Die beiden größten Handelsnationen der Welt liegen weiter im Clinch. Aber gibt die Lage in der Binnenwirtschaft in China und den USA möglicherweise Anlass zu Optimismus? Hierüber diskutieren die beiden Portfoliomanager Charlie Awdry, verantwortlich für China-Aktien, und Marc Pinto, zuständig für die US-Anlagen der Janus Henderson Balanced Strategie. Sie erläutern, welche Risiken und Chancen sie bei Aktien 2020 sehen.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Die Aussicht auf weitere geldpolitische Lockerungen stößt an den Aktienmärkten in China auf positive Resonanz. In den USA bleibt die Wirtschaft auf Wachstumskurs, getragen von ausgabefreudigen Konsumenten.
  • Was als Handelskrieg begann, hat sich ausgeweitet zu einem Kampf um die wirtschaftliche Vormachtstellung zwischen den USA und China. US-Aktien zeigen sich davon jedoch weitgehend unbeeindruckt, während sich in den Bewegungen beim Hang Seng Index sowie dem Yuan-Wechselkurs ein Kompromiss im Handelsstreit andeuten könnte.
  • Mit der fortschreitenden Digitalisierung der Wirtschaft, forciert durch technologische Innovationen, verändern sich Geschäftsmodelle rund um den Globus. Paradebeispiele sind die steigenden Ausgaben für die Cloud oder die Nutzung des Potenzials, das sich mit dem Internet der Dinge (IoT) bietet.

CA: Charlie Awdry

MP: Marc Pinto

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Was erwarten Sie von Ihrer Anlageklasse in 2020?

MP: Wir sind zuversichtlich, was den Ausblick für US-Aktien 2020 angeht. Zweifellos ändert sich das Marktumfeld. Dennoch dürfte es bei vielen Themen aus 2019 auch im neuen Jahr Fortschritte geben. Nach wie vor gibt es Risiken, auf die wir uns konzentrieren. Neben dem Handelskrieg verstärken auch die bevorstehenden Wahlen in den USA die geopolitischen Unsicherheiten.

Wir sehen jedoch mehr Chancen als Risiken, sind uns aber bewusst, dass wir wachsam sein müssen. Sollten sich Veränderungen der politischen Rahmenbedingungen nach unserer Einschätzung ungünstig auf unsere ausgewogene Multi-Asset-Strategie auswirken, werden wir mit dem Ziel des Kapitalerhalts eine Reduzierung unserer Aktienallokation und ein stärkeres Engagement in Anleihen in Erwägung ziehen. Das gilt auch für den Fall, dass die Volatilität zunimmt, denn die Dinge können sich schnell ändern. Bislang aber wächst die Wirtschaft, getragen von starken Verbraucherausgaben, und sind gute Erträge aus Aktien möglich.

CA: Diverse kleine Zinsschritte nach unten zeigen, dass die Zentralbanken offenbar ihre Anstrengungen forcieren, um die Folgen der durch jahrelangen Schuldenabbau verstärkten Konjunkturabkühlung abzufedern. Die politische Lage in Hongkong ist besorgniserregend, und wie der Konflikt ausgeht ist ungewiss. Wir sind für den Markt inzwischen jedoch zuversichtlicher, was neben der kompromissbereiteren Politik auch daran liegt, dass Anleger schon seit Längerem Qualitätswachstumsaktien den Vorzug geben.

Sehen Sie Raum für substanzielle Fortschritte in den Handelsgesprächen zwischen den USA und China?

CA: 2019 haben die Handelsspannungen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt für zahlreiche Turbulenzen an den Aktienmärkten gesorgt. Was als Handelskrieg begann, hat sich ausgeweitet: China und die USA kämpfen nun um die strategische Vorherrschaft in der Weltwirtschaft. Aber auch wenn ich hier etwas im Kaffeesatz lese, scheinen die jüngsten Wirtschaftsindikatoren doch ein gewisses Aufweichen harter Haltungen nahezulegen. Spürbar ist ferner der Wille zu einer Art Kompromiss, indem man pragmatisch vorgeht und kontroversere Themen auf das nächste Jahr verschiebt und sich zunächst den weniger schwierigen wie z.B. den offenen Fragen bei landwirtschaftlichen Produkten widmet. Unklar bleibt, wie und ob die USA die Unruhen in Hongkong für Nadelstiche gegen China nutzen werden.

