Paul O'Connor, Leiter des Multi-Asset-Teams in Großbritannien, erörtert das Verschwinden der Risikobereitschaft unter Anlegern angesichts der Ausbreitung des Corona-Virus. Dabei geht er auch auf die möglichen staatlichen Maßnahmen und die leisen Fortschritte bei der Eindämmung des Virus ein.

 

Zentrale Erkenntnisse

  • Die weltweit führenden Aktienmärkte erleben einige der massivsten Verkaufswellen in ihrer Geschichte. Dabei boten die Rentenmärkte beim jüngsten Ausverkauf wenig Zuflucht.
  • Der rasante Anstieg der Infektionsraten in den USA und Europa ist äußerst besorgniserregend. In China und Südkorea (sogar in Italien) verlangsamt sich der Anstieg der täglichen Neuinfektionen dagegen.
  • Aus der Vergangenheit wissen wir, dass Marktbereinigungen für langfristig orientierte Anleger häufig Anlagechancen zutage fördern, sobald die Finanzmärkte wieder Vertrauen fassen.

 

Der anfängliche Abbau von Risiken in Aktienportfolios aufgrund des Corona-Virus ist inzwischen zu einem breiten Ausverkauf über alle Anlageklassen hinweg mutiert. In den letzten drei Wochen war eine der rasantesten und düstersten Neubewertungen von Aktien-Fundamentaldaten zu beobachten, die es jemals gab. Der Zusammenbruch der globalen Aktienmärkte markiert den historisch steilsten Absturz von einem Markthoch in einen Bärenmarkt. Gestern verbuchte der Nasdaq-Composite-Index den schwärzesten Tag aller Zeiten. Der S&P 500 verzeichnete den größten Tagesverlust seit dem Crash von 1987. Viele Barometer für die Volatilität an den Aktienmärkten haben inzwischen die Marken der letzten globalen Finanzkrise überstiegen.

Schlimmste Woche aller Zeiten

Die Rentenmärkte boten in der letzten Phase des Ausverkaufs keine Zuflucht. Das Gros der Staatsanleihemärkte verzeichnete vergangene Woche Wertverluste und präsentierte somit nicht die üblichen Merkmale zur Risikoabsicherung. Lang laufende US-Anleihen haben soeben ihren historisch volatilsten 10-Tageszeitraum hinter sich. Ebenso turbulent war die Lage bei anderen bisher defensiven Vermögenswerten. Unternehmensanleihen der Kategorie Investment Grade verbuchten die schlechteste Woche in der 20-jährigen Geschichte der wichtigsten Indizes. Für Gold was es die schlechteste wöchentliche Performance seit 1983.

Anhang 1: Noch nie waren Langläufer so volatil

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Quelle: Bloomberg, Janus Henderson Investors, 3. März 2005 bis 13. März 2020. Abbildung der realisierten Standard-Volatilität über 10 Tage für US-Staatsanleihen mit 20 Jahren Laufzeit.

Der Ölschock von letzter Woche läutete eine gefährliche neue Phase des weltweiten Ausverkaufs ein. Davor hatten sich die Anleger weitgehend auf die Bewertung der Auswirkungen von COVID-19 auf das globale Wachstum konzentriert, mit Hauptaugenmerk auf Rohstoffen und Aktien. Der Ölpreisverfall schürte die Volatilität und Unsicherheit an den ohnehin instabilen Märkten und löste eine noch eiligere Reduzierung von Risiken auf noch breiterer Front aus. Als Anleger gleichzeitig nach denselben Ausstiegsmöglichkeiten suchten, schlug die Stimmung in Panik um. Das Resultat war eine Abwärtsspirale aus steigender Volatilität und hektischer Auflösung von Positionen bei den meisten wichtigen Anlageklassen.

Anhang 2: Schlimmste Woche für Investment-Grade-Anleihen

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Quelle: Bloomberg, Janus Henderson Investors, 19. Februar 1999 bis 13. März 2020, Unternehmensanleihen mit einem Rating von mindestens BBB.

Der Ausverkauf hat den Optimismus und die Risikobereitschaft in Bezug auf die meisten Anlageklassen vernichtet. Systematische Anleger wie Trend-Follower oder Risk-Parity-Strategien haben große Aktien- und Anleihe-Positionen aufgelöst. Betrachtet man das Anlegeruniversum insgesamt, befinden sich die meisten Kennzahlen für Konsenspositionierung und Stimmung inzwischen unweit der zuletzt während der globalen Finanzkrise 2008/09 erreichten Niveaus. Die meisten Positionierungs- und Stimmungsindikatoren befinden sich jetzt auf einem Niveau, ab dem sich Contrarian-Strategien in der Regel auszahlen.

