Die beiden Portfoliomanager Charlie Awdry und May Ling Wee teilen ihre Einschätzung zu den wesentlichen Risiken und Chancen für Anleger in China im nächsten Jahr. Zudem erläutern sie, wie die Entwicklungen 2019 ihren Ausblick für die Anlageklasse beeinflusst haben.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Den Ausgang der Handelsgespräche zwischen den USA und China vorhersagen zu wollen, ist vergebliche Liebesmüh, denn die strategische Rivalität zwischen den beiden Nationen ist ein Dauerthema.
  • Grundlegend für die Anlagethese mit Blick auf China bleibt der Konsum; Chancen sieht das Team in den Bereichen Internetdienste, Gesundheit und Lebensversicherung.
  • 2019 haben sich Chinas führende Unternehmen trotz eines schwierigeren Makroumfelds gut entwickelt.

Welche zentralen Risiken sollten Anleger 2020 bei chinesischen Aktien auf dem Schirm haben?

Geopolitische Risiken und Vergeltungsmaßnahmen

Für die strategische Rivalität zwischen den USA und China gibt es keine einfache Lösung. Jederzeit kann der Handels- und Technologiekrieg wieder eskalieren. Für Anleger sind das schwierige Rahmenbedingungen, zumal die USA zahlreiche Register ziehen können, die nichts mit dem Handel zu tun haben. Der Handelskrieg schadet aber nicht nur China und den USA. Er belastet auch die Weltwirtschaft und hat Auswirkungen auf die Kapitalzuflüsse in chinesische Anlagewerte.

Hongkong und die Reaktion der Kommunistischen Partei

Das chinesische Politbüro scheint gegenüber Bestrebungen, die seine Autorität infrage stellen könnten, eine härtere Haltung an den Tag zu legen. Somit laufen die Institutionen und Unternehmen in Hongkong Gefahr, an eine noch kürzere Leine genommen zu werden. Hongkongs Status als Sonderverwaltungsregion, festgeschrieben im „Grundgesetz“1, und seine Rolle als globaler Finanzplatz stehen auf dem Spiel. Mit der Unterzeichnung der „Hongkonger Menschenrechts- und Demokratieverordnung“ durch den US-Senat sind die Beziehungen zwischen Washington und Peking noch komplizierter geworden.

Bankensektor – Rettung für kleine Geldhäuser

Nach den Pleiten von drei Regionalbanken in diesem Jahr sind Liquiditätsengpässe für kleinere regionale Banken in China zu einem Problem geworden, denn die implizite Staatsgarantie, die bei früheren Rettungsaktionen galt, gibt es nicht mehr. Chinas Großbanken haben eine vergleichsweise solide Kapitalausstattung. Aber sie können jederzeit vom Staat dazu herangezogen werden, kleinere Banken vor der Pleite zu retten. In unseren Portfolios finden sich daher keine chinesischen Banken.

Was könnte 2020 bereithalten?

Wachstum zu vernünftigem Preis bei Mega-Cap-Internetaktien

Wachstumsaktien gerade aus dem chinesischen Gesundheits- und Konsumsektor haben sich 2019 bislang gut entwickelt, denn Anleger suchen nach stabilem, nachhaltigem Wachstum. Internetriesen wie Alibaba und Tencent, die mit anhaltenden Innovationen den Bedürfnissen der chinesischen Verbraucher und Unternehmen gerecht werden wollen, werden seit ihrer Börsennotierung mit unterdurchschnittlichen Kurs-Gewinnverhältnissen2 gehandelt.

Diverse gefragte Marktbereiche in China sind attraktiv bewertet

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Quelle: Bloomberg, Janus Henderson Investors, 26. November 2019. Chinesische A-Aktien sind auf Yuan lautende Wertpapiere, die an den Börsen in Shenzhen und Shanghai gehandelt werden. Die vergangene Wertentwicklung ist kein Anhaltspunkt für die zukünftige Wertentwicklung.

Konjunktur könnte bei weiteren Lockerungen wieder anziehen

Chinas Wirtschaft wird wohl zum Jahresende hin und Anfang 2020 etwas langsamer wachsen. Von Peking wird daher eine weitere Lockerung der fiskal- und geldpolitischen Zügel erwartet3, um das Wachstum zu stabilisieren. Zinssenkungen zur Reduzierung der Kreditaufnahmekosten wurden bereits vorgenommen, machen sich aber bislang noch nicht in Form einer höheren Kreditvergabe bemerkbar. Wenn wieder mehr Kredite ausgereicht werden, die Infrastrukturausgaben steigen und die Unternehmen wieder zuversichtlicher sind, könnte die Wirtschaft schon bald aus dem Konjunkturtal herausfinden. Aus unserer Sicht wären das günstigere Rahmenbedingungen für führende Qualitätsunternehmen aus der Industrie- und Konsumgüterbranche in China, die tendenziell empfindlicher auf Veränderungen in der Wirtschaft reagieren.

Von welchen Schlüsselthemen wollen Sie mit Anlagen in China profitieren?

Konsum und Dienstleistungen

Unsere Meinung hat sich nicht geändert: Der Konsum ist und bleibt das Fundament, auf dem unsere Anlagethese für China aufbaut. Unternehmen, die die richtigen Produkte und Dienstleistungen bieten, gewinnen Kunden und Marktanteile hinzu. Dabei werden auch die Verbraucher aus China anspruchsvoller: Aber mithilfe innovativer Produkte können die großen Internet-Dienstleister die Bedürfnisse der rund 850 Millionen „Netizens“ im Reich der Mitte erfüllen.

