Nachhaltige Aktien 2023: ein Jahr der Rückverlagerung, des Wiederaufbaus und der Elektrifizierung
Hamish Chamberlayne, Leiter Global Sustainable Equities, präsentiert seinen Ausblick auf das Jahr 2023 und betrachtet drei zentrale Themen, die viele Gründe zur Vorfreude liefern.

6 Minuten Lesezeit
Zentrale Erkenntnisse:
- Abgesehen von der politischen Ungewissheit und einem drohenden harten Winter für Europa sind wir für die Anlagechancen im Jahr 2023 optimistisch gestimmt.
- Technologie wird eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Energiepreisexplosion spielen, weil sie günstigere Alternativen bereitstellen und von der physischen Wirtschaft unabhängiger machen kann.
- Strategisch wichtige Bereiche wie Technologien für erneuerbare Energien, die Batterie-Lieferketten und Elektrofahrzeuge werden näher zu den Heimmärkten zurückverlagert. Dies wird eine größere wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zur Folge haben und die Nachhaltigkeit fördern.
Einen halbwegs exakten kurz- bis mittelfristigen Ausblick zu geben ist immer schwierig – das Jahr 2023 ist da eindeutig keine Ausnahme. Über die mit dem aktuellen Umfeld verbundenen Negativfaktoren wurde eingehend berichtet, doch für uns bieten wichtige Nachhaltigkeitsthemen, die potenziell Fahrt aufnehmen könnten, auch ganz klare Pluspunkte.
Krisen fördern oft Innovationen, und wir sind der Ansicht, dass die geopolitische Zersplitterung von heute der Katalysator für die grüne Wirtschaft von morgen sein wird. – Hamish Chamberlayne
Selbstverständlich lassen sich einige Dinge von globaler Tragweite nicht vorhersagen – der Erfolg der Zentralbanken im Kampf gegen die Inflation, der Umgang der Länder mit den explodierenden Lebenshaltungskosten und die Entwicklung des Ukraine-Kriegs sind allesamt große Unbekannte. Doch abgesehen von dieser Ungewissheit sind wir für 2023 vorsichtig optimistisch. Chinas Staatspräsident Xi Jinping unterstützt Putins Krieg gegen den Westen nicht mehr so stark wie zuvor und will wichtige Ressourcen nicht als Druckmittel bei Verhandlungen einsetzen. Unterdessen verlangsamt sich die Inflation in einigen Ländern bereits, und einige Vertreter der US-Notenbank haben sich dafür ausgesprochen, das Zinserhöhungstempo in der einflussreichsten Volkswirtschaft der Welt zu verringern. Dadurch verbessern sich die Aussichten für Unternehmen in aller Welt, von denen derzeit viele niedrig bewertet sind.
Ungewissheit wird es zwar auch in den nächsten zwölf Monaten geben, wir sehen jedoch eine Menge Gründe zur Vorfreude.
1. Wiederherstellung wirtschaftlicher Sicherheit durch die grüne industrielle Revolution
Wie früher schon erwähnt, dürfte der nächste Wirtschaftszyklus von einer grünen industriellen Revolution angetrieben werden – bei der die Gesellschaft von der auf fossilen Brennstoffen basierenden Wirtschaft zu einem Modell übergeht, das auf eine kohlenstoffarme, digitale und elektrische Infrastruktur setzt. Die politische Instabilität und die Unterbrechungen der Lieferketten in jüngster Vergangenheit haben offenbart, wie labil und anfällig das traditionelle globale Wirtschaftsmodell ist, was den Argumenten für eine bessere, nachhaltige Wirtschaft noch mehr Nachdruck verleiht. Diese Erkenntnis bestätigen auch politische Entscheider der Industrieländer, die die Nachhaltigkeit zu einem zentralen Element ihrer Politik gemacht haben, die dem Aufbau und Ausbau einer sauberen, digitalen Wirtschaft dienen soll. Dadurch werden strategisch wichtige Wirtschaftszweige wieder näher zu den Heimmärkten verlagert, um die Robustheit der Wirtschaft zu verbessern und zugleich die Nachhaltigkeit zu fördern. Deshalb gehen wir von einem Investitionsausgabenboom in naher Zukunft aus.
In einigen Wirtschaftszweigen, die für die Gesellschaft von größter strategischer Bedeutung sind, haben diese Veränderungen bereits eingesetzt. In Asien wird ein Großteil der Halbleiter produziert, die als wichtige Komponenten in elektronischen Geräten zum Einsatz kommen, die zahlreiche saubere Technologiezweige ermöglichen. Einige führende Technologiefirmen haben jedoch ihre Absichten klar zum Ausdruck gebracht, wichtige Teile ihrer Lieferketten wieder näher an den Heimmarkt zurückzuverlagern, um von ausländischen Fabriken unabhängiger zu werden. Zum Beispiel hat der Halbleiterhersteller TSMC, der viele große Technologiefirmen mit Halbleitern beliefert, vor Kurzem angekündigt, dass er ein Halbleiterwerk im US-Bundesstaat Arizona bauen will und zudem beabsichtigt, auch in Europa neue Kapazitäten zu entwickeln. Tim Cook, der CEO des Technologieriesen Apple, erklärte: „Ich glaube, wir werden letztlich massive Investitionen in Kapazitäten sowohl in den USA als auch in Europa erleben in dem Versuch, in der Siliziumproduktion die Marktanteile der jeweiligen Länder zu verändern.“
Wir erwarten für 2023 in anderen Branchen – Technologien für erneuerbare Energien, Batterie-Lieferketten, Elektrofahrzeuge – eine ähnliche Dynamik, weil die Unternehmen sich bemühen, Teile der Produktion wieder zurückzuverlagern und im Heimmarkt wiederaufzubauen. Viele dieser Branchen werden für eine nachhaltige Zukunft wesentlich sein - genau jene Branchen werden die Grundlage für eine grüne nachhaltige Wirtschaft sein.
