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Bewertung der Auswirkungen des Russland/Ukraine-Konflikts auf die Märkte: eine Multi-Asset-Betrachtung

Paul O’Connor

Paul O’Connor

Head of Multi-Asset | Portfoliomanager


25 Feb 2022

Paul O’Connor, Leiter des Multi-Asset-Teams in Großbritannien, befasst sich mit den ersten Reaktionen des Marktes auf die Ereignisse in Osteuropa.

Zentrale Erkenntnisse

  • Wie wir gestern (24. Februar) in den ersten Stunden des europäischen Handels beobachten konnten, reagierten die Anleger auf die Nachricht von russischen Kriegshandlungen zunächst mit einer Verringerung des Risikos, da sich die Aussichten für die Weltwirtschaft und die geopolitische Lage verschlechterten.
  • Der Stimmungsumschwung war jedoch beachtlich. Als der US-Handel einsetzte, hatte sich das psychologische Verhaltensmuster von der anfänglichen Panikverkaufswelle hin zur Suche nach Fehlbewertungen gewandelt.
  • Bleibt der militärische Konflikt lokal begrenzt, dürften die globalen wirtschaftlichen Auswirkungen vor allem vom Ausmaß und der Dauer des Preisanstiegs bei Rohstoffen abhängen und durch etwaige negative Auswirkungen auf das Vertrauen der Unternehmen und Verbraucher verstärkt werden.

Wir betrachten diese Situation mit Zurückhaltung, da es keinen eindeutigen Präzedenzfall für diese Art von versuchtem Regimewechsel gibt, der jetzt in der Ukraine im Gange zu sein scheint. Wir werden Zeuge von folgenschweren Ereignissen, die sich in Europa abspielen, und wir sind uns der potenziell destabilisierenden politischen Folgen über die Ukraine hinaus bewusst.

Die russische Invasion wirft Fragen im Hinblick auf die gesamte Integrität der globalen diplomatischen Sicherheitsarchitektur der Nachkriegszeit auf. Die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen werden einen grundlegenden Wandel erfahren. Möglicherweise könnte es Auswirkungen auch auf die baltischen Staaten, den Balkan und sogar Asien geben. Darüber hinaus könnte die Art und Weise, wie der Westen auf Russlands Vorgehen reagiert, durchaus Einfluss darauf haben, wie China seine Haltung zu Taiwan bewertet.

Stimmungswechsel bei den Anlegern

Im Moment konzentrieren sich die Anleger darauf, die möglichen Ausmaße des sich entwickelnden Konflikts zu bewerten. Wir gehen davon aus, dass die Märkte zwischen Maßnahmen, die zu einem raschen Regimewechsel in der Ukraine führen, und Entscheidungen, die einen langwierigen militärischen Konflikt nach sich ziehen, unterscheiden werden. Die Kursentwicklung im Laufe des Tages (24. Februar) deutete darauf hin, dass sich die Anleger an dem historischen Szenario orientierten, gemäß dem große geopolitische Erschütterungen an den Finanzmärkten, einschließlich lokal begrenzter Kriege, in der Regel gute Kaufgelegenheiten darstellen.

Wie wir gestern in den ersten Stunden des europäischen Handels beobachten konnten, reagierten die Anleger auf die Nachricht zunächst mit einer Verringerung des Risikos, da sich die Aussichten für die Weltwirtschaft und die geopolitische Lage verschlechterten. Dies löste einen reflexartigen, breit angelegten Verkauf von Risikopapieren, ein Chaos an den russischen Märkten, einen starken Druck auf die Rohstoffe und eine vorhersehbare Rotation in sichere Häfen wie Gold aus.

Der Stimmungswechsel an den Finanzmärkten gestern war beachtlich. Als der US-Handel einsetzte, hatte sich das psychologische Verhaltensmuster von der anfänglichen Panikverkaufswelle hin zur Suche nach Fehlbewertungen gewandelt. An diesem Punkt könnte es noch viel zu tun geben, wenn die Folgewirkungen der Ereignisse in der Ukraine bewertet werden. Die wichtigsten Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt, sind nach Auffassung der Kommission die finanziellen Folgen der Sanktionen, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Rohstoffverknappung und die mögliche Reaktion der großen Zentralbanken.

Künftige Herausforderungen

Bleibt der militärische Konflikt lokal begrenzt, dürften die globalen wirtschaftlichen Auswirkungen vor allem vom Ausmaß und der Dauer des Preisanstiegs bei Rohstoffen abhängen und durch etwaige negative Auswirkungen auf das Vertrauen der Unternehmen und Verbraucher verstärkt werden. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge scheinen beide Faktoren in Kontinentaleuropa deutlich mehr Gewicht zu haben als anderswo. Unserer Ansicht nach könnte eine anhaltende Rohstoffverknappung das Wachstum in der Eurozone erheblich beeinträchtigen. Dagegen könnten die Folgen für die USA und andere Volkswirtschaften deutlich schwächer ausfallen.

