Der lange erwartete Plan der Biden Administration zur Reform der Arzneimittelpreisfestsetzung umfasst Vorschläge, die die Bereitschaft der Privatwirtschaft mindern könnten, in die künftige Forschung zu investieren. Nach Ansicht von Portfoliomanager Andy Acker und Researchanalyst Luyi Guo sollten Anleger vorläufig nicht mit Ergebnissen rechnen.

  Zentrale Erkenntnisse

  • Der Fahrplan der Biden-Administration für die Reform der Arzneimittelpreisfestsetzung umfasst einen Vorschlag, nach dem Medicare erlaubt werden soll, die Arzneimittelpreise mit Herstellern auszuhandeln und somit eine Art Preiskontrolle auszuüben.
  • Preiskontrollen sind umstritten, da sie die Privatwirtschaft davon abhalten können, in Forschung zu investieren, was einige Akteure der Gesetzgebung, auch die Demokraten, beunruhigt.
  • Unseres Erachtens sind Erwartungen, dass die Gesetzgebung in diesem Monat soweit sein wird, unrealistisch und andere Vorschläge könnten bessere Chance auf eine breite Unterstützung haben, wie z.B. Arzneimittel für Patienten billiger zu machen.

Die Biden-Administration hat die ersten Entwürfe ihres mit Spannung erwarteten Plans für die Reform der Arzneimittelpreisfestsetzung in den USA enthüllt. Teile des Plans könnten in dem ehrgeizigen Investitionspaket über USD 3,5 Mrd. untergebracht werden, das gegenwärtig vom Kongress diskutiert wird, mit dem Ziel, die Kosteneinsparungen bei den Arzneimitteln zur Finanzierung der neuen Maßnahmen zu verwenden. Der Plan umfasst Vorschläge, die künftige Innovationen bei Arzneimitteln gefährden könnten und zu einer Unsicherheit in dem Sektor führen. Investoren sollten an diese Aufgabe, die eine Sisyphusaufgabe1 sein könnte, mit Besonnenheit herangehen.

Was wird eigentlich vorgeschlagen

Eine der einschneidendsten Änderungen des Biden-Plans ist der Vorschlag, dass Medicare (die öffentliche Krankenversicherung für Ältere) den Preis verschreibungspflichtiger Arzneimittel mit den Herstellern aushandelt und diese Preise auch für private Versicherungen (wie die von Arbeitnehmern angebotenen Versicherungen) gelten sollen. Der Plan befürwortet auch die Begrenzung der Anhebung von Arzneimittelpreisen.

Zu den übrigen wichtigen Maßnahmen gehören:

  • Förderung des Wettbewerbs durch Erhöhung der Preistransparenz und durch eine schnelle Markteinführung von Biosimilars und Generika. Beispielsweise würde verboten, dass Arzneimittelhersteller sogenannte Pay-for-Delay-Vereinbarungen abschließen, die die Einführung von Generika verzögern können.
  • Deckelung desaströser Ausgaben in Medicare Teil D, um die Zuzahlungen für die Versicherten zu begrenzen. (Teil D beschreibt die allgemeine Deckung für verschreibungspflichtige Arzneimittel von Medicare.)
  • Die Schaffung einer neuen Behörde innerhalb des National Institutes of Health, die in biomedizinische Spitzenforschung investieren soll.
  • Einführung von Testmodellen im Programm Teil B von Medicare, die die Zahlung für ein Medikament von dessen klinischen Nutzen abhängig machen. (Teil B behandelt Arzneimittel, die in einer klinischen Umgebung verabreicht werden, wie z.B. die intravenöse Gabe von Medikamenten.)

Was unseres Erachtens wahrscheinlich ist

Einige Vorschläge des Biden-Plans – insbesondere Preiskontrollen – müssen noch die Hürden der Gesetzgebung überwinden. Die Demokraten haben zwar eine Mehrheit im Kongress, die jedoch nur dünn ist und der es an Konsens mangelt.

In diesem Jahr verabschiedete beispielsweise das Repräsentantenhaus H.R.3, einen Gesetzentwurf, der ebenfalls die Preisverhandlung von Arzneimitteln bei Medicare ansiedelt. Einige Demokraten äußerten jedoch Bedenken, der Entwurf würde nicht von beiden Parteien unterstützt werden. Inzwischen arbeitet der Demokrat Ron Wyden (Vorsitzender des mächtigen Senate Finance Committee) an einer Gesetzgebung, die einen Mittelweg sucht zwischen H.R.3 und einem gemäßigteren Gesetzentwurf des Senate Finance Committee von 2019, der von beiden Parteien unterstützt wurde.

