Paul O'Connor, Leiter des britischen Multi-Asset-Teams, befasst sich mit den möglichen Auswirkungen auf das globale Wirtschaftswachstum, denn die Sorge wegen der Verbreitung des COVID-19-Virus außerhalb Chinas wächst.

Zentrale Erkenntnisse:

  • In China verlangsamt sich der Anstieg der offiziell bestätigten Infiziertenzahlen. Damit richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf die jüngsten Ausbrüche in anderen Ländern, die die Sorge schüren, das Coronavirus könnte sich auch in anderen Regionen festsetzen.
  • Das Gros der Marktteilnehmer erwartet eine V-förmige Erholung des globalen Wachstums und geht dabei von einer relativ schnellen Eindämmung des Virus aus. Da der Lungenerreger nicht an Ländergrenzen halt macht, wird dieses relativ günstige Szenario zunehmend infrage gestellt.
  • Angesichts der um sich greifenden Unsicherheit scheint es sinnvoll, den Schwerpunkt auf Kapitalerhalt und defensive Strategien zu legen, bis sich der Nebel lichtet und die Lage klarer wird.

Märkte befürchten eine globale Pandemie

Es erscheint etwas paradox, dass die Panik unter Anlegern wegen des COVID-19-Virus ausgerechnet zu einem Zeitpunkt um sich greift, an dem der Anstieg der bestätigten Krankheitsfälle auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Virus-Epidemie gefallen ist (siehe Grafik 1). Tatsächlich übertrafen in der vergangenen Woche die täglichen Genesungsraten die Zahl der Neuinfektionen, sodass die aktiven Fälle weltweit an acht aufeinander folgenden Tagen rückläufig waren.

Grafik 1: COVID-19-Fälle weltweit

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Quelle: www.worldmeter.info, Stand: 25. Februar 2020.

Da 96% der bestätigten Fälle in China aufgetreten sind, erklären die Entwicklungen dort die meisten dieser jüngsten Trends. Die in der Provinz Hubei getroffenen massiven Eindämmungsmaßnahmen scheinen eine großflächige Ausbreitung im Reich der Mitte bisher recht wirksam verhindert zu haben. So hat sich die Zahl der im restlichen China bestätigten Fälle in der letzten Woche nahezu stabilisiert und ist um weniger als ein Prozent pro Tag gestiegen. Die aktuellen Trends sind zweifellos ermutigend. Allerdings steht zu befürchten, dass mit den schätzungsweise 180 Millionen Wanderarbeitern, die im Februar und März an ihre Arbeitsplätze zurückkehren, die Zahl der Infizierten im Riesenreich wieder hochschnellt.

Coronavirus erreicht globale Dimension

Während die Sorge über die Ausbreitung des Virus in China in den letzten Wochen nachgelassen hat, verlagert sich die Angst auf andere Regionen angesichts hochschnellender Fallzahlen in anderen Ländern, allen voran in Italien, Iran und Südkorea. Befürchtet wird, dass das an mehreren Fronten in anderen Teilen der Welt ausgebrochene Lungenvirus nun eine solche Dynamik entwickelt, das sich die Epidemie zu einer globalen Pandemie auswächst. Da die Zahl der Fälle außerhalb Chinas und auf Kreuzfahrtschiffen mit etwas mehr als 2.200 weltweit relativ gering ist, mögen solche Befürchtungen übertrieben erscheinen. Beunruhigend ist jedoch, dass sich die neueren Ausbrüche rasant entwickelt haben (siehe Grafik 2) und in einigen Fällen bereits die Saat für neue Infektionswellen in anderen Ländern gelegt haben. Hinzu kommt, dass einige der aggressiven Maßnahmen, die China zur Eindämmung der Epidemie ergriffen hat, in anderen Ländern wohl kaum umsetzbar sind. Daher könnten sich die dortigen Bemühungen im Kampf gegen eine weitere Ausbreitung als weniger wirksam erweisen als im Reich der Mitte.

Grafik 2: COVID-19-Infektionen außerhalb Chinas

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Quelle: www.worldmeter.info, Stand: 25. Februar 2020.

Grund zur Sorge gibt auch, dass das Virus besonders schnell in Ländern um sich greifen könnte, die nur über begrenzte Ressourcen im Gesundheitswesen, kaum Möglichkeiten zur Durchführung von Virustests und ein nur unzureichendes Krankheitsmanagement verfügen. Ein Beispiel ist der Iran, auf den offenbar zumindest einige dieser Merkmale zutreffen und wo zuletzt die Zahl der Infizierten stark gestiegen ist. Die iranischen Behörden scheinen nur langsam auf den Ausbruch zu reagieren, und aus medizinischen Kreisen wurden Bedenken hinsichtlich der Verfügbarkeit geeigneter medizinischer Ausrüstung laut. In den letzten Tagen haben Kuwait, Bahrain, Oman und der Irak neue Fälle von Virusinfektionen gemeldet. Darunter sind auch Menschen, die kürzlich im Iran waren. Da man vielerorts Zweifel am angemessenen Umgang des Mullah-Regimes mit der Ansteckungsgefahr hat, haben einige Nachbarländer ihre Grenze zum Iran geschlossen, den Flugverkehr mit dem Land eingestellt und Handelsbeschränkungen verhängt.

V-förmige Erholung keine ausgemachte Sache

Da sich die Lage weltweit täglich ändert, sind aussagekräftige Schätzungen zu den möglichen Auswirkungen des Coronavirus auf die Weltwirtschaft derzeit unmöglich. Als die Viruserkrankung weitgehend auf China beschränkt schien, rechnete der Konsens mit einer V-förmigen Erholung des globalen Wachstums. Dem lag die Erwartung einer relativ schnellen Eindämmung des Virus und einer energischen Reaktion der Politik zugrunde. Mit der zunehmenden Ausbreitung des Lungenerregers wird dieses relativ günstige Szenario immer fraglicher, da nicht nur die Wirksamkeit der Gegenmaßnahmen ungewiss ist, sondern auch der Umfang der in den meisten Ländern außerhalb Chinas erwarteten politischen Reaktionen.

Die Angst der Anleger vor den wirtschaftlichen Folgen von COVID-19 wird wohl weiterhin eng mit der geografischen Verbreitung des Virus verbunden sein. Breitet sich das Virus zusehends weltweit aus, werden die  Marktteilnehmer ihre Erwartung einer V-förmigen Erholung überdenken und wohl eher mit einem massiveren und länger anhaltenden Rückschlag für die Weltwirtschaft rechnen. Noch letzte Woche deuteten viele Barometer zur Anlegerpositionierung und -stimmung auf eine weit verbreitete Sorglosigkeit hin. Deshalb fällt es schwer zu glauben, dass die Finanzmärkte inzwischen umfassend auf ein gedrosseltes Wachstum und sinkende Unternehmensgewinne vorbereitet sind, die mit einem solchen Szenario einhergehen könnten. In Anbetracht der jüngsten Trends und allgemeinen Unsicherheit über die weitere Ausbreitung des Virus erscheint es uns richtig, den Schwerpunkt auf den Kapitalerhalt und auf defensive Strategien zu legen. Zumindest solange, bis wir klarer sehen oder die Kurse soweit nachgegeben haben, dass sich uns wieder bessere Risiko-/Renditemöglichkeiten bieten. Das könnte jedoch noch einige Zeit dauern. Bis dahin halten wir uns an das Motto: Bereite dich auf das Schlimmste vor und hoffe das Beste.