Der Manager von Technologieaktienportfolios Denny Fish erläutert, warum die Technologieunternehmen von heute – solange Daten und Netze eine harte Währung sind – weniger mit einem Dilemma konfrontiert sein werden, als die Generation von Titanen, die sie verdrängt haben.

Zentrale Erkenntnisse:

  • In der Vergangenheit waren einst innovative Unternehmen mit einem Dilemma konfrontiert als sie wuchsen. Denn durch die erheblichen Kapitalinvestitionen, die erforderlich waren, um das zu schützen, was zum Status Quo geworden war, stand ihnen weniger Geld für Forschung und Entwicklung (FuE) zur Verfügung, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
  • Heute ist diese Theorie auf den Kopf gestellt, da die langfristigen Themen, die den Technologiesektor vorangebracht haben, nun die Positionen führender Unternehmen stärken könnten, statt letztendlich zu ihrem Untergang beizutragen.
  • Aus unserer Sicht könnte das Erreichen des Mega-Cap-Status einiger Technologieunternehmen jetzt ihre Fähigkeit stärken, mit immer größer werdenden Netzen und großzügigen Cashflows zur Finanzierung von FuE Innovation zu betreiben.

Viele Anleger sind vorgewarnt worden, dass die teuersten Worte im Deutschen lauten: „Dieses Mal ist es anders“. Doch im Hinblick auf die Herausforderungen, mit denen große Unternehmen im Buch „The Innovator‘s Dilemma“ von Clayton Christensen konfrontiert sind, könnte es dieses Mal tatsächlich anders sein. Vor über 20 Jahren beschrieb Harvard-Professor Christensen das Dilemma, dem einst innovative Unternehmen ausgesetzt waren, wenn sie größer wurden. Die Rauflustigkeit und das Out-of-the-Box-Denken, die sie einst ausmachten, sind der Notwendigkeit gewichen, das zu schützen, was zum Status Quo geworden ist, das heißt, immer mehr in das Geschäft zu reinvestieren und immer mehr Kunden zu bedienen. Das erfordert in der Regel erhebliche Kapitalinvestitionen, die wiederum weniger Geld übrig lassen, das für Forschung und Entwicklung (FuE) verwendet werden kann, die man braucht, um dem Wettbewerb auf einem dynamischen Markt weiterhin einen Schritt voraus zu sein.

Seit ihrer Veröffentlichung diente die Theorie von Clayton Christensen als Warnung für wachstumsorientierte Anleger in alle Sektoren, unter anderem auch – und vielleicht ganz besonders – im Technologiesektor. Mit Blick in die Zukunft sind wir jedoch der Auffassung, dass die langfristigen von Innovation getragenen Themen, die den Technologiesektor in den vergangenen Jahren vorangebracht haben, in Wirklichkeit die Positionen führender Unternehmen stärken könnten, statt letztendlich zu ihrem Untergang beizutragen. Was aus unserer Sicht dieses Mal anders ist, ist wie die sich ergänzenden Kräfte von Cloud, künstlicher Intelligenz (KI) und Internet der Dinge (IoT) Marktführer in die Lage versetzt haben, von mächtigen Vernetzungseffekten angetriebene Schwungräder zu nutzen, um Möchtegern-Wettbewerber bei Innovation auch weiterhin zu übertreffen.

Dem Abfalleimer entgehen

Die vielleicht elementarste Kraft einer wettbewerbsorientierten Wirtschaft ist die ständige Forderung, den Bedarf von Kunden schneller, besser und oft auch billiger zu decken als irgendein anderer. Die Geschichte der Geschäftswelt ist voll mit Beispielen von einst mächtigen Unternehmen, denen es nicht gelungen ist, diese Herausforderung zu meistern. Ehemals führende Unternehmen in allen Sektoren fielen schneller wachsenden Konkurrenten zum Opfer, die mit neuartigen Produkten und effizienteren Geschäftsmodellen aufwarteten. Und da sich der Rhythmus der Innovation im Laufe der Jahrzehnte beschleunigt hat, ist die Gefahr von Disruption nur noch größer geworden. Der Verlust der Marktstellung ist oft nicht einem strategischen Versehen geschuldet, sondern der Unfähigkeit, ein bestehendes, großes Geschäftsmodell zu erhalten und gleichzeitig Kapital für die Suche nach der nächsten Generation von Produkten und Dienstleistungen aufzuwenden.

