Paul O’Connor, Leiter des britischen Multi-Asset-Teams, diskutiert die aktuelle Markterschütterung angesichts taumelnder Ölpreise und der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus.

Der dramatische Ölpreisverfall verstärkt die Dringlichkeit des breit angelegten Risikoabbaus an den Märkten weltweit. Innerhalb von etwas mehr als zwei Wochen ist die Unbekümmertheit der Anleger Panik gewichen. Die anfangs durch das Virus motivierte Reduzierung von Risiken ist inzwischen zu einer allgemeinen Kapitulation über alle Anlageklassen hinweg mutiert.

Letzte Woche ging es Anlegern vor allem darum, die potenziellen Auswirkungen des Coronavirus auf das globale Wachstum zu bewerten. Inzwischen geht die Sorge vor Szenarien um, die eine Abwärtsspirale einpreisen. Die Ölkrise erschüttert die bislang robusten Märkte für Hochzins- und Schwellenländeranleihen. Aktuell besteht die Gefahr, dass sich die Rücknahmen von Anlegern zu einem Zeitpunkt beschleunigen, an dem die Marktliquidität ohnehin unter Druck ist. Dennoch sind die Kurskorrekturen derzeit so rasant, dass bereits Wertpotenziale sichtbar werden. Über Nacht hat sich die Lage an den Kreditmärkten von überkauft zu überverkauft gewandelt.

Der massive Ausverkauf riskanter Vermögenswerte verdeutlicht ein radikales Umdenken in Bezug auf das globale Wachstum. Die Erwartungen der Anleger haben sich innerhalb von etwas mehr als zwei Wochen gewendet, und preisen nun statt der allgemeinen Unbekümmertheit eine höhere Rezessionswahrscheinlichkeit ein. Auf der Grundlage historischer Muster ließe sich argumentieren, dass globale Aktien derzeit eine 60-70%-ige weltweite Rezessionswahrscheinlichkeit einpreisen.

Es ist völlig ungewiss, was die Marktstimmung stabilisieren wird. Zahlreiche Ausverkäufe an den Märkten wurden in der Vergangenheit durch Maßnahmen der Zentralbanken wirksam gestoppt. Aktuell halten wir den Spielraum für einschneidende geldpolitische Interventionen jedoch für begrenzt. Wir gehen davon aus, dass sich die Zentralbank-Maßnahmen auf die Bereitstellung von Liquidität und die Aufrechterhaltung des Kreditflusses im Finanzsystem konzentrieren werden und weniger auf kräftige Zinssenkungen oder neue quantitative Lockerungsprogramme. Die Fiskalpolitik ist eindeutig die richtige Lösung für die gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Probleme. Bisher wurden hier allerdings nur punktuelle Fortschritte erzielt.

Ohne politische Maßnahmen, die zu einem Stimmungsumschwung führen, werden die Märkte weiterhin extrem empfindlich auf die weitere Ausbreitung des Coronavirus reagieren. Inzwischen verlagern sich die Sorgen auf die USA, wo die Zahl der bestätigten Fälle in den nächsten Wochen voraussichtlich stark steigen wird. Vor diesem Hintergrund scheinen die Anleger nicht gewillt, zur Kenntnis zu nehmen, dass sich die Trends in China bereits aufhellen und sogar in Südkorea der Ausbruch langsam unter Kontrolle zu sein scheint.

Das Coronavirus stellt die Anleger vor ein historisch einmaliges globales Problem. Sie sind unsicher über die Beschaffenheit des Virus, seine potenziellen wirtschaftlichen Auswirkungen und die politischen Reaktionen. Die Ölkrise trägt ein Übriges zu dieser Verwirrung und Unsicherheit bei. Eins ist allerdings sicher: Die Märkte sind in Panik. Von einer Talsohle an den Märkten kann zwar wohl noch keine Rede sein, dennoch würden wir in diesem Umfeld eher kaufen als verkaufen. Wir nutzen die Marktschwäche, um langsam wieder Risikopositionen aufzubauen.