Nick Maroutsos, Co-Head of Global Bonds, erläutert die Reaktion der Märkte auf die Ausbreitung des Coronavirus und warum die US-Notenbank (Fed) letztlich die Zinsen senken muss, um die Folgen der Epidemie abzumildern.

Zentrale Erkenntnisse

  • Den Ausverkauf an den Märkten in dieser Woche (24. Februar) führten vor allem Anleger herbei, die die Unterbrechung der Lieferketten, Gewinneinbußen und ein langsameres Wirtschaftswachstum als Folge des sich ausbreitenden Coronavirus eingepreist haben.
  • Wie bei ähnlichen Verkaufswellen bei Risikoanlagen in den letzten Jahren wird die Fed wohl auch dieses Mal die Zinsen senken, um die Finanzmärkte zu stützen.
  • Ist das neuartige Lungenvirus eingedämmt, sollten eine lockerere Geldpolitik und die niedrige Inflation dem Wirtschaftswachstum und riskanteren Anlagen Auftrieb geben. Bis dahin rechnen wir jedoch mit weiteren Schwankungen.

Nach Wochen, in denen sie erfolgreich Befürchtungen rund um den COVID-19-Ausbruch abgewehrt hatten, gaben die Finanzmärkte an den letzten beiden Handelstagen dem Druck nach. Die Aktienkurse rauschten in die Tiefe, und die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen, die als sicherer Hafen gelten, markierten Rekordtiefs. Die Kursbewegungen an den Märkten in dieser Woche betrachten wir als eine rationale - wenn auch dramatische - Reaktion auf die Unsicherheiten rund um die Frage, welche Folgen das Virus für die Menschen und die Wirtschaft hat.

In Südkorea, dem Nahen Osten und in der Industrieregion in Norditalien hat sich der Lungenerreger festgesetzt und breitet sich schneller aus, als viele noch vor wenigen Wochen erwartet hatten. Unsere Sorge gilt vor allem den Infizierten, und wir hoffen, dass ein weltweit koordiniertes Vorgehen sowie der bevorstehende wärmere Frühling den Ausbruch in Schach halten werden.

Unterdessen haben wir jedoch einen Punkt erreicht, an dem die Folgen für die Realwirtschaft immer deutlicher zutage treten. Lieferketten sind unterbrochen, erste Unternehmen geben Gewinnwarnungen heraus, und Volkswirte korrigieren ihre Wachstumsprognosen für bestimmte Regionen nach unten. Vor allem für jene, die enge Verbindung zu China, der Werkbank der Welt, haben. Angst hat bei den Reaktionen an den Märkten in dieser Woche sicher eine Rolle gespielt. Beschleunigt hat die Talfahrt aus unserer Sicht aber auch, dass Anleger nun die realen Folgen der Coronavirus-Krise für Unternehmen und Wirtschaft einpreisen.

Zusätzliche Zinslockerungen auf dem Weg

Beherrscht wurden die Schlagzeilen vom Ausverkauf an den Aktienmärkten. Was unsere Aufmerksamkeit indes am meisten erregt hat, ist der kräftige Rückgang der Renditen von US-Staatsanleihen. Ein Großteil davon ist angesichts der Verunsicherung an den Märkten Anlegern zuzuschreiben, die sich in sichere Häfen flüchteten. Eine Rolle dürfte aber auch gespielt haben, dass immer mehr Marktteilnehmer davon ausgehen, dass die Epidemie – und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen – die Fed im Jahresverlauf zu Zinssenkungen zwingen wird. Im Dezember wurde am Terminmarkt noch nicht mal eine Zinssenkung in diesem Jahr eingepreist. Das hat sich inzwischen deutlich geändert – auf nunmehr mindestens zwei Zinsschritte nach unten. Eine Zinslockerung schon im März halten wir zwar für eher unwahrscheinlich, die Sitzungen im April oder Juni kämen dafür aber durchaus infrage.