Das heißt, der Weg ist noch lang, bis sich die Akteure der Gesetzgebung über die Bedingungen der Reform einig sind. Zwischenzeitlich wird erwartet, dass die Mitglieder des Repräsentantenhauses die Korrekturen an dem 3,5-Billionen-Dollar-Paket bis Mitte September abgeschlossen haben und am 27. September über ein 1-Billionen-Dollar-Infrastrukturpaket abstimmen, was wenige Zeit lässt, einen Mittelweg zu finden. Gleichzeitig verstärkt die Pharmaindustrie ihre Lobbyarbeit gegen Preiskontrollen und verweist auf einen Bericht des Congressional Budget Office, dass H.R.3 die Privatwirtschaft von Investitionen in die Arzneimittelentwicklung abschrecken könnte. Dies könnte in den nächsten Jahrzehnten dazu führen, dass 60 Arzneimittel weniger auf den Markt kommen.

US Capitol

Fazit für Anleger im Gesundheitsbereich

Wir können nur sagen, dass die Änderungen, wenn sie denn kommen, wahrscheinlich länger als erwartet dauern und gegenüber den aktuellen Vorschlägen verwässert sein werden. Wir glauben, dass ausreichend Stimmen gewonnen werden können. Die Akteure der Gesetzgebung müssen vielleicht kontroversere Aspekte aufgeben (z.B. Preiskontrollen) und sich stattdessen auf Maßnahmen konzentrieren, die auf eine breitere Zustimmung stoßen, wie die Senkung der Zuzahlungskosten für Patienten.

Unseres Erachtens ist die Erschwinglichkeit der springende Punkt bei der Preisfestsetzung von Arzneimitteln. Gegenwärtig profitieren die Patienten nicht von eventuellen Nachlässen der Hersteller gegenüber der Pharmaindustrie. Diese kommen den Managern und anderen Akteuren des US-Gesundheitssystems zugute. Die Zahlung der Medicare-Versicherten und der Unversicherten basiert auf dem vollen Listenpreis eines Arzneimittels, während die Vergütung der Hersteller auf einem rabattierten Preis basiert. Diese Differenz führt zu einer unnötigen Marktverzerrung, ist für die Verbraucher und den Staat teuer und muss zu Recht korrigiert werden.

Es steht zu hoffen, dass neue politische Maßnahmen die Privatwirtschaft nicht abschrecken, in innovative medizinische Forschung zu investieren, was eine staatliche Preisfestsetzung zur Folge hätte. Aber auch dann würde die eigentliche Wirkung davon abhängen, wie ein „fairer“ Preis gebildet wird. Die Arzneimittelentwicklung ist äußerst riskant und teuer. In der Forschung kommen 90 % der Präparate nicht über das Stadium der klinischen Versuche hinaus und die Entwicklungskosten betragen im Mittel rund 1 Mrd. USD.2 Die bei den COVID-19-Impfstoffen verwendete mRNA-Technologie beispielsweise wurde über Jahrzehnte von Unternehmen entwickelt, die lange, bevor das Coronavirus auftauchte, daran arbeiteten, Impfstoffe auf der Basis von mRNA herzustellen. Der Vorschlag der Biden-Administration, mehr Gelder für die medizinische Spitzenforschung bereitzustellen, erkennt, wie wichtig die Arzneimittelentwicklung ist, und dass die Herstellung von Arzneimitteln, die eine bessere Behandlung von Patienten gewährleisten, honoriert werden muss.

In der Zwischenzeit könnte die Debatte über die Arzneimittelpreise zu einer kurzfristigen Volatilität bei Biopharma-Aktien führen. Wie immer empfehlen wir Anlegern, langfristig zu denken. Politik ist nie so geradlinig, wie es den Anschein hat. Überhöhte Arzneimittelpreise waren selten ein nachhaltiger Weg zu Wachstum. (Man denke nur an den Rückschlag, den Biogen erfahren musste, als es sein umstrittenes Medikament gegen Alzheimer auf USD 56.000 pro Jahr festsetzte.) Unserer Meinung nach werden die Demokraten nicht beschuldigt werden wollen, den medizinischen Fortschritt zu behindern, vor allem nach der erfolgreichen Antwort der US-Biopharmazie auf die Pandemie und angesichts des zunehmenden Wettbewerbs aus China. Schließlich kann sich die Unsicherheit darüber, was kommen mag, als schlimmer erweisen als das, was tatsächlich kommt. Anleger profitieren vielleicht am meisten, wenn sie sich weiterhin auf wahrscheinlichere Leistungen konzentrieren – wie auf diese wirklich wichtigen medizinischen Erfolge.

1Eine vergebliche Arbeit, in Anlehnung an die Geschichte von Sisyphos, einer Figur der griechischen Mythologie, der dazu verurteilt worden war, einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, der kurz vor dem Gipfel jedes Mal wieder ins Tal rollt.

2“Estimated Research and Development Investment Needed to Bring a New Medicine to Market, 2009-2018,” Jama Open Network. 3. März 2020