MP: Die durch den Handelskrieg mit dem Reich der Mitte hervorgerufenen Unsicherheiten machen amerikanischen Unternehmen in vielerlei Hinsicht zu schaffen. Sie treiben die Produktionskosten nach oben und könnten die Schließung von Exportmärkten in China zur Folge haben, was gerade für Technologiefirmen ein Risiko darstellt. Die Hauptlast des Konflikts hat indes die Schwerindustrie zu tragen. Natürlich reagiert der Markt sehr empfindlich auf Anzeichen für Fort- oder Rückschritte bei den Handelsgesprächen. Die Lage ist ziemlich unübersichtlich, und der Markt steht Gewehr bei Fuß, um auf positive wie negative Nachrichten zu reagieren. Insgesamt aber zeigt er sich bislang erstaunlich unbeeindruckt, was nicht zuletzt dem von der US-Notenbank geschaffenen günstigen Zinsumfeld zu verdanken ist. Aktien profitieren daher von einem überaus positiven Risiko-Ertragsprofil verglichen mit Anleihen.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Trends an Ihrem Markt?

MP: Viele der weltweit größten Technologieunternehmen haben ihren Sitz in den Vereinigten Staaten, einem Land, das Wachstum und Innovationen rund um den Globus wie kaum ein anderes vorantreibt. Mit der fortschreitenden Digitalisierung der Wirtschaft, forciert durch technologische Innovationen, verändern sich Geschäftsmodelle in praktisch allen Bereichen. So wachsen die Ausgaben für eine Verlagerung in die Cloud weiter, während „Software als Dienstleistung“ (SaaS) und „Inhalt als Dienstleistung“ (CaaS) über Streaming-Dienste weiter Fahrt aufnehmen. Durch die weltweite Umstellung von Bar- auf Kartenzahlung gewinnt der elektronische Zahlungsverkehr ebenfalls rasant an Bedeutung. Zugleich macht die Disruption auch vor traditionellen Branchen nicht halt, in denen viele Unternehmen Technologie auf neue, innovative Art und Weise nutzen.

Zu den Dingen, die wir in den letzten Jahren gelernt haben, gehört die Erkenntnis, wie wichtig die Markenwahrnehmung bei Verbrauchern ist. Unternehmen mit starken Marken sind die wirklichen Gewinner. Ihnen baut die Technologie eine Brücke, über die sie ohne Umweg über den Einzelhandel direkt mit dem Konsumenten kommunizieren können. Anleger müssen ein Verständnis dafür entwickeln, was die Unternehmen tun, um sich diesem gewaltigen technologischen Wandel anzupassen. Denn die digitale Disruption wird die Fundamentaldaten der Unternehmen stärker bestimmen als jeder andere Faktor.

CA: Aus unserer Sicht werden sich durch viele der bekannten Themen Chancen für Anleger in zahlreichen Branchen in China eröffnen. Vor allem der Technologiesektor stellt mit leistungsstarken Online-Plattformen ganze Branchen auf den Kopf. Lokale Nachbarschaftsläden etwa können mit ihrer Hilfe ihr Bestandsmanagement mit Echtzeit-Einkaufsdaten abgleichen, um zu entscheiden, welche Produkte sie auf Lager haben sollten. China nutzt die Möglichkeiten des IoT wie kein anderes Land. Bei Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen helfen Daten über die Kundennutzung, die Herstellung der Produkte zu optimieren. Explosionsartiges Wachstum sehen wir auch in der Spieleindustrie. E-Sports locken heute Millionen Zuschauer an die Bildschirme und viele Millionen mehr ins Internet, um online zu spielen oder Inhalte zu ihren Lieblings-Gamern zu streamen. Weltweit spielen mehr als 2,5 Milliarden Menschen auf Online-Plattformen. Allein 2019 wird der Markt Schätzungen zufolge einen Produktumsatz von über 152 Milliarden US-Dollar generieren.

Chinas Bevölkerung altert rasant, was auch der unlängst gelockerten Ein-Kind-Politik zuzuschreiben ist. Die Folgen dieser Politik wie höhere Abhängigkeitsquoten, steigende Arbeitskosten und eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung stellen das Land vor große Herausforderungen. Sie schaffen aber auch Anlagechancen – allen voran bei Unternehmen in der Gesundheits- und Pharmabranche, aber auch bei Lebensversicherungen und anderen Finanzdienstleistern.

Unmittelbar sehen wir eine weitere interessante Entwicklung an den chinesischen Aktienmärkten: Relativ günstig bewertete zinssensitive und zyklischere Aktien reagieren mit Kursgewinnen auf die Aussicht weiterer geldpolitischer Lockerungen und wieder steigender Umfragen unter Einkaufsmanagern. Dagegen sind viele stark gefragte, weniger konjunkturempfindliche Wachstumsaktien und insbesondere solche, die an den A-Aktienmärkten gehandelt werden, nach einem langen, starken Aufwärtstrend nun ziemlich teuer. Deshalb könnte es schon bald zu einer starken Rotation am Markt kommen.