Während Technologie in allen Sektoren Disruption gefördert hat, hat sie auch ihren Anteil an gefallenen Riesen. Großrechner sind Servern und PCs vor Ort gewichen, die in jüngster Zeit von der Cloud und Mobile Computing verdrängt wurden. Ebenso haben Anwendungen nach dem Konzept Software as a Service (SaaS) erhebliche Marktanteile von etablierten Softwareanbietern gewonnen, die die Bedrohung durch updatefähige, mit Abonnements arbeitende Wettbewerber nicht erkannt haben.

Beherrschende Stellungen

Dieser Prozess wird sich zweifellos fortsetzen, aber für bestimmte Technologieunternehmen könnte das Erreichen des Mega-Cap-Status aus unserer Sicht jetzt ihre Fähigkeit stärken, Innovation zu betreiben, statt ihnen die Hände zu binden. Die beiden mächtigen Tools, die ihnen zur Verfügung stehen, sind sich weiter mehr ausweitende Netze und großzügige Cashflows.

Wir glauben, dass die Themen Cloud, KI und IoT bei Daten zusammenfließen. Geschäftliche Entscheidungen können wesentlich fundierter getroffen werden, wenn Managern große Datenmengen zur Verfügung stehen. Wer die meisten Daten erheben kann, die oft aus dem IoT stammen, und sie mit der massiven in der Cloud verfügbaren Rechenleistung unter zunehmenden Einsatz von KI sinnvoll nutzen kann, wird sich in der beneidenswerten Lage befinden, Kunden auf effizientere Weise Wert bieten zu können und gleichzeitig die eigene operative Tätigkeit zu optimieren.

Die bemerkenswertesten Beispiele für diese Entwicklung sind die großen Internet-Plattformen, die eine beherrschende Stellung bei digitaler Werbung und E-Commerce haben. Die Fähigkeit dieser Plattformen beim Sammeln und Analysieren von Daten wird durch mächtige Vernetzungseffekte noch gestärkt, die zusätzliche Nutzer einbringen und damit das Wertangebot der Ökosysteme dieser Plattformen noch weiter festigen.

Die Hyperscaler

Der andere Faktor, der sich zugunsten von führenden Technologieunternehmen beim Betreiben von Innovation auswirkt, sind volle Kriegskassen. Innovation ist ein teures Unterfangen mit vielem Versuchen und Misslingen, bei dem wenige Erfolge die Zeche für zahlreiche Fehlschläge zahlen müssen. Wenn man erheblichen Cashflow aufwenden muss, um ein bestehendes Geschäftsmodell zu erhalten, bleibt weniger Geld zur Finanzierung von FuE. Doch zum Teil aufgrund ihrer starken Vernetzungseffekte waren große Internet-Plattformen und andere Technologieführer in der Lage, in einem Ausmaß Cashflow zu generieren, dass nicht nur ihre Pendants im Technologiesektor, sondern auch viele andere Large-Cap-Unternehmen niemals erreichen konnten.

Eine Untergruppe dieses Sektors bezeichnet man mittlerweile als die „Hyperscaler“. Diese Gruppe von Unternehmen steht für einen überproportionalen Betrag an Investitionsausgaben im Unternehmenssektor. Ein großer Teil dieser Investitionen fließt in Server, die die Cloud ermöglichen, und in Geräte, die das IoT antreiben. Die hieraus resultierenden datenbasierten Lösungen erhöhen das Wertangebot dieser Unternehmen für Kunden noch weiter und festigen damit die Stellung ihrer Plattformen und Netze noch stärker.

Gut aufgestellt, aber nicht sorgenfrei

Die Mega-Cap-Internet-Plattformen von heute befinden sich in starken Positionen. Doch trotz ihrer Größe und ihrer beeindruckenden jüngsten Geschichte könnten sie immer noch in der Lage sein, höhere Wachstumsraten zu verzeichnen als kleinere Mitbewerber mit weniger expansiven Netzen und einer schwächeren Fähigkeit, neue Initiativen zu finanzieren. Das bedeutet nicht, dass diese Technologieführer nicht auch mit Risiken konfrontiert wären. Sie sind fest im Blick von Aufsichtsbehörden, die sich Sorgen über ihre Größe, ihre Macht und die Privatsphäre ihrer Kunden machen. Zudem erkennen Marktführer – wie die Vergangenheit gezeigt hat – oft mögliche Bedrohungen nicht, bevor es zu spät ist. Doch solange Daten und Netze eine harte Währung bleiben, könnten die führenden Technologieunternehmen von heute weniger mit einem Dilemma konfrontiert sein, als die Generation von Titanen, die sie verdrängt haben.

Glossar

Saas: Mit Software as a Service können Benutzer sich über das Internet mit Apps in der Cloud verbinden und sie nutzen.

IoT: Internet der Dinge, ein Netz von miteinander verbundenen Objekten, die Daten erheben und austauschen können.