Was die Terminmärkte nahelegen

An den Futures-Märkten werden aktuell mindestens zwei Zinssenkungen der amerikanischen Zentralbank in diesem Jahr nach nicht einmal einer noch im Dezember eingepreist.

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Quelle: Bloomberg, Stand: 26. Februar 2020. Die Daten repräsentieren die Erwartungen zum Tagesgeldsatz der Fed bei ihren Sitzungen in diesem Jahr.

Sollte die Fed so reagieren, wie von uns erwartet, würde das den seit der globalen Finanzkrise geltenden Politikrahmen, den sogenannten „Fed-Put“, verstärken, wonach die Notenbank die Märkte nach Schwächephasen mithilfe ihrer Zinspolitik stützt. Auch wenn dies nicht Teil ihres Doppelmandats ist: Unter ihren letzten drei Präsidenten hat die Fed ihre Bereitschaft zur Unterstützung der Finanzmärkte immer wieder unter Beweis gestellt. Wir bezweifeln, dass den Währungshütern wohl dabei ist. Aber sie selbst haben diese Erwartungshaltung genährt, indem sie auf nahezu jeden Kurssturz mit einer weiteren Lockerung der Zinsen reagiert haben.

Renditen mit Schwindsucht

Mit China als Epizentrum geht vom Coronavirus-Ausbruch sowohl ein Angebots- wie auch ein Nachfrageschock für ganz Asien aus. Im Rest der Welt ist der nachlassende Handel vor allem ein Problem des fehlenden Angebots.

Unglücklicherweise zielen die Maßnahmen der Geldpolitik wie Zinssenkungen darauf ab, die Nachfrage anzukurbeln. Bei angebotsseitigen Problemen erweisen sie sich jedoch als stumpfes Schwert. Erschwerend kommt hinzu, dass nach jeder Zinslockerung seit der Finanzkrise die Renditen weiter abgeschmolzen sind. Da die Zinsen bereits niedrig sind und die Hauptsorge dem Angebot gilt, haben wir Zweifel, ob eine noch entgegenkommendere Geldpolitik den Konjunkturmotor tatsächlich in Schwung bringt.

Zudem verfügen andere Zentralbanken der Industrieländer über noch weniger trockenes Pulver als die Fed. Die derart verminderten Renditen haben daher aus unserer Sicht einen Zyklus der fortgesetzten Akkommodierung in Gang gesetzt, der unfähig ist, ein über dem Trend liegendes Wirtschaftswachstum zu erzeugen.

Wie wir mit Unsicherheit umgehen

Es wird Monate dauern, bis sich die Folgen des Coronavirus für die Wirtschaft genau beziffern lassen. In dieser Phase der Unsicherheit rechnen wir auch weiter mit erhöhten Schwankungen an den Märkten. Als Anleger suchen wir bevorzugt Schutz in bonitätsstärkeren Vermögenswerten, zu denen Staatsanleihen aus den USA, aus Deutschland und Australien und weniger die aus anderen entwickelten Peripherieländern gehören.

Früher oder später wird auch diese Krise vorübergehen. In Anbetracht der unsicheren Gemengelage wird die Erholung aus unserer Sicht zunächst etwas gedämpft ausfallen. Schließlich aber werden sich die Lieferketten wieder füllen und der Nachholbedarf die Nachfrage anheizen. Abgesehen von den besonders vom neuartigen Lungenvirus betroffenen Regionen erscheint die Weltwirtschaft in guter Verfassung.

Das von uns für 2020 erwartete Konjunkturumfeld sollte riskanteren Anlagen zugutekommen. Wir erwarten zwar keine ähnlichen Renditen wie 2019. Aber eine noch entgegenkommendere Geldpolitik und die anhaltende Mini-Inflation dürften günstige Rahmenbedingungen für Unternehmensanleihen und Aktien schaffen. Erstere sind zwar bereits hoch bewertet, sie locken aber mit attraktiven Ertragsströmen. Und beim Renditerückgang von Staatsanleihen ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht, sollten die Zinsen tatsächlich gesenkt werden.