2. Erneuerbare Energien als Lösung für die Energiekrise
The energy crisis will continue to be a topic of focus in 2023, however, we see technology playing an important role in mitigating energy inflation by offering cheaper alternatives and reducing the dependence on the physical economy. Policymakers have made clear that clean energy is key to meeting energy security needs, with the European Union’s Green Deal and the US Inflation Reduction Act investing €1,800 billion and US$370 billion respectively in the green transition.1,2 In 2022 alone, investment in renewables increased significantly despite supply chain constraints, with solar projects up 33% reaching a record-breaking US$120 billion and wind project financing up 16% to US$84 billion.3
Erneuerbare Energien sind nicht nur entscheidend für die Energiesicherheit, sondern auch viel günstiger als andere Stromerzeugungstechnologien. Tatsächlich sind sie heute für zwei Drittel der Weltbevölkerung, die einen Anteil von 75% am globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) haben, die günstigste Energiequelle.4 In Anbetracht der steigenden Energiepreise ist die Wirtschaftlichkeit sauberer Energien frappierend. Daher erwarten wir, dass Branchen, die mit allen Aspekten rund um saubere Energie zu tun haben, im Jahr 2023 sehr stark im Blickpunkt stehen werden.
3. Elektrifizierung des Verkehrs
In den letzten Jahren hat die Verbreitung von Elektrofahrzeugen (EV) zugenommen, weil sie aus Sicht der Wirtschaftlichkeit attraktiver geworden sind und ihr Beitrag zur Dekarbonisierung der Wirtschaft wichtiger wird, um die weltweiten Netto-Null-Ziele zu erreichen. Weltweit waren im Jahr 2021 mehr als 16,5 Mio. Elektroautos unterwegs, das entspricht einer Verdreifachung in gerade einmal drei Jahren.5 Dies äußert sich auch in den globalen EV-Investitionen, die 2021 um 77% auf 273 Mrd. US-Dollar in die Höhe schnellten. Dagegen hatte die weltweite Produktion von Autos mit Verbrennungsmotor 2017 den Höhepunkt erreicht. Deshalb gehen wir davon aus, dass die Nachfrage nach Fahrzeugkraftstoffen, die rund 60% der Ölnachfrage ausmacht, in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts allmählich sinken wird.
Wir werten diese Veränderungen als Indiz für einen Wendepunkt in der S-Kurve der Elektrifizierung. Die Elektrifizierung befindet sich nach unserer Auffassung absolut in einer starken Wachstumsphase, wobei Innovationen zu besseren, effizienteren und preisgünstigeren Fahrzeugen führen. Für das kommende Jahrzehnt prognostizieren wir, dass mehr als 50% aller produzierten Autos Elektroautos sein werden. Neben dem EV-Bereich wird die Innovation bei sämtlichen Aspekten der Elektrifizierung ebenfalls zunehmen, unter anderem in Gebäuden und in der Industrie.
Langfristige Wachstumschancen in Sicht
Mancher sieht zwar Parallelen zwischen heute und der Energiekrise in den 1970er Jahren – mit ihren extrem hohen Energiepreisen –, wir glauben aber, dass die Situation heute ganz anders ist als damals. Der prozentuale Ölpreisanstieg war vor 50 Jahren sehr viel stärker als heute, ein noch deutlicherer Unterschied besteht jedoch darin, dass die technologischen Lösungen zur Verringerung des Inflationsdruck heute bereits existieren und zudem aus wirtschaftlicher Sicht überaus attraktiv sind.
Trotz der Ungewissheit über den Krieg in der Ukraine und den harten Winter, der Europa bevorstehen dürfte, sind wir für die Märkte nun viel zuversichtlicher als vor zwölf Monaten. Die Bewertungen der Unternehmen sind erheblich gesunken, und doch erkennen wir noch eine Vielzahl von langfristigen Wachstumschancen in nächster Zeit. Krisen fördern häufig Innovationen, und wir sind der Ansicht, dass die geopolitische Zersplitterung von heute der Katalysator für die grüne Wirtschaft von morgen sein wird.
Wenn wir die Unternehmen betrachten, sind die Fundamentaldaten so wichtig wie eh und je. Wir konzentrieren uns auf Unternehmen mit soliden Bilanzen, die auch in wirtschaftlich turbulenten Zeiten, die im nächsten Jahr unvermeidbar sein werden, Cashflows generieren können. Ebenfalls in unserem Fokus stehen Unternehmen, die auf die Entwicklung einer nachhaltigen Wirtschaft ausgerichtet sind und sich in einem von Rückverlagerung, Wiederaufbau und Elektrifizierung gekennzeichneten Umfeld gut entwickeln werden.
1 Europäische Kommission, Europäischer Green Deal, Juli 2021
2 The White House, „By the numbers: The Inflation Reduction Act“, August 2022
3 BNEF, „Energy transition investment trends 2022“, Januar 2022
4 BNEF, „1H 2022 LCOE update: Cost inflation, but not inflection“, Juni 2022
5 IEA, „Trends in electric light-duty vehicles“, Dezember 2021
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