Wird das Marktgeschehen weiterhin von Covid-19-Varianten bestimmt? Portfoliomanager Robert Schramm-Fuchs untersucht, vor welche Herausforderungen die Pandemie die Geldpolitik und die Wachstumserwartungen im Jahr 2022 stellt.

Wichtigste Erkenntnisse:

  • Das durch die erfolgreiche Impfstoffentwicklung und Impfkampagne geschaffene Vertrauen der Anleger wurde durch Omikron erschüttert. Angesichts der Fähigkeit des Virus, schnell zu mutieren, zeichnet sich immer klarer ab, dass wir uns an ein Leben mit Covid-19 gewöhnen müssen.
  • Das Risiko einer „Stagflation“ im Jahr 2022 könnte durch die restriktive Geldpolitik der US-Notenbank noch verstärkt werden, auch wenn es Anzeichen für eine allgemeine Konjunkturabkühlung gibt.
  • Da die Ungewissheit weiter zunehmen dürfte, sollten Anleger eine Allokation in ein Long-Short-Aktienportfolio in Betracht ziehen, das sich sowohl steigenden als auch fallenden Märkten flexibel anpassen kann.

Mit Blick auf das erste Halbjahr 2022 sehen wir uns zu einer vorsichtigeren Haltung gezwungen als Anfang 2021, denn eine Reihe von Faktoren belasten unserer Ansicht nach die Märkte und die Wirtschaft. Wichtige Indikatoren deuten darauf hin, dass sich das makroökonomische Umfeld verschlechtert, die Inflation erweist sich als problematisch und die Zentralbanken haben eine restriktivere Haltung eingenommen (insbesondere in den USA). Nach der Entstehung von Omikron, der jüngsten Covid-19-Variante, sind die meisten wichtigsten Indizes gegenüber ihren Allzeithochs wieder gesunken. Dennoch sehen wir noch keinen Grund für übermäßig optimistische Prognosen.

Die Verbreitung von Omikron

Es war keine Überraschung, dass das durch die erfolgreiche Impfstoffentwicklung und Impfkampagne geschaffene Vertrauen der Anleger durch Omikron erschüttert wurde. Aufgrund seiner höheren Übertragbarkeit hat sich Omikron in den Industrieländern rasch zur dominierenden Coronavirus-Variante entwickelt. Im günstigsten Szenario könnte die Verbreitung der Variante ähnlich verlaufen wie bei anderen Virusstämmen, die zunächst sehr gefährlich erschienen, dann aber sang- und klanglos verschwanden. Derzeit gibt es Anzeichen dafür, dass die erhöhte Ansteckungsgefahr möglicherweise mit einem leichteren Krankheitsverlauf einhergeht. Selbst im schlimmsten Fall scheinen die verfügbaren Impfstoffe noch einen guten Schutz vor einer schweren Erkrankung zu bieten. Angesichts der anhaltenden weltweiten Verbreitung des Virus und seiner Fähigkeit, schnell zu mutieren, zeichnet sich jedoch immer klarer ab, dass wir uns an ein Leben mit Covid-19 gewöhnen müssen – so wie wir gelernt haben, mit der Präsenz unzähliger anderer Viren zu leben. Doch die Gesundheitsbranche kann uns dabei auf vielfache Weise unterstützen.

Aus rein medizinischer Sicht beurteilen wir die Anpassungsfähigkeit der Impfstoffhersteller weiterhin sehr optimistisch. BioNTech und Pfizer reagierten besonders schnell und kündigten an, dass sie ihre mRNA-Impfstoffe mit einer Vorlaufzeit von etwa drei Monaten an neue Varianten anpassen können. Immer mehr Menschen erhalten Zugang zu Erst- und Auffrischungsimpfungen. Die Regierungen müssen nun ihr Möglichstes tun, um diese Erfolge zu sichern, indem sie die Wirtschaft unterstützen und ein Umfeld schaffen, in dem Verbraucher und Unternehmen zuversichtlich agieren können.

Gedämpftes Wachstum und höhere Inflation – Stagflation?