Die Einwirkung steigender Rohstoffpreise auf die Inflation erschwert die ohnehin schon schwierige Aufgabe der Zentralbanken. Zwar scheint die derzeitige Unsicherheit an den Märkten einige der restriktiveren Szenarien der US-Notenbank (Fed) zu verdrängen – wie etwa eine Zinserhöhung um 50 Basispunkte (Bp.) im März –, doch dürften die Auswirkungen auf die US-Zinssätze darüber hinaus begrenzt ausfallen. Unserer Einschätzung nach wird der Konflikt zum jetzigen Zeitpunkt kaum Einfluss auf den Entscheidungsfindungsprozess der Fed haben, es sei denn, er ändert die Erwartungen im Hinblick auf die Dynamik des US-Arbeitsmarktes.

Auch für die Europäische Zentralbank (EZB) stellt dieser Konflikt eine echte Herausforderung dar. Die erste Folge ist der zunehmende Druck auf die Inflation, die in Europa bereits den höchsten Stand seit 30 Jahren erreicht hat.1 Dennoch gibt es kaum Anzeichen für eine Überhitzung der Wirtschaft in der Eurozone. Die Binnennachfrage ist gedämpft, der Lohndruck ist nicht so stark wie im Vereinigten Königreich, und in den USA wird ein Großteil des Inflationsdrucks importiert. Da das Vertrauen in die Wirtschaft jetzt auf dem Spiel steht, dürfte die EZB den Preisschock bei den Rohstoffen wohl eher als eine Belastung für die Realeinkommen der Verbraucher denn als Quelle für einen anhaltenden Inflationsdruck betrachten. Wir sind der Ansicht, dass die Zinsentwicklung in der Eurozone durch den Konflikt vermutlich gedämpft wird und sich die Aufmerksamkeit vielmehr auf die Herausforderung richtet, welche die EZB zu bewältigen hat, nämlich die Zinssätze deutlich über Null zu bringen.

Konsequenzen für Anleger

Wir gehen davon aus, dass die Ereignisse in Europa noch über viele Monate hinweg Spuren hinterlassen werden, so dass die Rahmenbedingungen für Aktien in der Eurozone schwieriger sein könnten als im Vereinigten Königreich und in den Schwellenländern. Europäische Anleihen sind attraktiv, da die Kapitalabflüsse die Anleiherenditen und -spreads ansteigen lassen werden. Wir sehen lediglich ein geringes Risiko, dass die kurzfristigen Zinserwartungen in Europa nachhaltig nach oben korrigiert werden. Allerdings gehen wir davon aus, dass das Wachstum robust genug ist, um die Wahrscheinlichkeit einer Rezession gering zu halten.  Andererseits könnten die darauffolgenden Marktbewegungen nach der Eskalation des Konflikts günstige Kaufgelegenheiten bei US-Wachstumswerten bieten, wie dies an den Märkten am 24. Februar zu beobachten war.2

1Quelle: Bloomberg, Euro Area harmonised index of consumer prices, 31. Januar 2022
2Quelle: The Wall Street Journal, Growth Stocks Surge as Investors Back Away from Value Shares, 24. Februar 2022

Glossar

„Schnäpchenjagd“ oder günstige Kaufgelegenheiten: Kauf eines Vermögenswerts, nachdem er im Preis gefallen ist, in der Annahme, dass der neue niedrigere Preis ein Schnäppchen oder einen kurzfristigen Rückgang darstellt und dass der Vermögenswert mit der Zeit wahrscheinlich wieder an Wert gewinnt und steigt.
Wachstumswerte: Die Anleger erwarten, dass die Erträge von Wachstumswerten im Vergleich zum übrigen Markt überdurchschnittlich steigen und damit auch ihre Aktienkurse.
Restriktiv: Mit restriktiver Geldpolitik oder geldpolitischer Straffung werden Maßnahmen der Zentralbanken bezeichnet, die darauf abzielen, die Inflation einzudämmen und das Wirtschaftswachstum zu verlangsamen, indem die Zinsen erhöht und die Geldmenge verringert werden.
Spread: die Renditedifferenz zwischen Unternehmensanleihen und gleichwertigen Staatsanleihen.
Rendite: Ertrag aus einem Wertpapier, üblicherweise in Prozent angegeben. Bei einer Anleihe wird sie berechnet, indem die Kuponzahlung durch den aktuellen Anleihekurs geteilt wird.

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