Öffnung der Finanzmärkte

Chinas Ziel ist es, mehr ausländische Anleger an seine Aktien- und Anleihemärkte zu locken. Aus aller Welt dürfte chinesischen Vermögenswerten auch weiter vermehrt Kapital zufließen, wurden im letzten Jahr chinesische „A“-Aktien doch in den MSCI Emerging Markets Index aufgenommen. Über die Shanghai und Shenzhen Connect-Programme für Aktien und Anleihen 4 bietet die Börse Hongkong (HKEx) Anlegern die Möglichkeit, bequem an den lokalen Märkten zu investieren. HKEx könnte auch davon profitieren, wenn sich mehr chinesische Unternehmen zu einer Doppelnotierung auf dem chinesischen Festland und in Hongkong entschließen und damit die Börse Hongkong als Alternative zu amerikanischen Hinterlegungsscheinen (ADRs)5 bevorzugen. Bei Letzteren müssen die Emittenten nämlich die in den USA geltenden Aufsichts- und Wertpapiervorschriften einhalten. HKEx würde dann zum Standard-Auslandsmarkt, an dem ausreichend Kapital aus dem Ausland für die Kapitalaufnahme chinesischer Unternehmen zur Verfügung steht. Exemplarisch dafür ist Alibabas Entscheidung, eine Zweitplatzierung in Hongkong anzustreben.

Alternde Bevölkerung: Lebensversicherungen und Gesundheit

Das Vermögen der alternden Bevölkerung im Riesenreich schafft Anlagechancen in Dienstleistungsbranchen wie Lebensversicherungen und Vermögensverwaltung. In China sind Versicherungen bislang nur wenig verbreitet. Bei älteren Arbeitnehmern und vielen wohlhabenden Unternehmern aus dem Reich der Mitte wächst indes der Wunsch nach Vermögensschutz und -wachstum, da für diese Gruppe der Vermögensübergang auf die nächste Generation sowie die Absicherung im Alter größere Bedeutung erlangt. Zudem geben sie von ihren wachsenden Altersbezügen einen immer größeren Teil für Gesundheitsprodukte und -dienstleistungen aus.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus den Entwicklungen in 2019 gewonnen und wie beeinflussen sie Ihren Ausblick auf das kommende Jahr?

2019 hat deutlich gemacht, dass der Versuch, den Ausgang der Handelsgespräche vorherzusagen, zum Scheitern verurteilt ist. Immer wieder wurden die Hoffnungen der Marktteilnehmer enttäuscht.

Nach unserer Erfahrung sind Anlagen in China immer ein Zusammenspiel von gesamtwirtschaftlichen und unternehmensspezifischen Faktoren. Seit Jahresbeginn ist der CSI300 Index um 28% gestiegen (Stand: 4. Dezember 2019), während der MSCI China Index im gleichen Zeitraum 11% an Wert gewonnen hat6. Und das trotz der anhaltenden Konjunkturabkühlung im Reich der Mitte. Maßgeblich beeinflusst wird die Marktstimmung von der Erwartung, dass die Regierung willens und in der Lage ist, die Wirtschaft zu stützen.

In diesem Jahr scheinen sich Wirtschaft und Unternehmen einmal mehr voneinander abgekoppelt zu haben. So haben Chinas führende Unternehmen trotz des schwierigen Konjunkturumfelds ein gutes Betriebsergebnis und ansehnliche Kursgewinne erzielt.

Nach 30 Jahren mit rasanten Wachstumsraten verlangsamt sich nun die Konjunktur im Reich der Mitte. Dennoch finden wir weiter attraktive Anlagechancen bei führenden chinesischen Unternehmen, die Innovationen hervorbringen, sich neue Märkte erschließen und bessere Produkte sowie Dienstleistungen für ihre Kunden entwickeln.

Anmerkungen:

1Grundgesetz der Sonderverwaltungsregion Hongkong: Darin ist das Prinzip „ein Land, zwei Systeme“ bis 2047 für Hongkong festgeschrieben. Es schützt Rechte wie Versammlungs- und Redefreiheit sowie den Sonderverwaltungsstatus Hongkongs.

2Beim Kurs-Gewinnverhältnis oder KGV wird der Kurs eines Unternehmens durch den Gewinn je Aktie in einem 12-Monatszeitraum geteilt. Das KGV wird als Zahl oder Vielfaches des Gewinns je Aktie ausgedrückt und ist eine wichtige Bewertungskennzahl für Anleger.

3 Fiskal- und geldpolitische Lockerung: bezeichnet Maßnahmen zum Ankurbeln der Wirtschaft. Hierbei kann es sich um fiskalische Maßnahmen wie höhere Staatsausgaben oder Steuererleichterungen bzw. geldpolitische Maßnahmen der Zentralbanken in Form von Zinssenkungen oder Käufen von Vermögenswerten handeln.

4Shanghai/Shenzhen Connect-Programme für Aktien und Anleihen: eine gemeinsame Initiative der Börsen in Hongkong, Shanghai und Shenzhen sowie des Interbankenanleihemarktes in China. Im Rahmen der Stock-Connect-Programme können Festlandchinesen und internationale Anleger Wertpapiere an den jeweils anderen Märkten über die Handels- und Clearingeinrichtungen ihrer jeweiligen Heimatbörsen handeln.

5ADR: ein von US-Depotbanken ausgegebener Hinterlegungsschein, der eine bestimmte Anzahl hinterlegter Aktien eines ausländischen Unternehmens repräsentiert und an deren Stelle gehandelt werden kann  ADR erleichtern den Handel mit Aktien ausländischer Unternehmen an US-Börsen.

6Quelle: Bloomberg, Kursrenditen des Index für den Zeitraum vom 31. Dezember 2018 bis 4. Dezember 2019. Die vergangene Wertentwicklung ist kein Anhaltspunkt für die zukünftige Wertentwicklung.