In den G7-Staaten (USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Kanada und Japan) hat sich die reale Geldschöpfung seit dem Sommer 2020 stark verringert – siehe Abbildung 1. Diese Entwicklung hält an und hat dazu beigetragen, dass die Erwartungen an das Wirtschaftswachstum gesunken sind. Ähnliche Anzeichen von Schwäche sehen wir bei den Unternehmensgewinnen. Zu Jahresbeginn 2021 waren mehr Aufwärts- als Abwärtskorrekturen der Gewinnprognosen zu verzeichnen, was darauf hindeutet, dass die Unternehmen im Zuge der Wiederöffnung der Wirtschaft über Erwarten erfolgreich waren. Doch im Laufe des Jahres näherte sich dieses Verhältnis einem Gleichgewicht an, und wir rechnen damit, dass die Abwärtskorrekturen im ersten Halbjahr 2022 weiter zunehmen.

Abbildung 1: Enttäuschendes Geldmengenwachstum

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Quelle: Refinitiv Datastream. Analyse von Janus Henderson Investors, Stand: 31. Oktober 2021. Geldmenge M1 = Bargeldumlauf + Sicht-/Tagesgeldeinlagen. Der Einkaufsmanagerindex (PMI) ist ein Frühindikator für die wirtschaftliche Verfassung des verarbeitenden Gewerbes in einer Volkswirtschaft. Der Index basiert auf fünf Indikatoren: Auftragseingang, Lagerbestand, Produktion, Lieferungen von Zulieferern und Beschäftigungslage. Ein Indexstand über 50 lässt eine Expansion erwarten.

Hinweis: G7-Länder = Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und die USA. E7-Länder = Brasilien, China, Indien, Indonesien, Mexiko, Russland und die Türkei.

Die Inflation hat sich als weitaus hartnäckiger erwiesen als von vielen erwartet und übertrifft die Prognosen. Die Anfälligkeit der globalen Lieferketten hat diesen Trend noch verstärkt: Viele Unternehmen mussten ihre Abläufe ändern und ihre Lagerhaltung von „just in time“ auf „just in case“ umstellen, um die Geschäftskontinuität zu gewährleisten. Die rasche Ausbreitung der Pandemie führte weltweit zur Stilllegung ganzer Branchen, und die staatlich angeordneten Lockdowns ließen die Verbrauchernachfrage sinken. Nach dem Ende der Beschränkungen zog die Nachfrage jedoch stark an und trieb die Preise für knappe Produkte oder Materialien in die Höhe – mit entsprechenden Folgen für die Inflation. Dieses Nachfragewachstum spiegelte sich im Geschäftsklima wider, und der Einkaufsmanagerindex für die Industrie erholte sich deutlich von seinem Tiefstand Mitte April 2020.

Das Risiko einer Stagflation im Jahr 2022 könnte durch das Risiko einer restriktiven Geldpolitik der US-Notenbank (Fed) noch verstärkt werden, auch wenn es Anzeichen für eine allgemeine Konjunkturabkühlung gibt. Die Abflachung der Renditekurven von Staatsanleihen, die gemeinhin als Indikator für Wachstumssorgen gilt, dürfte ein Warnsignal für mögliche geldpolitische Fehler sein. Die Fed hat deutlich gemacht, dass sie angesichts der steigenden Inflation ihre monatlichen Anleihekäufe schneller reduzieren und anschließend die Zinsen erhöhen will. Ein von den USA eingeleiteter Abbau der Konjunkturmaßnahmen würde nicht zuletzt darauf hindeuten, dass die Marktliquidität den Zenit überschritten hat, was zu stärkeren Marktschwankungen beitragen könnte.

Zwei Schritte vorwärts, einen Schritt zurück

Wir rechnen zwar mit einem anhaltenden Wachstum, wenn auch auf einem niedrigeren Niveau. Es erscheint jedoch sinnvoll, das Risiko weiterer pandemiebedingter Konjunkturrückschläge und das Potenzial für erhebliche Abweichungen auf Aktien- und Sektorebene abzuwägen. Das anhaltende Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage aufgrund der Pandemie und das Risiko fiskal- und geldpolitischer Fehler (und der Inflation) dürften die Unsicherheit noch verstärken. Anleger sollten daher ein breiteres Spektrum von Instrumenten für ihr Portfolio in Betracht ziehen.

