Paul O’Connor, Leiter des Multi-Asset-Teams in Großbritannien, beleuchtet zu einem Zeitpunkt, zu dem negative Ölpreise die jüngste V-förmige Markterholung ausbremsen, die Aussichten für Aktien und andere Risikoanlagen.

  Zentrale Erkenntnisse:

  • Die haarsträubenden Ereignisse am Ölmarkt haben offenbar die kräftige Erholung, die in den letzten Wochen bei Aktien und anderen Risikoanlagen stattgefunden hat, zum Stillstand gebracht.
  • Kraftvolle geldpolitische und fiskalische Intervention sowie die Hoffnung, dass die erste Welle der Pandemie ihren Scheitelpunkt erreicht hat, haben die Stimmung aufgehellt, dennoch erscheint eine Phase der Marktkonsolidierung wahrscheinlich.
  • Gegenstand der nächsten großen Schlacht um die Marktstimmung wird der Ausblick für die Weltwirtschaft in der zweiten Jahreshälfte sein.

 

Die haarsträubenden Ereignisse am Ölmarkt diese Woche haben offenbar die seit einem Monat andauernde Rally bei Aktien und anderen Risikoanlagen gestoppt. Kampferprobte Anleger haben sich in den letzten Wochen mit vielen außergewöhnlichen und beispiellosen Marktphänomenen arrangiert – negative Ölpreise scheinen aber nun für so manchen doch eine Neuerung zu viel zu sein. Aber wahrscheinlich war der Absturz des Mai-Kontraktes für WTI auf ein Intraday-Tief von -USD 40 pro Barrel auch einfach ein guter Anlass, nach der V-förmigen Erholung bei Risikoanlagen eine Denkpause einzulegen.

Anfang dieser Woche hatten die großen Aktienmärkte ausgehend von ihren März-Tiefs über 26% zugelegt und damit 50% des vorangegangenen Einbruchs wieder wettgemacht. Technische Analysten betrachten diese Art von Kursrückgängen als typisch, wenn eine Rally an einen Widerstand stößt und der Aufwärtstrend in eine Konsolidierungsphase mit einer Seitwärtsbewegung innerhalb einer festen Spanne eintritt. Auch wir sehen fundamentale Gründe für diese Schlussfolgerung. Unserer Einschätzung nach sind die Faktoren, die die Markterholung ausgelöst haben, nun weitgehend verstanden und eingepreist und ist die relative Stärke positiver und negativer Marktthemen mittlerweile recht ausgewogen.

Bessere Nachrichten sowohl an der geldpolitischen als auch an der Coronavirus-Front haben die Märkte aus der Untergangsstimmung von Mitte März gerissen. Gegenstand der nächsten großen Schlacht um die Marktstimmung wird aus unserer Sicht der Ausblick für die Weltwirtschaft in der zweiten Jahreshälfte sein. Dabei sollte man aber eine vorsichtige Einschätzung berücksichtigen, nämlich dass angesichts der Unsicherheit vor dem Hintergrund der Pandemie und der damit verbundenen wirtschaftlichen Einschränkungen die Anleger für diesen Ausblick momentan kaum sichere Anhaltspunkte haben. Der fortgesetzte Rückgang der Konsensschätzungen für Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinne deutet darauf hin, dass bislang weder Ökonomen noch Aktienanalysten das volle Ausmaß des durch COVID-19 hervorgerufenen Konjunktureinbruchs ermessen können.

Auch wenn ein Großteil der jüngsten Volatilität am Ölmarkt auf branchenspezifische Angebotsprobleme zurückgeht, spiegelt er doch auch eine erhebliche Unsicherheit auf der Nachfrageseite wider. Es ist zu beachten, dass die zyklische Rohstoffpreisschwäche nicht nur den Ölsektor betrifft – auch der vom Commodity Research Bureau (CRB) veröffentlichte Raw Industrials Index markiert ein neues Tief. Dabei handelt es sich um einen breit gefassten Index für Rohstoffe, die nicht als Futures gehandelt werden, d.h. sie spiegeln in der Regel die reale Industrienachfrage wider, frei von spekulativem Marktrauschen. Die fortgesetzte Abwärtskorrektur der Wachstumserwartungen bleibt ein globales Phänomen, und zwar eines, dass in den meisten Wirtschaftssektoren zutage tritt. Dieses Thema kommt auch an den Staatsanleihenmärkten klar zum Ausdruck. Die Inflationserwartungen bleiben niedrig, und die Renditen 10-jähriger US Treasuries liegen nurmehr ein paar Basispunkte über ihrem Allzeittief vom März. Grafik 1 zeigt, wie sich dieses Thema in der synchronisierten Bewegung über verschiedene Marktbereiche widerspiegelt.

Grafik 1: Staatsanleihen und Banken

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Quellen: Bloomberg, Janus Henderson Investors, 3. Juni 2019 bis 22. April 2020.

Hinweis:  EURO STOXX Banks Index EUR Index, umbasiert auf 100 am Startdatum. Generische Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen. Die Renditen können schwanken und sind nicht garantiert. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für die künftige Wertentwicklung.

Kraftvolle geldpolitische und fiskalische Intervention und die Zuversicht, dass die erste Welle der Pandemie ihren Scheitelpunkt erreicht hat, haben zwar in den letzten Wochen zu einer kräftigen Aufwärtsbewegung bei Risikoanlagen geführt, wir halten es aber momentan nicht für ratsam, diesen Aufwärtstrend allzu weit in die Zukunft zu extrapolieren. Diese positiven Themen finden mittlerweile eine breite Akzeptanz, und das bedeutet, dass ihre Fähigkeit, die Finanzmärkte zu beeinflussen, nachlassen dürfte. Entsprechend halten wir eine Phase der Marktkonsolidierung derzeit für wahrscheinlicher als eine weitere kräftige Rally bei Risikoanlagen. Eine vorsichtige Positionierung der Anleger und die außerordentliche Bereitstellung von Liquidität durch die Zentralbanken dürften dazu beitragen, das Abwärtspotenzial bei Risikoanlagen zu begrenzen. Für ein wesentliches Aufwärtspotenzial ist wohl ein größeres Vertrauen in die Stärke des globalen Aufschwungs im zweiten Halbjahr vonnöten. Dies kann noch etwas Zeit brauchen.