage

1

Marktrückblick – erste Hälfte 2020

Infolge des Coronavirus kam es zu einem gravierenden Einbruch der Wirtschaftstätigkeit und der Verbraucherausgaben in China sowie zu einer Unterbrechung globaler Lieferketten. Beides belastete die Umsätze und Gewinne der Unternehmen. Als sich der Ausbruch des Virus zu einer globalen Pandemie entwickelte, gerieten chinesische Aktien unter starken Verkaufsdruck. Da gesamtwirtschaftliche Indikatoren im zweiten Quartal auf eine unerwartet kräftige Konjunkturerholung nach dem „Shutdown“ im Februar hindeuteten, stiegen die Kurse chinesischer Aktien kräftig an. Seither waren die Anleger sehr optimistisch, was die Erholung des Wirtschaftswachstums und der Unternehmensgewinne in der zweiten Jahreshälfte angeht. Im laufenden Jahr sind der Offshore-Markt (MSCI China Index) und der Onshore-Markt (CSI300 Index) um 12,8 % bzw. 13,9 % gestiegen (in US-Dollar)*. Tatsächlich haben die chinesischen Börsen in diesem Zeitraum besser abgeschnitten als die Märkte in den meisten entwickelten Ländern – mit Ausnahme des NASDAQ-Index in den USA.

*Quelle: Bloomberg; Kursentwicklung der im Index enthaltenen Aktien im laufenden Jahr bis 12. August 2020.  Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Indikator für die zukünftige Wertentwicklung.

Implikationen für das Portfolio

COVID-19 hat eine Herausforderung für viele chinesische Unternehmen dargestellt. Die Verkäufe in Geschäften kamen weitgehend zum Erliegen, da die chinesischen Verbraucher aus Angst vor einer Infektion zu Hause blieben. Gut entwickelt haben sich jedoch Unternehmen, die sich durch Fokussierung auf den Online-Vertrieb rasch an das neue Umfeld angepasst haben. Zu den Gewinnern gehörten Firmen aus Bereichen wie E-Commerce, Online-Spiele und Haushaltsgeräte. Sie schnitten deutlich besser ab als „Offline“-Anbieter.

Im Konsumsektor übertrafen Anbieter hochwertiger Premiumprodukte andere Unternehmen, die auf die breite Verbrauchernachfrage ausgerichtet sind. Das spiegelte sich in den Käufen von Premiumautomobilen, der Spirituose Baijiu und Luxusgütern wider. Wie auch weltweit zu beobachten war, scheinen Verbraucher mit hohem Einkommen vor den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie besser geschützt gewesen zu sein.

In der ersten Hälfte des Jahres 2020 entwickelten sich die Aktienkurse mehrerer von uns seit langem gehaltener Unternehmen gut. Im Bereich Kommunikationsdienste erwiesen sich die Geschäftsmodelle von NetEase und Tencent als robust, da die Verbraucher zu Hause blieben und nach Online-Unterhaltung Ausschau hielten. Midea Group, die führende chinesische Haushaltsgerätemarke, verlagerte ihren Fokus auf Online- Verkäufe und nahm Wettbewerbern Marktanteile ab. Im Finanzsegment profitierte die Hong Kong Exchange davon, dass in den USA gehandelte chinesische Unternehmen eine Notierung in Hongkong anstrebten, da sie vom Delisting an amerikanischen Börsen bedroht sind, wenn die Ergebnisse der Wirtschaftsprüfer nicht zugänglich sind.

Auf der anderen Seite litten die Energietitel China Oilfield Services und CNOOC unter dem Ölpreis-Konflikt zwischen Russland und Saudi-Arabien in einer Phase schwacher Nachfrage. Ebenfalls schwach entwickelte sich der Kasinobetreiber Sands China, da Macau die Grenzen für Touristen schloss.

Ausblick für den Rest des Jahres: vorsichtig optimistisch

In China hat sich im Hinblick auf seiner Handelsaktivität vergleichsweise gut entwickelt, da seine Fabriken früher als in anderen Ländern wieder mit der Produktion begonnen haben. Die Verbraucher und Unternehmen passen sich an eine Welt nach der COVID-19-Pandemie an. Sofern es zu keiner ausgeprägten zweiten Welle von Viruserkrankungen in China kommt, könnte nach unserer Einschätzung der Verbrauch in der zweiten Jahreshälfte beflügelt von verstärkter Ersparnisbildung während der Pandemie wieder steigen, solange das Vertrauen in eine Erholung Chinas fortbesteht.

Zwar rechnen wir damit, dass sich die Konjunktur in China weiter positiv entwickelt, doch könnte es im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen im November zu einigen geopolitischen Turbulenzen kommen. Die Möglichkeit weiterer disruptiver Entwicklungen bei chinesischen Unternehmen kann nicht ausgeschlossen werden.

Die Aufwärtsbewegung am Markt und die positive Stimmung der Anleger haben dazu geführt, dass die Bewertung vieler Wachstumsaktien an den chinesischen Inlandsbörsen gestiegen sind. Damit weist das Wachstumssegment des Markts mittlerweile weniger Kurspotential auf. Allerdings unterliegen an den Inlandsbörsen notierte chinesische Aktien typischerweise stärkeren Schwankungen, hauptsächlich aufgrund des Verhaltens von Privatanlegern. Daher könnte eine Korrektur attraktive Gelegenheiten zur Investition in hochwertige inländische Wachstumsaktien in den kommenden Monaten schaffen.

Glossar:

Bullenmarkt: Situation, in der die Aktienkurse steigen und die Anleger von einer Fortsetzung des Aufwärtstrends ausgehen, üblicherweise in einem günstigen Konjunkturumfeld.

Inländische Aktien/Börsen: Titel, die an den chinesischen Inlandsmärkten in Shanghai und Shenzen notiert sind.