Es sollte nicht vergessen werden, dass Strategien, die auf Long-Positionen in Aktien und Anleihen basieren, Anlegern seit vielen Jahren als zuverlässige Lösung dienen. Doch kein Marktparadigma ist von Dauer, und das aktuelle Umfeld könnte sich durchaus als schwieriger herausstellen. Gerade jene Faktoren, die zur Unsicherheit beigetragen haben, bieten möglicherweise bessere Chancen für Long-/Short-Strategien, die sich sowohl an steigenden als auch an fallenden Märkten behaupten können.

Glossar:

Inflation: Die Rate, mit der die Preise von Waren und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft steigen. Der US-amerikanische Consumer Price Index (CPI) und der britische Retail Price Index (RPI) sind zwei gängige Inflationskennzahlen.

Geldschöpfung: Der Prozess, durch den die Geldmenge eines Landes oder einer Wirtschafts- oder Währungsregion erhöht wird. Den größten Anteil hat dabei die Kreditvergabe durch Banken. Ausschlaggebend für die geschaffene Geldmenge ist jedoch letztlich die Geldpolitik der Zentralbank, in der Regel durch die Festlegung der Leitzinsen; die Zentralbank kann die Geldmenge durch quantitative Lockerungsmaßnahmen aber auch direkt anpassen. Eine Erhöhung des Geldangebots führt in der Regel zu mehr Investitionen und versorgt die Verbraucher mit mehr Geld, wodurch das Wachstum angekurbelt wird.

Geldpolitik: Die Politik einer Zentralbank mit dem Ziel, die Inflations- und die Wachstumsrate einer Volkswirtschaft zu beeinflussen. Sie umfasst die Steuerung der Zinssätze und des Geldangebots.

Quantitative Lockerung: Eine unkonventionelle Geldpolitik, mit der die Zentralbanken versuchen, durch die Erhöhung der Geldmenge im Bankensystem die Konjunktur zu beleben;  meist kaufen die Zentralbanken zu diesem Zweck Staatsanleihen an.

Einkaufsmanagerindizes: Der Einkaufsmanagerindex (PMI) ist ein Frühindikator für die wirtschaftliche Verfassung des verarbeitenden Gewerbes in einer Volkswirtschaft. Der Index basiert auf fünf Indikatoren: Auftragseingang, Lagerbestand, Produktion, Lieferungen von Zulieferern und Beschäftigungslage.

Stagflation: Eine relativ seltene Situation, in der eine steigende Inflation mit einem sehr schwachen Wirtschaftswachstum einhergeht.

Renditekurve von Anleihen: Ein Diagramm, das die Renditen von Anleihen ähnlicher Bonitätmit unterschiedlichen Laufzeiten darstellt. Eine normale Zinskurve hat einen steigenden Verlauf, d.h. länger laufende Anleihen bieten höhere Renditen als Anleihen mit kurzer Laufzeit. Eine Renditekurve kann die Markterwartungen in Bezug auf die künftige wirtschaftliche Entwicklung eines Landes signalisieren.

Long-Positionen: Eine Strategie, bei der Anleger in Vermögenswerte (Aktien, Anleihen, Immobilien usw.) investieren, da sie erwarten, dass deren Wert im Laufe der Zeit steigt.

Short-Positionen: Bei dieser Strategie leihen Fondsmanager aus ihrer Sicht überbewertete Vermögenswerte und verkaufen sie anschließend mit dem Ziel, sie nach einem Kursrückgang zurückzukaufen. Ihre Positionen erzielen Gewinne, wenn die betreffenden Wertpapiere an Wert verlieren.

Long-/Short-Investitionen: Eine Strategie, bei der sowohl in Long- als auch in Short-Positionen investiert wird. Ziel ist dabei, von Kursgewinnen in Long-Positionen und Kursrückgängen in Short-Positionen zu profitieren. Mit dieser Anlagestrategie lassen sich unabhängig von der Entwicklung des Gesamtmarkts Erträge erzielen, diese sind jedoch nicht garantiert.