Rezession inzwischen eingepreist

Das Ausmaß des Kursverfalls bei Aktien und der Spread-Weitung bei Unternehmensanleihen signalisiert, dass die Finanzmärkte inzwischen mehr oder weniger eine typische Rezession einpreisen. Dieser Übergang zu einer vorsichtigeren Bewertung von Vermögenswerten ist eine notwendige Voraussetzung für eine Bodenbildung bei riskanten Anlagen, reicht aber nicht aus. Denn es fehlt ein Beleg dafür, dass der Anstieg der weltweiten COVID-19-Infektionsraten seinen Höhepunkt erreicht hat und damit ein fundamentales Element für eine nachhaltige Erholung der Risikobereitschaft. Soweit sind wir offensichtlich noch nicht.

Das rasante Hochschnellen der täglichen Corona-Virus-Infektionsraten in den USA und in vielen wichtigen europäischen Ländern in den letzten Wochen ist beunruhigend. Neben den düsteren Schlagzeilen gibt es jedoch einige ermutigende Anzeichen, wie z. B. der verlangsamte Anstieg der Neuinfektionen in China und Südkorea. Selbst in Italien, wo das Gesundheitssystem am stärksten unter Druck geraten war, geht die Zahl der täglichen Neuinfektionen seit einem Monat zurück.  Dennoch werden jeden Tag rund fünfzehn Neuinfektionen registriert, was immer noch deutlich zu viel ist. Die Infektionsraten in vielen führenden Ländern beschleunigen sich weiter, sodass umfassendere Hinweise für eine Eindämmung erforderlich sind, um einige bedrohliche, aber plausible Szenarios um das Corona-Virus aus der Welt zu schaffen.

Zahlreiche Politiker rund um den Globus haben in den letzten Tagen selbstverständlich versucht, die finanziellen und wirtschaftlichen Spannungen im Zusammenhang mit den Disruptionen durch COVID-19 zu entschärfen. Bislang hat sich das kaum auf die Marktstimmung ausgewirkt. Der Sturz des S&P 500 um 12% einen Tag, nachdem die US-Notenbank ihre Zinsen auf null gesenkt hatte, sagt alles. Obwohl die Zentralbanken durchaus noch Handlungsmöglichkeiten haben, ist der Spielraum, der ihnen zur Ankurbelung der Marktstimmung bleibt, sicher geringer als bei früheren Verkaufswellen an den Märkten.

Keine bahnbrechenden Impulse

Wir teilen die Konsensmeinung, dass nun fiskalische Lösungen notwendig sind. In vielen Ländern wurde vor Kurzem eine Reihe von zielgerichteten Maßnahmen wie Kreditgarantien, Lohnsubventionen, Steuererleichterungen und Direktzahlungen an Haushalte angekündigt. Unter dem Strich waren die fiskalischen Auswirkungen dieser Initiativen bisher aber recht bescheiden. Solche Maßnahmen können bei der Bewältigung spezifischer Spannungen zwar nützlich sein. Es bedarf jedoch eines erheblich massiveren fiskalischen Impulses, damit die Verantwortlichen in der Politik die allgemeine Wirtschafts- und Marktstimmung spürbar beeinflussen können.

Solange es keine einschneidenden politischen Maßnahmen gibt, dürfte die Marktstimmung weiterhin von der Wahrnehmung der globalen Trends bei der Corona-Virus-Infektionsrate geprägt werden. Auch wenn noch viele beunruhigende Ergebnisse veröffentlicht werden könnten, ist zu beachten, dass unter Wissenschaftlern die Meinungen über den Ausgang der COVID-19-Pandemie weit auseinander gehen. Die Schlagzeilen werden unweigerlich weiterhin eine Fülle höchst dramatischer Meldungen über das Corona-Virus liefern. Daher ist es wichtig, die leisen positiven Fortschritte, die einige Länder bei der Eindämmung erzielen, im Auge zu behalten. Inzwischen ist so viel Pessimismus bei Vermögenswerten eingepreist, dass es sich unseres Erachtens in allen Corona-Virus-Szenarien außer dem ungünstigten auszahlen wird, sich langsam unter Ausnutzung von Kursschwächen wieder zu positionieren. Wir sind angesichts dieser Marktturbulenzen vorsichtig und orientieren uns an der Wahrscheinlichkeitstheorie, bleiben aber optimistisch.

Aus der Vergangenheit wissen wir, dass Bereinigungen von gehebelten Positionen an den Finanzmärkten oft attraktive Chancen für Anleger mit längerfristigem Zeithorizont bescheren. Wir möchten darauf hinweisen, dass die bisherigen Marktbewegungen in diesem Jahr die Gewichtung in einem repräsentativen Portfolio aus 60% Aktien und 40% Anleihen eher in Richtung eines Verhältnisse 52% zu 48% verschoben hätten. Sobald das Vertrauen an die Finanzmärkte zurückkehrt, werden Anleger beträchtliche Umschichtungen vornehmen müssen.